Ende der Märchenstunde

Wer hätte das vor 20, 30 Jahren gedacht, dass wir einmal die Welt mittels unseres Konsums verbessern können?! Doch die Lohas belehren uns eines Besseren – sie scheinen es tatsächlich zu denken.

Der Begriff Lohas steht für Lifestyle of Health and Sustainability und bezeichnet einen Lebensstil oder Konsumententyp, der durch sein Konsumverhalten – beliebt sind Natur-, Outdoor oder Wellness-Urlaube, Bioläden, Slow Food sowie Fairtrade- und Naturtextilien – Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern möchte.

In Ihrem Buch „Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ rechnet Kathrin Hartmann nun mit dem „neogrünen Shopping-Trend“ ab. Auf äußerst unterhaltsame Weise und anhand gründlich recherchierter Fakten räumt die Autorin mit dem „Befindlichkeitsumweltschutz, der nicht wehtut oder gar einschränkt, der nicht nach allgemeingültigen Lösungen sucht, sondern individuelle Erlösung verspricht“, auf.

Hartmann wirft den Lohas vor, ihr gekauftes gutes Gewissen entbinde sie von jeglicher gesellschaftlicher Verantwortung und stille ihr ganz persönliches Harmoniebedürfnis, mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Auf die Lösung der Weltprobleme habe dies allerdings überhaupt keinen Einfluss – und auch nicht auf das Klima.

So führt beispielsweise die in Europa und Kanada stark gestiegene Nachfrage nach indischen Öko-Waschnüssen dazu, dass sich in Indien der Preis für die Nüsse vervielfacht und die Inder auf billige und aggressive Waschpulver, die die Gewässer verschmutzen, zurückgreifen müssen.

Der strategische Konsum, desillusioniert Hartmann, sei bei Weitem nicht so einfach, wie Öko-Konsum-Portale – besonders die beiden Internetportale utopia.de und karmakonsum.de bekommen ihr Fett weg – und Ratgeberbücher zur Weltrettung durch Konsum behaupten. Damit gezielter Konsum überhaupt eine Wirkung habe, müsse er stattdessen mit politischen Forderungen verknüpft werden.

Neben den Lohas werden auch Unternehmen, die gerne auf ihre Corporate Social Responsibility (CSR) hinweisen, in Kathrin Hartmanns Buch nicht verschont. Corporate Social Responsibility beschreibt das freiwillige Engagement der Unternehmen, sich für soziale und ökologische Belange einzusetzen. Dass dieses meist nicht mehr ist als Imagepflege, zeigt Hartmann an vielen eindrücklichen Beispielen auf und argumentiert:

„CSR ist ein freiwilliges Instrument ohne Rechtsgrundlage. Man kann es von Unternehmen nicht einfordern. Nur deshalb bekennen sich so viele dazu.“ Die Privatwirtschaft „zieht die Konsumenten – denen sie außerdem die Dienstleistung ‚Konsum mit gutem Gewissen‘ anbietet – auf ihre Seite und erweckt den Eindruck, dass sie selbst viel mehr unternimmt, als der Gesetzgeber verlangt. Die Privatwirtschaft lenkt so die Aufmerksamkeit der Bürger von dringend notwendigen Reformen ab, indem sie so tut, als wüsste sie am besten, was gut ist für die Gesellschaft.“

Kathrin Hartmanns „Ende der Märchenstunde“ öffnet dem Leser die Augen. Wer also bereit ist, die Konsequenzen seines eigenen Verhaltens genauso zu hinterfragen, wie die Absichten, die hinter dem Verhalten der Wirtschaftsunternehmen stecken, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Corinna Lang

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