Wird Sanaa die erste ausgetrocknete Hauptstadt der Erde?

Sanaa, Jemen

Im Altertum galt der Jemen als Vorreiter effizienter Wassernutzung und landwirtschaftlicher Produk- tion. Der Staudamm von Marib, gebaut bereits zwischen 750 und 700 vor Christus, war ein Symbol der verantwortungsbewussten Verteilung des wertvollen Regenwassers für die überlebens- wichtige Landwirtschaft. Davon ist der Jemen heute weit entfernt. Ein rapides Bevölkerungswachstum in Kombination mit verschwenderischer Ineffizienz im Umgang mit Wasser hat heute zu einer bedrohlichen Situation geführt. Setzt sich der aktuelle Trend fort, geht der Hauptstadt Sanaa in etwas mehr als einer Dekade das Wasser aus.

Bereits heute muss der durchschnittliche Jemeniter mit nur 140 Kubikmetern Wasser im Jahr auskommen. Der Durchschnittswert im Mittleren Osten liegt bei rund 1.000 Kubikmetern. Doch was ist der Grund für diese katastrophale Entwicklung? Auf der einen Seite steht der völlig unverantwortliche Umgang mit dem noch vorhandenen Wasser. Dazu gehört vor allem die Nutzung unmoderner Methoden der Bewässerung in der Landwirtschaft, da die ansässigen Bauern lieber auf traditionelle Weise arbeiten. Neuere Bewässerungsmethoden, wie die Tropfenbewässerung, wären günstig und könnten die Effizienz ohne großen Aufwand deutlich steigern, werden jedoch weitgehend als unehrenhaft betrachtet. Auch das öffentliche Brunnensystem ist in einem armseligen Zustand. Dies liegt einerseits an der Hilflosigkeit der Behörden und andererseits auch an der maßgeblich von der Scharia dominierten Gesetzgebung, die eine zentrale Brunnenverwaltung verhindert.

Auf der anderen Seite geht die bedrohliche Wasserknappheit mit einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Problem einher. Nach Angaben der WHO konsumieren bis zu 90 Prozent der männlichen Bevölkerung im Jemen regelmäßig Khat. Khat ist eine narkotisch wirkende Droge, bestehend aus den Blättern des Khatstrauchs, auch Abessinischer Tee genannt. Der Anbau von Khat beansprucht bis zu 40 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs im Sanaa-Becken – Tendenz steigend. Bei der Khat-Produktion wird deutlich mehr Wasser benötigt, als beim Anbau vergleichbarer Nutzplanzen wie beispielsweise Kaffee. Bedenklicher ist jedoch, dass der Anbau des Khatstrauchs jährlich um bis zu zwölf Prozent steigt und wertvolle Nahrungsquellen von den Anbauflächen vertreibt, was zu immer höheren Nahrungsmittelpreisen führt. Der simple Grund: Profit. Khat wirft trotz des hohen Wasserverbrauchs mindestens fünf mal so viel Gewinn ab wie alles andere, das in der Region gedeiht.

Natürlich ist sich auch die politische Führung Sanaa’s im Klaren, dass es so nicht weiter geht. Die Lösung: Die über 2.500 Jahre alte Stadt (seit 1986 Unesco-Weltkulturerbe) soll einfach an die Küste verlegt werden. Ein Unterfangen, das bereits finanziell zum Scheitern verurteilt ist. Andere Ideen, wie die Umleitung der Wasserquellen anderer Regionen oder eine drastische Reduktion der Landwirtschaft sind ebensowenig hilfreich wie nachhaltig.

Stattdessen sollte die Regierung drei zentrale Reformen vorantreiben, die die Zukunft Sanaa’s vielleicht doch noch sichern könnten: Den Konsum und die Produktion von Khat eindämmen, die marode Bewässerungsinfrastruktur verbessern sowie neue Wege der Trinkwasserversorgung durch Entsalzung erschließen.

Dennoch, selbst wenn sich die politische Führung endlich für den steinigen Weg der nachhaltigen Problemlösung entscheiden würde, das kommende Jahrzehnt wird für die Menschen Sanaa’s zweifellos zu einer der größten Herausforderungen ihrer Geschichte. Es bleibt die Hoffung, dass der Jemen, einst Vorreiter in Verfahren effizienten Wassermanagements, diese alte Tradtion revitalisieren kann und Sanaa von dem Schicksal einer zukünftigen Geisterstadt bewahrt wird.

 

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