Oil – Vom Hunger nach Öl

Edward Burtynsky

Ölverschmierte Einöden und riesige Ölsandabraumhalden in Kanada. Ölfelder mit altmodischen Schwengelpumpen in Kalifornien, Bohrtürme in den ältesten Ölfeldern der Welt in Aserbaidschan. Vor sich hin rostende Öltankwracks in Bangladesh, Ölraffinerien und endlose Pipeline. Vielspurige Autobahntrassen, die sich in einem unüberschaubaren Knäuel durch San Francisco ziehen. Berge zerschlissener und ausrangierter Autoreifen: Der Fotograf Edward Burtynsky offenbart in seinen Bildern einen alptraumartigen Blick auf eine Erdölindustrie jenseits akkurater Shell-Zapfsäulen und sportlicher SUV.

Erbarmungslos ungeschönt zeigt Burtynsky den Kreislauf der Erdölwirtschaft und die Folgen des Hungers nach Öl in all seinen schmutzigen Facetten. Von der Förderung und Verarbeitung über die von Burtynsky ‚motor culture‘ genannte Stufe des Verbrauchs bis hin zu den Nachwirkungen, dem Abwracken von Equipement und rostenden Autoleichen.

Was Burtynsky in seinen Bildern festhält, sind Alltäglichkeiten, die vom Ottonormalverbraucher ferngehalten oder von diesen vielleicht gar nicht mehr wahrgenommen werden. Seine Bilder sind eine Anklage gegen den Hype um das Automobil. Er zeigt wie die Gier nach grenzenloser Mobilität und unendlicher Energiesicherheit unsere Umwelt verändert und sie zu einer menschen- und lebensfeindlichen macht.

Die überdimensionalen Panoramen Burtynskys halten die Auswirkungen dieser Gier auf seltsam melancholische Weise fest. Ein Foto zeigt ein enormes Absetzbecken in der kanadischen Provinz Alberta, wo dem Teersandabbau tausende Quadratkilometer urwüchsiger Nadelwälder zum Opfer fallen. Statt Grizzlybären sind hier nur noch Bagger, Planierraupen und Öltanks unterwegs. In die riesigen Absetzbecken wird überschüssiges Produktionswasser gepumpt – angereichert mit unzähligen giftigen Chemikalien, die verdunsten oder in angrenzende Gewässer gelangen – in Flüsse, Seen und Grundwasser.

Ein anderes Foto zeigt ein Erdölfeld in den USA – mit Raffinerien und Speichertanks bis zum Horizont. Über zahlreichen Schornsteinen steht Rauch. Hier wird Erdölbegleitgas verbrannt. Flaring nennt man dieses Verfahren, durch das jährlich schätzungsweise 390 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt werden.

Auf einem weiteren Bild windet sich eine Ölpipeline dahin. Viele solcher Pipelines sind schlecht gewartet und veraltet. Allein in Russland werden jährlich bis zu 5.000 Brüche von Ölpipelines gemeldet und gelangen so rund fünf Prozent des gesamten geförderten Öls in die Umwelt, das entspricht 15 Millionen Tonnen Erdöl. Die Umweltschäden sind dramatisch. Vielerorts sind ganze Wälder samt Flüssen und Seen mit Ölschlamm überzogen.

Burtynsky schaut auch dorthin, wo Öl verbraucht wird. Er fotografiert ausufernde Trabantenstädte, überdimensionale Parkplätze mit Millionen von Autos, sich schlangenförmig durch die Großstädte windende Autobahnen.

Die Weltbevölkerung begann zu jenem Zeitpunkt exponentiell zu wachsen, ab dem Erdöl als fossiler Brennstoff genutzt wurde. Zurzeit gibt es rund eine Milliarde Autos auf der Erde, bei rund sieben Milliarden Menschen. Prognosen zufolge dürfte sich die Zahl der Automobile in den kommenden 20 Jahren auf zwei Milliarden verdoppeln, vor allem durch das steigende Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum in den Schwellenländern.

Am Schluss zeigt Burtynsky das, was er das Ende des Öls nennt: gepresste Karosserien, Ölfässer und Ölfilter, Halden voller Autoreifen, ausrangierte Flugzeugleichen und Schiffsfriedhöfe.

Burtynskys Aufnahmen sind abschreckend und betörend zugleich. Der gebürtige Kanadier macht viele seiner gigantischen Panoramen aus dem Helikopter, dadurch erzielt er ungewöhnliche Perspektiven, bleibt aber so detailgetreu, dass jede Einzelheit erkennbar ist. Seine Bilder stehen in ihrer makellosen Ästhetik und faszinierenden Schönheit in einem völligen Kontrast zu ihren drastischen Inhalten und lösen gleichzeitig Faszination und Abscheu aus.

Josephin Lehnert

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