Mythen der Atomkraft

Erneuerbare Energien haben mich seit meiner Jugend begeistert. Atomkraftwerke mochte ich nie. Mich hat es schon immer fasziniert, dass man mit Sonnenschein elektrische Energie erzeugen kann. Gegen Atomkraftwerke sprach für mich allein das Unglück in Tschernobyl. Ich habe zwar erst Jahre später von dem Super-GAU erfahren. Aber ich kann mich noch erinnern, dass wir im Kindergarten erst wieder im Sandkasten spielen durften, als „der schmutzige Sand“ gegen „sauberen“ ausgetauscht worden war.

Heute bin ich noch immer beeindruckt von der Genialität der erneuerbaren Energiegewinnung und freue mich über jede Solaranlage, die ich irgendwo sehe. Bei Atomenergie habe ich nach wie vor ein ungutes Gefühl. Ich vergleiche das gerne mit Intuition,

also der instinktiven „Unterscheidung von Freund und Feind“. Mein Bauchgefühl lässt mich erschreckend selten im Stich. Und dass man durch Intuition oft die besseren Entscheidungen trifft, als durch langwieriges, rationales Abwägen, wurde in etlichen Studien bewiesen.

 

Leider interessiert sich bei einer Diskussion über Atomenergie aber keiner für das, was mein Bauch sagt. Gewonnen hat, wer die besseren Argumente aus dem Ärmel schütteln kann. Ich spreche in diesem Zusammenhang lieber vom Gewinnen statt Überzeugen. Weil ich glaube, dass ich einen Atomenergie-Anhänger nicht davon  überzeugen kann, dass Atomkraftwerke unnötig sind – genauso wenig, wie er mich vom Gegenteil überzeugen kann. Aber mit dem notwendigen Hintergrundwissen über die Atomwirtschaft kann ich den Behauptungen meines Gegenübers standhalten und ihm den Wind aus den Segeln nehmen. Außerdem gibt es mir die Möglichkeit, noch „Unentschlossene“ zu informieren und eventuell ihr Denken tatsächlich nachhaltig zu verändern.

Dieses atomkritische Know-how hat der Journalist Gerd Rosenkranz in seinem Buch „Mythen der Atomkraft – Wie uns die Energielobby hinters Licht führt“ zusammengefasst. Auf rund 100 Seiten widerlegt der Autor scharfsinnig die Argumente der Atomkraft-Befürworter und entlarvt die Kernenergie als unverantwortliche und teure Hochrisikotechnologie. Zahlreiche komische Anekdoten aus der Atomindustrie unterstützen dabei seine Schilderungen.

So erfährt der Leser beispielsweise, dass Eon in Großbritannien davor warnte, „die erneuerbaren Energien ‚ohne Ende’ zu fördern. Andernfalls sehe sich der Konzern nicht in der Lage, seine Neubaupläne für Atomkraftwerke auf der Insel umzusetzen. […] In Deutschland dagegen bestreiten Eon und Co. kategorisch die Existenz eines ‚Systemkonflikts’ zwischen unstet eingespeistem Strom aus Wind und Sonne einerseits und Atomenergie andererseits.“ Denn was in Großbritannien den Reaktorneubau verhindern würde, soll in Deutschland nicht die Laufzeitverlängerung für Altmeiler infrage stellen.

Und sollte mal wieder jemand betonen: „Unsere Kernkraftwerke sind die sichersten der Welt“, werde ich mich auf Rosenkranz berufen, der schreibt, dass es für den Wahrheitsgehalt dieser Aussage gar keine tragfähigen Belege gibt und „die Atomenergie-Propagandisten in Frankreich, Schweden, den USA, Japan oder Südkorea […] exakt dasselbe von ihren Meilern […] behaupten“.

Corinna Lang

2 Bemerkungen

  • Eine wirklich sehr erfrischende lockere Art zu schreiben. Was das Thema angeht – ich, nein ich denke wir alle sind uns sicher, wenn es die Lobbyisten nicht gäbe, könnten wir schon über den Berg sein. Ein gezieltes Ausbremsen auf Kosten unserer Umwelt.

    Ich denke wenn wir alle an einem Strang ziehen, erhöht sich die Chance auf Erfolg!

    Beste Grüße
    Michael Hilß

  • Ja ein guter Artikel.
    Mein Bauchgefühl wurde auch gestört.
    Frau Merkel hatte unsere Produktionsstätten für Windkraftanlagen in Rostock besucht und kurze Zeit darauf durfte ich der Presse entnehmen, dass über Laufzeitverlängerungen der AKWs laut nachgedacht wird.
    Was haben wir da falsch gemacht?

    alternative Grüße
    Achim Saegebrecht