Die Verschwendung von Lebensmitteln ist ungerecht

Interview mit Dr. Ursula Hudson

Die Non-Profit-Organisation „Slow Food“ hat ihren Ursprung in den 80-iger Jahren in Italien. Heute agiert die Organisation in über 150 Ländern und setzt sich unter anderem für die Nachhaltigkeit, Biodiversität und Regionalität der Lebensmittel ein.

Die nationale Bewegung für „bewusste Genießer und mündige Konsumenten“ erregte 2012 Aufsehen mit der Aktion gegen die Verschwendung von Lebensmitteln „Teller statt Tonne“. Das CleanEnergy Project sprach mit der Vorsitzenden von Slow Food Deutschland, Frau Dr. Ursula Hudson.

Frau Dr. Hudson, als bewusster Verbraucher hat man in Deutschland das Gefühl, dass von Seiten der Politik viel über die Verschwendung von Lebensmitteln geredet, aber nur wenig dagegen getan wird. Wie charakterisieren Sie die Situation in Deutschland?

Das Problem der Lebensmittelverschwendung wird in Deutschland nur punktuell anstatt ganzheitlich betrachtet. Würde man letzteres tun, käme man nicht umhin zu erkennen, dass die Verschwendung von Lebensmitteln symptomatisch ist für ein nicht nachhaltiges und ungerechtes Lebensmittelsystem.

Verschwendung, wie wir sie in den westlichen Industrieländern praktizieren, ist systemimmanent. Aber das wird kaum angesprochen – ebenso wenig wie die Auswirkungen dieses Verschwendungssystems auf die Ressourcen oder unsere Mitmenschen in den Ländern, in denen wir Rohstoffe für dieses Verschwendungssystem produzieren.

Wenn es um Lebensmittelverschwendung geht, steht momentan der Endverbraucher im Fokus der Politik. Dabei ist der Endverbraucher nur ein Glied in einer langen Verschwendungskette. Er ist aber das Glied, das sich am leichtesten „erforschen“ lässt, das heißt, die Zahlen, die man zur Verschwendung beim Endverbraucher erheben kann, sind die am ehesten belastbaren. Bis heute gibt es keine belastbaren Zahlen für Handel, Industrie und Landwirtschaft.

Und genau an diesem Punkt sehen Sie die Rolle von Slow Food?

Ja, unsere Organisation hat hier eine ganz wesentliche Aufgabe, nämlich den Gesamtzusammenhang herzustellen. Vor allem wollen wir mit unserem ganzheitlichen Ansatz darüber aufklären, dass für uns Essen und Ernährung nur im Zeichen von Genuss und Verantwortung stattfinden kann.

Die Aktion „Teller statt Tonne“ soll diese Philosophie publik machen?

Ja, der Grundgedanke hinter dem von Slow Food Deutschland und seinen Partnern, wie „Brot für die Welt“, entwickelten Veranstaltungsformat „Teller statt Tonne“ ist, die für viele Verbraucher zur Gewohnheit gewordene Verknüpfung von Aussehen, Geschmack und Lebensmittelqualität in einer genussvollen Esserfahrung aufzulösen. Doch bleibt es nicht dabei. „Teller statt Tonne“ heißt auch: Erntereste beim Bauern sammeln, also Gemüse, das normalerweise „ausgemustert“ wird, da es nicht den Standardanforderungen des Marktes genügt, und anschließend das gesammelte Gemüse kleinschneiden, kochen und an einer langen Tafel gemeinsam verzehren. Begleitet wird das Essen von Tischgesprächen, in denen Akteure der gesamten Wertschöpfungskette – vom Acker bis auf den Teller– ihre Sicht auf die und insbesondere ihre Probleme mit der Lebensmittelverschwendung schildern.

Werden dabei auch die globalen Zusammenhänge thematisiert?

Ja, bei diesen Veranstaltungen geht es auch darum, die Zusammenhänge und Folgen des Ernährungsverhaltens im Norden auf die Länder des globalen Südens aufzuzeigen. Themen wie Wertigkeit und Wertschätzung von Lebensmitteln, die Bedeutung von Kochen und Essen für die eigene Lebensqualität werden dabei ebenso angesprochen wie die Zusammenhänge von persönlichen Kauf- und Essensgewohnheiten auf Landschafts- und Naturschutz, Klimawandel, den Umgang mit Ressourcen, den Erhalt oder Verlust der bäuerlichen Landwirtschaft und auf Ernährungssouveränität.

Lebensmittelverschwendung ist ein Einstiegsthema, um Menschen für das komplexe, vernetzte Handlungsfeld Essen und Ernährung zu sensibilisieren. Letztendlich geht es um weit mehr als um Lebensmittelverschwendung: Es geht um ein gutes, sauberes und faires Lebensmittelsystem.

Wie sehen Sie die Rolle der Europäischen Gemeinschaft im Hinblick auf die Verschwendung von Lebensmitteln?

Die Europäische Gemeinschaft sucht momentan der Lebensmittelverschwendung im bestehenden System Einhalt zu gebieten. Es werden viele Round Tables und Konsultationsgespräche mit Stakeholdern geführt, quer durch alle Ressorts, von der Landwirtschaft bis zum Umweltressort oder zur Lebensmittelhygiene. Dabei werden viele Maßnahmen erwogen, beispielsweise auch die Stärkung der kurzen Wege des Lebensmittels vom Ursprung bis zum Verbraucher, was eine ganz wichtige Maßnahme zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung wäre.

Das alles ist im Grunde sehr positiv, aber es reicht nicht weit genug. Schließlich ist es das gegenwärtige System, das auf schnellen Warenumsatz, Überproduktion und Standardisierung aufbaut, das den Überschuss an Lebensmitteln erst hervorbringt. Und das System wird freilich in keiner Weise in Frage gestellt. Zudem besteht die Gefahr, dass die ökonomische Inwertsetzung von vorhandenem Lebensmittelmüll, zum Beispiel für Bioenergie und Tierfutter, nicht zur Vermeidung von Lebensmittelmüll führt, sondern die Attraktivität von Überproduktion steigert.

Slow Food agiert weltweit. Gibt es ein Land, von dem Deutschland in Sachen Lebensmittelmüllvermeidung etwas lernen kann?

Vorreiter einer großangelegten und auch erfolgreichen Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung ist Großbritannien. Dort wurde 2007 die Kampagne „Love Food Hate Waste“ gestartet. Mit Hilfe der Medien sollen die Verbraucher auf das Problem der Verschwendung aufmerksam gemacht werden. Flankiert werden die Medien-Aktionen von vielen verschiedenen Maßnahmen und von der Unterstützung für den Handel. So gelang es zum Beispiel durch das Zusammenwirken von Verbraucher, Handel, Kommunen und Ur-Erzeugung Obst und Gemüse, das den Handelsnormen nicht entspricht; also etwa zu kleine oder zu große Kartoffeln, in das Supermarktangebot aufzunehmen.

„Love Food Hate Waste“ hat auf diese Weise erreicht, dass die Lebensmittelverschwendung in Großbritannien zwischen 2007 und 2010 um 13 Prozent reduziert worden, das entspricht einer Million Tonnen Abfall.

Brauchen wir Ihrer Meinung nach drastische Maßnahmen, um das Verhalten des Verbrauchers zu ändern?

Drastische Sofortmaßnahmen können sicherlich etwas bewirken, aber diese sollten bereits auf eine Veränderung des Lebensmittelsystems hin zu einem besseren gerichtet sein. Sicherlich ist die Sensibilisierung der Verbraucher erst einmal wichtig, um das Thema überhaupt lösungsorientiert bearbeiten zu können. Langfristig wird sich aber grundsätzlich nur etwas ändern, wenn es gelingt, wirklich mündige und kompetente Verbraucher heranzubilden, die um die zentrale Rolle des Essens im Leben wissen, und ihren Ernährungsalltag kompetent und selbstbestimmt im Zeichen von Genuss und Verantwortung gestalten können. Dazu brauchen wir einen langen Atem und den Willen, in nachwachsende Generationen zu investieren.

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Wichtig sind für mich eine sogenannte „Ernährungsbildung“ und der Aufbau von Ernährungskompetenz bereits bei den Kleinen im Kindergarten und als Fach in den Schulen. Und das am besten fest verankert im Lehrplan. Meine Vision ist, dass jede Schule und jeder Kindergarten einen eigenen Garten besitzt und die Produkte daraus in der eigenen Küche frisch für ihre Schützlinge zubereitet.

Erst wenn Essen wichtig wird, erst wenn Lebensmittel geschätzt werden, erst wenn wir wirklich mündige Verbraucher und Genießer in einem ganzheitlichen Sinne werden, hat das Verschwendungssystem keine Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Florian Simon Eiler

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