Comic ‚Die große Transformation‘

Die große Transformation

Schnöde Berichte und komplizierte Zeitschriftenartikel waren gestern. Ein Comic macht auf originelle Weise auf die Probleme des Klimawandels aufmerksam. Wissenschaftler in Form von Comic-Helden zeigen in aufwändig gestalteten „Graphic Interviews“, was getan werden muss, um nachhaltiges Wirtschaften weltweit Realität werden zu lassen.

Noch vor wenigen Jahren war der Begriff ‚Klimawandel‘ in der Öffentlichkeit kaum geläufig. Inzwischen gerät er zusehends zur Medienfarce. Wo man auch hinschaut, überall ist von Klimawandel, Meeresspiegelanstieg und Polareisschmelze die Rede. Für die meisten ist das eine Obskurität: viel zu weit weg, viel zu unwahrscheinlich, als dass es jemals wahr werden könnte. Vor allem aber herrscht eine große Unsicherheit darüber, wem man vertrauen kann und was wahr ist von dem, was in den Medien kolportiert wird. Schließlich lesen die wenigsten wissenschaftliche Magazine wie „Science“ oder „Nature“ und schon gar nicht die Berichte des wissenschaftlichen Beirats der Umweltregierung.

Wie also kann man den Otto Normalverbraucher für ein so ernstes aber wissenschaftlich hoch komplexes Thema sensibilisieren, wie ihm dieses nahebringen? Zum Beispiel in Form eines Comics, wie er vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurde. „Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve?“ ist ein alternativer Ansatz des Wissenstransfers. Der Comic basiert auf dem 400 Seiten starken WBGU-Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“, dessen zentrale Aussage ist, dass die Politik allein nicht in der Lage ist, globale Umweltprobleme zu lösen, sondern die Unterstützung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft benötige. Wissenschaftler des Beirates Globale Umweltveränderung wollen mit dem Comic ein Publikum erreichen, das sonst kein Interesse für solche Gutachten zeigt. Das Thema ist viel zu brisant, als dass sich nur ein paar wissenschaftliche Größen damit auseinandersetzen. Es geht vielmehr alle etwas an, also muss es auch für alle verständlich sein.

Ganz im Stil der Graphic Novels werden in „Die große Transformation“ anschaulich die jüngsten Entwicklungen, Ursachen und Folgen des Klimawandels sowie mögliche Gegenmaßnahmen dargestellt. Hochkarätige Wissenschaftler nehmen den Leser in neun Episoden mit auf eine spannende Reise. Mit dabei sind Physiker, Ozeanographen, Systemökonomen und Politikwissenschaftler.

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigt, wie sich der Meeresspiegel in den vergangenen Jahrtausenden verändert hat. Ihm gefalle der Comic sogar besser als der Originalbericht, erklärte er schmunzelnd bei der Vorstellung seines Kapitels im Deutsche Theater Berlin. Die zeichnerische Umsetzung der Originalbilder, beispielsweise eines von ihm aufgenommenen Fotos des Mueller-Gletschers in Neuseeland, das als Zeichnung im Buch auftaucht, sei faszinierend und sehr realitätsnah.

Der Geobiologe, Riff-Forscher und ehemalige Leiter des Museums für Naturkunde Berlin, Reinhold Leinfelder, avanciert zum Comic-Helden, der das neue Erdzeitalter, das Anthropozän, ausruft. „Der Mensch verändert die Umwelt, seit es ihn gibt. Doch seit der Industrialisierung ist diese Einflussnahme zu einem geologischen Faktor geworden. Wir ändern nicht nur das Klima, wir haben drei Viertel der festen Erde umgekrempelt, 90 Prozent der Biomasse von Säugetieren besteht aus dem Menschen und seinen Nutztieren. Auf einen Tiger kommen 100.000 Hauskatzen.“ Leinefelder ruft zum Handeln auf: es müsse jetzt etwas geschehen. Und Hans Joachim Schellnhuber, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates Globale Umweltveränderung, erklärt im Comic „Wir müssen vor allem die weltweiten Energiesysteme Dekarbonisieren, sprich: fossile Ressourcen durch Erneuerbare ersetzen, um die Erderwärmung auf ein Maximum von zwei Grad zu begrenzen. Das kann nur gelingen, wenn auch jeder einzelne bereit ist, seinen Lebensstil zu überprüfen.“

Der Comic entstand im Rahmen eines Projektes, in dem alternative Möglichkeiten der Wissensvermittlung getestet werden. Die Herausgeber haben für die Gestaltung und empirische Begleitung mit Didaktikern zusammengearbeitet.

Josephin Lehnert

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