„Wia in da guaden oiden Zeit“

Gockel auf dem Misthaufen

Lokalspitze zum Wahljahr 2013 von unserem Bayern-Autor Florian Simon Eiler:

Sucht man nach einem Land, in dem sich immer wieder besonders talentierte Alpha-Tiere gekonnt in Szene setzen, so wird man schnell fündig in der Provinz Bavaria. Der Vergleich mit einem Gockel auf dem Misthaufen ist geschichtlich gesehen zwingend notwendig. Schon im frühen 17. Jahrhundert haben sich sogenannte „Haberfeldmeister“ unter dem weiß-blauen Baldachin zwei weiße Gockelfedern an ihren Hut gesteckt. „Und so a Moasta“ war der Chef einer gleichsam paramilitärischen Einheit, den Haberern. Ein bunt gewürfelter Haufen von Bauern, Handwerkern und einfachen Arbeitern. Gab es ein Schand im Dorf, schritt der Meister zur Tat. „Auf geht’s, Buam!“, rief er mit sonorer Stimme und zog mit den Seinen ins Felde. Und diese Buam folgen in Bayern all die Jahrhunderte hindurch. Kleben an den Lippen ihres Bosses.

Im 21sten ist das Ministerpräsident Seehofer. Vor kurzem hat er festgelegt, dass es in Bayern kein Atommüll-Endlager geben wird. Warum auch? Es stehen nur fünf der 17 deutschen Atomkraftwerke im Freistaat. Hier ist es sauber, schön und die Welt noch in Ordnung. Da kauen die Kühe noch auf saftigen, grünen Gräsern und schauen etwas dümmlich in die Berge und nicht auf eine riesengroße verstrahlte Endlager-Garage, wie sie Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energie, vorgeschlagen hat.

Ach Gott, die guade oide Zeit! Manches bayerische Kabinettsmitglied wünscht sich bei solchen Anlässen das alte Brauchtum zurück: Früher schmiss sich in tiefster Nacht eine Gruppe von hehren, „gstandnen Mannsbuildern“ dem Sündenpfuhl entgegen. Schwarz war man schon damals. Die Haberer schmierten sich extra Kohle ins Gesicht. Ziel war meist ein Hof, auf dem eine ledige, schwangere Magd ihr Dasein fristete. Wichtig bei der Aktion: „Gschau“ erregen. Mit Kuhglocken, Rasseln und Gewehrsalven trommelten sie das Dorf aus ihren Betten. Jeder sollte es hören, und jeder sollte dabei sein, wenn die Haberfeldtreiber ihr Rügegericht abhielten. Für Recht und Anstand sorgten.

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Es war die Zeit unseres Gockels. Hatten sich genügend Zuhörer eingefunden und die Magd voller Angst, legte er los. „Is des wahr“, schrie er zwischen seinen Diffamierungen immer wieder in die Menge, und die schwarzen Burschen plärrten zurück „ja, es is wahr“. Dabei immer wieder Höllenlärm. Es darf angenommen werden, dass bei solchen Aktionen der leibliche Vater des ungeborenen Kindes unter den Richtern war oder sich regelmäßig selbst mit der Leiter Eintritt in Frauenquartiere verschaffte. Ohne über die Konsequenzen der Betroffenen nachzudenken. Wer hier Scheinheiligkeit erkennen mag, liegt falsch. So etwas gibt es in Bayern nicht.

Zurück zu Oettinger. „Haberfeldmeister“ Seehofer hat ihn zwischenzeitlich ordentlich in die Mange genommen. „Es ist scho schad. Haberfeldtreibn wär vor allem im Wahljahr eine brauchbare Einrichtung“, sinniert der Boss mit Wehmut, während er ganz vorsichtig über seine zwei Gockelfedern in der Schublade streicht.

Florian Simon Eiler

2 Bemerkungen

  • Eine geniale Glosse! Die Verbindung zu dem alten Brauch des „Haberfeldtreibens“ ist angesichts der Geschehnisse in Bayern – nicht nur in Verbindung mit der Energiepolitik – wirklich nicht von der Hand zu weisen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Wahlergebnisse trotz aller desaströsen Zustände rund um die bayerischen Ministerien, noch immer die Alleinherrschaft des „Meisters“ erlauben. Es wäre schön, wenn wenigstens ein paar der „Gefolgsleute“ erkennen – und abtrünnig würden!

  • Tja, in Bayern gehen echt die Uhren anders.
    Dritte Startbahn, Mollath und Abgeordnetenbeschäftigungsaffäre völlig egal. Die CSU erhält in den Umfragen wieder 47 Prozent. …Und diese Buam folgen in Bayern all die Jahrhunderte hindurch. Kleben an den Lippen ihres Bosses. 😀

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