Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert – Carl-Friedrich von Weizsäcker verpflichtet

Der von Ulrich Bartosch und Klaudius Gansczyk besorgte Sammelband enthält die Vorträge einer Tagung zur Weltinnenpolitik, die im Mai 2007 in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand und ergänzt diese um Texte und Dokumente zur selben Thematik, die z.T. schon an anderer Stelle erschienen sind. Mit der Veröffentlichung dieses Buches ist eine bisher unerreichte Möglichkeit der Information über den Gesamtkomplex „Weltinnenpolitik“ sowie über seine verschiedenen Einzelaspekte geschaffen worden.

In den Beiträgen wird unmittelbar deutlich, dass die hier behandelten Fragestellungen unser Leben im Einzelnen wie auch die Existenz der Menschheit insgesamt betreffen. Das Buch ist unverzichtbar für alle, die in Politik, Wirtschaft, Kultur und Bildung Verantwortung tragen oder lehren; es ist die Grundlage für jeden, der die Zukunft mitgestalten oder zumindest perspektivisch die globalen Zusammenhänge von Mensch – Ethik – Politik – Umwelt im 21. Jahrhundert verstehen möchte.

Das große Interesse an diesem Buch hat jetzt nach wenigen Monaten bereits eine zweite Druckauflage nötig gemacht. Diese enthält nun auf dem Titel ein Geleitwort des Bundespräsidenten a.D. Richard von Weizsäcker: „Im neu begonnenen Jahrhundert kommen die Gedanken und Argumente zur Weltinnenpolitik nun erst recht in einem unentrinnbaren Sinn zur Geltung. ‘Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert’ erweist dabei einen großen und ausschlaggebenden Dienst.“

Weltinnenpolitik wird von allen Referenten als analytische und programmatische Konzeption für das 21. Jahrhundert verstanden. In der gedanklichen Integration der drei Kernaspekte, nämlich der Weltinnenpolitik, der Weltethosidee als ihrer interkulturellen ethischen Basis und der Menschenpflichtenerklärung wird Carl Friedrich von Weizsäckers „weltinnenpolitisches Erbe“ sichtbar, dem das Buch gewidmet ist. Zugleich wird von Weizsäckers Engagement für die Verschränkung von wissenschaftlichem Denken, moralischem Hinterfragen und politischen Entscheidungen deutlich, ganz besonders pointiert in der Gedenkrede von Johan Galtung, der die „Universalität des Genies“ des Verstorbenen würdigt und dabei dessen Streben nach einer Verbindung zwischen rationalem Planen einerseits und einer tief im Innern des Menschen wurzelnden Ethik andererseits hervorhebt, die auf gewaltfreie Konfliktlösungen gerichtet ist.

In diesem Sinne ranken sich die Beiträge um die drei Aufgaben, die C.F. von Weizsäcker bereits 1963 begrifflich gefasst und in Anbetracht einer fundamental bedrohten Menschheit dem Zusammenwirken einer verantwortungsvollen Politik und der Zivilgesellschaft für die gemeinsame Gestaltung einer zukunftsfähigen „Weltinnenpolitik“ vererbt hat: „1. Sicherung des Weltfriedens, 2. eine international einklagbare Rechtsordnung, 3. international vereinbarten und durchsetzbaren Umweltschutz.“

Klaus Töpfer bietet einen kurzen historischen Rückblick zu den Entwicklungen und Fehlentwicklungen in der Friedenspolitik und einer globalen Nachhaltigkeitspolitik seit Gründung der UNO und nach dem „Erdgipfel“ von Rio de Janeiro 1992. Er fordert als Ausweg aus der zum Teil „perversen“ Situation, die drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung, also wirtschaftliches Wachstum, sozialen Ausgleich und ökologische Stabilität, tragfähig zu machen.

Johan Galtung fasst seine Vision zur Zukunft der Menschenrechte in 12 Thesen zusammen, wobei er neben die Grundbedürfnisse „Überleben, Wohlergehen, Freiheit und Identität/Selbstfindung“ auch eine stärkere Berücksichtigung der Rechte von Gruppen und Gemeinschaften stellt, was schließlich auf eine demokratische Weltbürgerschaft mit einer ausgewogenen Mischung aus Rechten und Pflichten zielt.

Helmut Schmidts Weltethosrede für die politische Praxis kritisiert Ausschließlichkeitsansprüche und Missionierungsstreben einiger Religionen und hebt die Bedeutung der Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein des Politikers gegenüber dem eigenen Gewissen sowie die Kompromissfähigkeit im demokratischen Handeln hervor.

Hans Küng spannt den Bogen von der Entstehungsgeschichte der Weltethosidee, der Erklärung des Parlaments der Weltreligionen und der Menschenpflichtenerklärung bis zum Manifest für den Dialog der Kulturen. Dabei zeigt Küng mögliche Chancen für einen weltinnenpolitischen Paradigmenwechsel auf.

Ram Adhar Mall aktualisiert Mahatma Ghandis Prinzip einer differenzierten Gewaltlosigkeit für eine zukunftsfähige Weltinnenpolitik und weist anhand Ghandis Warnung vor den „sieben Todsünden der modernen Welt“ einen Weg für die Wirtschaft in Form einer Humanisierung des globalisierten Kapitalismus. Grundlage dafür ist Ghandis Modell einer integrativen interreligiösen Erziehung jenseits der engen konfessionellen Grenzen des Religionsunterrichts.

Hassan Hanafi analysiert zunächst die bestehenden Asymmetrien zwischen den kulturellen Machtzentren des Westens und der vergleichsweise ohnmächtigen, weltweiten Peripherie der ehemaligen Kolonialländer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Zur Auflösung der seit 500 Jahren stattfindenden kulturellen Expansion, mit denen der Westen die Peripherie beherrscht drängt Hanafi auf einen „Dialog der Kulturen“, der geprägt sein muss von einem bescheideneren Auftreten des Zentrums, einem Verzicht auf die Arroganz der Macht, einem Umgang miteinander auf Augenhöhe und mehr Gerechtigkeit, auch hinsichtlich der Verteilung des Reichtums der Welt.

Vittorio Hösle berichtet darüber, wie Hans Jonas und C.F. von Weizsäcker nach dem 2. Weltkrieg die planetarische Verantwortung in das Zentrum der eigenen Philosophie rückten, wobei sie naturphilosophische Betrachtungen aufgriffen und es wagten, Metaphysik mit Ethik zu verknüpfen. Als Resultat wird eine Theorie der Grundlagen einer Ethik für die technische Zivilisation ausgemacht, bei der die Objektivität moralischer Verpflichtungen auch gegenüber kommenden Generationen und der Eigenwert der Lebewesen eine zentrale Rolle spielen.

Klaudius Gansczyk beschreibt, wie die Ideen von C.F. von Weizsäcker bei seiner Suche nach einer philosophischen Maxime für die Lehrer- und Schülerausbildung in konkreten lebensweltlichen Bezügen Gestalt angenommen haben und so handlungsleitend im Geiste eines interkulturellen Humanismus wie auch zivilgesellschaftlich netzwerkbildend werden konnten.

Ulrich Bartosch entfaltet in seiner Einleitung zu den Beiträgen der Tutzinger Tagung die zentrale Mahnung C.F. von Weizsäckers, dass die unvollständige Weltinnenpolitik, wie sie in der klassischen Außenpolitik trotz der globalen Vernetzungen vorliegt, in Anbetracht der menschheitsbedrohenden Gefährungen dringend in eine vollständige Weltinnenpolitik mit den Zielen „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ überführt werden muss.

Ernst Ulrich von Weizsäcker stellt den Zusammenhang des Begriffs „Erdpolitik“ als Weltinnenpolitik im Kontext einer notwendigen Überwindung der Umweltzerstörung durch Umweltpolitik dar, indem er auf den unerlässlichen Paradigmenwechsel vom 20. Jahrhundert als dem der Ökonomie zum 21. Jahrhundert als dem der Umwelt hinweist. In Verbindung mit diesem Paradigmenwechsel erklärt von Weizsäcker, weshalb die Energie- und Ressourcenproduktivität als Fortschrittsindikatoren die Arbeitsproduktivität ersetzen sollten. In einer ökologischen Steuerreform sieht er ein weiteres Instrument für eine wirtschaftsverträgliche Langfriststrategie des Klima- und Umweltschutzes.

Günter Witzsch berichtet, wie UNO-Umweltkonferenz-Beschlüsse zu einem „Weltinnenrecht“ beitragen, das Rückwirkungen auf die Gesetzgebung der einzelnen Staaten hat. Er unterscheidet völkerrechtlich verbindliche „hard laws“ von nicht sanktionierbaren „soft laws“, betont aber zugleich, dass beide an Bedeutung gewinnen. Am Beispiel des Nachhaltigkeitsprinzips (principle of sustainability), welches inzwischen Teil des „Weltinnenrechts“ geworden ist, zeigt Witzsch, dass hier ein Prozess von unterschiedlichen Auslegungen und Wandlungen der Bedeutung im Gange ist, der zwar seine Wirkungen entfaltet, jedoch von einer stringenten Durchsetzung noch weit entfernt ist.

Michael Müller stellt einer an Nachhaltigkeit orientierten Ökologie des 21. Jahrhunderts die bedrohliche Alternative eines Jahrhunderts der Gewalt und der Verteilungskämpfe entgegen. In der Europäischen Union sieht er eine Vorreiterin für eine Umgestaltung der gegenwärtigen Form der Globalisierung in Richtung auf eine sozialökologische Ausgestaltung von Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Zu dem „Projekt Europa“ als Beitrag zur Weltinnnenpolitik muss eine Effizienzrevolution in der Nutzung von Energie und Rohstoffen hinzutreten, wenn durch die Erzielung von Einsparpotentialen der Kollaps unseres Planeten noch verhindert werden soll.

Elmar Altvater kritisiert die Umstände einer „globalen Apartheit“, die bisher verhindern, dass die von der Staatengemeinschaft beschlossenen Millenniums-Entwicklungsziele fristgerecht erreicht werden können. Anhand zahlreicher Beispiele belegt er, wie globale Regelungen den weltweiten Wohlstand ungerecht verteilen und die Ungleichheit in der Welt sogar noch vergrößern. Auf dieser Analyse aufbauend plädiert Altvater für eine „ökologische Ökonomie“, in der die natürliche Bedingtheit des Wirtschaftens explizit einbezogen ist, womit sie zu einer Alternative zur „naturvergessenen Ökonomie“ wird, welche die natürlichen Grundlagen des ökonomischen Wachstums vernachlässigt.

Stephan Albrecht demaskiert den globalen Kapitalismus als Veranstaltung für die Wohlhabenden, denen es vor allem um die profitabelste Anlage gigantischer Finanzvermögen im Zusammenhang mit der Produktion und Zirkulation von Waren geht, und bei der die Menschen in erster Linie als Kostenfaktoren oder Konsumenten eine Rolle spielen. Die Entwicklung von der Bedarfsdeckungswirtschaft zu einer „Konsumweckungswirtschaft“ hat zu einer Gefährdung der natürlichen Lebensgrudnlagen geführt, aus der auch die „knowledge society“ keinen Ausweg bietet. S. Albrecht fordert eine weltweite Gerechtigkeitspolitik, die zur Überwindung von „Zerstörungsindustrien“ führt, also globaler Umwelt- und Ressourcenverschmutzer und insbesondere auch der Waffenindustrien.

Franz-Josef Radermacher stellt das Programm eines Global Marshallplans als Zwischenschritt zu einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft vor, die im Rahmen von Weltverträgen zu einer Form von Weltinnenpolitik mit weltdemokratischem Charakter gelagen kann. Die Ideen für eine Weltinnenpolitik können verwirklicht werden durch rasche Umsetzung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen, durch Co-Finanzierung von Entwicklung in Verbindung mit einem geeigneten weltweiten Design, durch eine faire weltweite Partnerschaft und Förderung von Good Governance auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen. Als „extrem bedrohliche“ Alternativen zu diesem Problemlösungsweg verweist Radermacher auf Zukunftsszenarien, die in einem „Kollaps oder einer Ressourcendiktatur, Brasilianisierung wahrscheinlich verbunden mit Terror und Bürgerkrieg“ münden.

Valery S. Petrosyan illustriert anhand von „chemischen Sputniks“, wie sich chemische Verbindungen von verschiedenen anthropogenen Quellen grenzüberschreitend in der Atmosphäre verteilen und diese verschmutzen. In Anbetracht der uneingrenzbaren Gefährdungen durch chemische Stoffe fordert Petrosyan eine verpflichtende Aufnahme der Ethik in die Chemielehre.

Peter Hennicke plädiert mit einem Weltenergieszenario für eine Effizienzrevolution, die in Verbindung mit erneuerbaren Energien das Klimaproblem ohne die missbrauchsgefährdete Atomenergie lösen kann. Er beschreibt die Rolle der staatlichen Impulsgebung und Rahmensetzung, die als politischer Gestaltungswille entscheidend dazu beitragen kann, den Klimaschutz als herausfordernde, aber lösbare Aufgabe zu meistern.

Hartmut Graßl beschreibt die Notwendigkeit der Stabilisierung der Treibhausgase in der Atmosphäre als zentralen Faktor für eine Rettung der Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme. Er stellt die Klimaproblematik mit dem Klima als der wichtigsten natürlichen Ressource dar mit dem Mensch als Klimamacher, wonach er sich den anthropogenen Änderungen des Strahlungshaushalts der Erde zuwendet und Szenarien zum Klimawandel ohne Klimapolitik präsentiert. Da Graßl eine Rettungsmöglichkeit für die weltweit vernetzten Ökosysteme nur in völkerrechtlich verbindlichen Rahmenkonventionen sieht, ist Weltinnenpolitik für ihn eng an die Vereinten Nationen geknüpft. Graßls Quintessenz: „Ohne Weltinnenpolitik ist der anthropogene Klimawandel nicht zu dämpfen. Er wird für andere Felder zum Wegbereiter werden.“

Im letzten Teil des Buches sind einige ergänzende Dokumente abgedruckt: Die Potsdamer Denkschrift 2005 von Hans-Peter Dürr, Daniel J. Dahm und Rudolf Prinz zur Lippe, das Abschlusskommunique des InterAction Councils zur Wiener Jahresversammlung 2007 und der Vorschlag des InterAction Councils zu einer Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten von 1997.

Quelle: Sonnenseite

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