Regionale Pflanzenfasern als ökologische Alternativen zur Baumwolle

Ob Windrad oder Hybridantrieb, viele altbekannte Verfahren erleben eine Renaissance. So verhält es sich inzwischen auch mit dem Anbau früherer Nutzpflanzen. Naturfasern wie Leinen, auch Flachs genannt, und Hanffasern zählten schon in der Antike, neben Tierwolle, zu den wichtigsten Kleiderrohstoffen Europas. Während der Industrialisierung führte der Import an Baumwolle jedoch zu einem Rückgang des heimischen Anbaus von Faserpflanzen. Den Ausschlag gab die Verarbeitung, welche sich nicht im gleichen Maße wie die Baumwollspinnerei mechanisieren ließ. Ab 1960 traten dann synthetische Fasern in den Vordergrund. Inzwischen wird die Hälfte der Textilien weltweit mit diesen, aus Erdöl oder Cellulose produzierten Stoffen hergestellt. Auf der Seite der Naturfasern ist Baumwolle mit 80 Prozent Spitzenreiter.

Doch der Zuwachs der Baumwollproduktion hat seinen Preis: Beim Anbau ist ein enormer Wasseranteil vonnöten, die Monokultur belastet den Boden und der hohe Einsatz an Pestiziden findet sich im Grundwasser sowie in der fertigen Kleidung wieder. Zudem ist die Wertschöpfungskette von der Baumwollpflanze bis hin zur Kleidung alles andere als zu durchschauen, was in Deutschland zuletzt Kritik hervorrief.

Vielleicht ist dies, neben der Freigabe für den hiesigen Nutzhanfanbau, ein Grund für das seit den 90er Jahren neu entflammte Interesse an regionalen Faserpflanzen. Aber nicht nur die bessere Transparenz durch geringere Transportwege verhelfen den Pflanzen zu einem positiven und umweltfreundlichen Image. Hanf ist beispielsweise ziemlich anspruchslos: Er muss nicht gewässert werden und hat keine besonderen Bodenansprüche. Eine weitere geläufige Pflanze für die Faserproduktion ist die Brennnessel. Sie hat den Vorteil, Nitrat und Phosphat aus dem zuvor intensiv genutztem Boden aufnehmen zu können. Es ist ausreichend, sie alle zehn bis 15 Jahre neu zu pflanzen. Wie Hanf kommt sie ohne Pestizide aus. Auch für den konventionellen Leinenanbau werden weniger Pestizide und Dünger benötigt als für Baumwolle. Und da die Flachspflanze sich nur alle sieben Jahre auf demselben Feld anpflanzen lässt, besteht keine Gefahr der Monokultur.

Fasern aus Hanf, Leinen oder Nesseln machen gegenwärtig nur einen minimalen Anteil unserer Kleidung aus. Mit der längeren Vernachlässigung dieses Wirtschaftszweiges fehlt in Deutschland das Know-how. Zudem herrscht Mangel an einer Industrie, welche die Naturfasern zu einem Stoff verarbeitet. Das Gleiche gilt für die Textilproduktion. Somit werden die in Deutschland angebauten Fasern bisher in Nachbarländern weiter verarbeitet, wo die technischen Voraussetzungen gegeben sind. Als regional kann man die Herstellung der Kleidung damit noch nicht bezeichnen. Momentan schlägt sich der geringere Ertrag durch den extensiven Anbau auch im Preis nieder. In der Politik sollte deshalb die Unterstützung der nachwachsenden Rohstoffe im stofflichen Bereich eine verstärkte Rolle spielen. Der Trend führt weg von synthetischer Kleidung und regionale Pflanzenfasern können hier die Lücke schließen. Dies und die wachsende Forschung zur verbesserten Verarbeitung lassen den Schluss zu, dass die Wiedereinführung von Leinen und Co. als ökologische Alternative dieses Mal von der Baumwolle profitieren wird.

Jenny Lohse

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