Gaias Rache

„Gaias Rache“ von James Lovelock erinnert anfänglich etwas an eine Hommage an den Film „Avatar“. Dort wird der Heimatplanet samt seiner, mit der Natur (die im Film passend „Eywa“ genannt wird) im Einklang lebenden Ureinwohner von einer außerirdischen Rasse rücksichtslos ausgebeutet. Nur geht es in Lovelocks Buch um unseren eigenen Planeten. Die Ausbeuter sind aber in beiden Fällen die Gleichen: Die menschliche Rasse.

Lovelock bezeichnet sich selbst als „Planetenarzt“, seinen Patienten, die Erde, nennt er liebevoll „Gaia“ und bekräftigt mit dieser Namensgebung seine „Gaia-Theorie“, die unseren Planeten nicht nur als starre Hülle sieht, auf der sich zufällig Leben entwickelt hat, sondern als Lebewesen selbst. Als ein System, das seine Oberfläche so reguliert, das die Lebensbedingungen für die gegenwärtigen Lebensformen so günstig wie möglich sind. Doch dieses System hat nun ein Problem.

Dieses Problem ist die Menschheit, denn durch die steigenden CO2-Emissionen – verursacht durch die Industriestaaten und die rücksichtslose Verbrennung fossiler Brennstoffe – wärmt sich die Atmosphäre immer weiter und unaufhaltsam auf. Mit nur einer logischen Konsequenz, schlussfolgert Lovelock: Die unaufhaltsame und rasante Erwärmung der Atmosphäre „Gaias“.

Die Zukunft sieht rabenschwarz aus. Düster prophezeit Lovelock der Menschheit eine neue „Heißzeit“, wie es sie vor Millionen von Jahren bereits gab. Der Großteil des Planeten wird unbewohnbar werden und bereits in diesem Jahrhundert werden Milliarden von Menschen durch die Erderwärmung und die daraus resultierenden Naturkatastrophen sterben. Hollywood selbst hätte sich wohl kein besseres Szenario ausdenken können. Nur noch an den Polen wird es möglich sein, zu überleben. Die Flora und Fauna, die wir heute kennen, wird weitestgehend verschwinden und die Erde erst in frühestens 100.000 Jahren oder mehr, wieder in den ursprünglichen, gemäßigten Temperaturzustand zurückkehren, der ein Leben für die Menschen auf dem gesamten Planeten ermöglicht. Diese Entwicklung sei unaufhaltsam und selbst durch einen sofortigen, radikalen „Emissions-Stopp“ nur noch hinauszuzögern. Das Buch entwickelt sich mit jeder Seite, die man weiterblättert, zunehmend zu einem fantastischen „Weltuntergangs-Guide“. Mit dem einzigen Unterschied, dass das geschilderte keine Phantastereien sind, sondern reale Ansichten und Ausführungen von Lovelocks Forschungen.

Um das Schlimmste zu verhindern, beziehungsweise wenigstens etwas Schadensbegrenzung zu betreiben, wirft er einen sehr fraglichen und diskussionswürdigen Punkt auf. Diesen predigt der Autor schon seit Jahren. Lovelock ist leidenschaftlicher Befürworter der Nutzung von Atomkraft als „das kleinere Übel“ im Kampf gegen die Erderwärmung. Lovelocks Plan: Es sollen mehr Kernreaktoren gebaut und mehr Energie durch Kernspaltung gewonnen werden. Er empfiehlt, die Forschung und Entwicklung regenerativer Energien zunächst zurückzustellen und in den nächsten Jahren verstärkt Energie durch Kernspaltung zu gewinnen, da diese praktisch emissionsfrei ist. Dieser Ansatz ist für die Anti-Atomlobby natürlich ein Schlag ins Gesicht. Lovelock stellt die Nutzung der Kernenergie sehr einseitig dar und zeigt nur die Vorteile dieser Form der Energiegewinnung. Er schreibt nichts von den gravierenden und bewiesenen Gefahren für Mensch und Umwelt. Er beleuchtet das Thema dermaßen einseitig, dass man fast den Eindruck bekommen könne, er stünde auf der Gehaltsliste von Atomenergie-Lobbyisten.

Jedenfalls ist seine Liebe zur Atomkraft teilweise unverständlich. So hörte man ihn bisweilen sagen, er würde es lieben, einen Würfel Atommüll in seinem Garten zu haben, um das Haus zu erwärmen. Ob diese Aussagen nicht mehr als Witzeleien sind, bleibt wohl sein Geheimnis. Viel wichtiger ist jedoch, dass man als Leser feststellen muss, in welch dramatischer Klemme sich die globale Entwicklung und die damit verbundene klimatische Erwärmung momentan befindet, wenn renommierte Wissenschaftler wie Lovelock dazu raten, solch drastische Wege zu gehen. Eine weitere kuriose Empfehlung seinerseits ist es, ein Buch zu schreiben, welches das gesamte Wissen der Menschheit enthält, um dieses der „Nachwelt“ zu erhalten und zu verhindern, dass der Wissenstand um Jahrhunderte zurückgeworfen wird. Das Ende des Lebens, wie wir es kennen, ist laut Lovelock nah und durch keine unserer Maßnahmen mehr aufzuhalten. Die Aufgabe der Regierungen sei nun, die nötigen Schritte einzuleiten, um ein Überleben der menschlichen Rasse zu gewährleisten.

Am Ende des Buches ist man dermaßen verwirrt und fragt sich, ob die Schilderungen des Geophysikers größtenteils übertriebene Weltuntergangspolitik sind, ob Atomenergie vielleicht doch eine Alternative sein könnte und ob Lovelock entweder als ein großer (Untergangs)Prophet unserer Zeit oder als ein exzellenter Wissenschaftler, der sich glücklicherweise etwas verkalkuliert hat, in die Geschichte eingehen wird. Ich persönlich bete für die zweite Variante.

James Ephraim Lovelock wurde am 26. Juli 1919 in Letchworth, England geboren und  ist Chemiker, Mediziner, Biophysiker, Erfinder und Mitbegründer der Gaia-Hypothese zur Physiologie der Erde. Er gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Umweltbewegung.

Tobias Hartmann

Add comment