Wahrheit oder französische Beschwichtigungstaktik?

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Die Tradition der Vertuschung in Frankreich ist lang. Zumindest dann, wenn es um kleinere und größere Zwischenfälle in den insgesamt 58 atomaren Anlagen des Landes geht. Angesichts der Sensibilisierung der Bevölkerung für atomare Zwischenfälle durch das Atomunglück in Fukushima lässt sich der Vorfall, der sich in der vergangenen Woche in der Fabrik Centraco in Marcoule ereignete, allerdings nicht so einfach abtun. Die Bevölkerung der Atom-Nation ist auf der Hut und wendet sich langsam aber sicher gegen die Atomenergie aus dem eigenen Land. Kurz nach Fukushima ergaben Umfragen in der Bevölkerung gar ein erstaunliches Ergebnis. Rund 70 Prozent waren für eine Kehrtwende in der Atompolitik, sie plädierten für den Ausstieg! 

Die Anlage, in der sich das Unglück am 12. September ereignete, ist Teil des größten Nuklearkomplexes in Frankreich und dient dazu, radioaktiv verstrahlte Abfälle zu entsorgen. Zwar wird unmittelbar in der Fabrik, in der ein Kessel explodierte und einen Menschen tötete, kein Plutonium verarbeitet. Durch eine Kettenreaktion hätten jedoch grundsätzlich auch die benachbarten Komplexe gefährdet werden können. Hier stehen nämlich zahlreiche Versuchs-, Entsorgungs- und Produktionsanlagen. Einige von ihnen längst stillgelegt, andere im Abbauprozess, wiederum andere in voller Fahrt, wie der schnelle Brüter „Phenix“. Aber auch Plutoniumwerke, die aus Uran und Plutonium ein Gemisch für Reaktorbrennstäbe herstellen, stehen auf dem Gelände. Doch das ist längst nicht das einzige Problem.

In den beiden größten Wiederaufbereitungsanlagen Frankreichs, Marcoule und La Hague, sind deutlich mehr radioaktive Stoffe auf einen Ort konzentriert, als in den einzelnen Atomkraftwerken selbst. Le Hague war aufgrund von Unfällen, bei denen auch Radioaktivität austrat, in der Vergangenheit des Öfteren in den Schlagzeilen zu finden. Allerdings nie sehr lange, denn solche unschönen Dinge wurden immer schnell mit der Aussage „für Menschen, Umwelt und Natur unschädlich“ verharmlost. Selbst eine Studie, die anlässlich der Anschläge des 11. September einen (ziemlich unwahrscheinlichen) Flugzeuganschlag auf eine solche Anlage durchspielte und eine weitaus größere Verseuchung als Tschernobyl prophezeite, änderte nichts am Festhalten an der Atompolitik.

Auch beim aktuellen Unfall in Marcoule gab das staatliche Atomenergiekommissariat wieder sofort Entwarnung. Fürs Erste sei keine Radioaktivität entwichen. Dennoch durften Arbeiter das Gelände zunächst nicht verlassen und um die Anlage wurde eine Sicherheitszone gezogen. Ein Umstand, der die Bevölkerung ziemlich verunsicherte, zumal auch aussagekräftige Stellen für sie telefonisch erst Stunden später erreichbar waren. Auf einen „kleinen Unfall“ deutet ein solches Verhalten zumindest nicht hin und die Vertuschungstradition dürfte dieses Mal auch nicht so funktionieren, so, wie es vor Fukushima der Fall war.

Ob auch wirklich „alles unter Kontrolle“ ist, wird sich spätestens im kommenden Jahr herauskristallisieren. Denn dann stehen in Frankreich die Wahlen an. Hier wird sich dann zeigen, ob die Bevölkerung hinter der Einstellung ihrer Regierung steht, die auch nach Fukushima weiter an der Atomenergie festhalten will.

Judith Schomaker

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