Nachhaltigkeitsstudie OECD: Deutschland verpasst Top 5

Nachhaltigkeitsziele - Bertelsmann-Studie
Nachhaltigkeitsziele - Bertelsmann-Studie

Laut einer neuen Studie ist Deutschland eine der nachhaltigsten Industrienationen der Welt, gehört jedoch nicht zu den Top-5: So erreichte die Bundesrepublik bei einer internationalen Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung den sechsten von insgesamt 34 Plätzen. Während vor allem soziale Aspekte, die vielen Naturschutzgebiete und die innere Sicherheit gelobt wurden, gibt es hierzulande laut Studie vor allem in Umweltaspekten große Defizite. Auf dem ersten Platz des Rankings landete Schweden, gefolgt von Norwegen und Dänemark. Die Verlierer sind Ungarn, die Türkei und, auf dem letzten Platz, Mexiko.

Vom 25.09.15 bis zum 27.09.15 findet der UN-Sondergipfel in New York statt. Bei dem Treffen werden die Staats- und Regie-rungschefs der Vereinten Nationen die sogenannten Nachhaltigkeitsziele ab 2016 beschließen. Dabei geht es um insgesamt 17 Ziele (Sustainable Development Goals). Dazu gehört unter anderem Bildung, Gesundheit, nachhaltiger Konsum, nachhaltige Städte und der Klimawandel. Diese Ziele sollen die seit 2001 geltenden sogenannten Milleniums-Entwicklungziele ablösen.

Wissenschaftler der Bertelsmann-Stiftung haben nun, einige Wochen vor dem Gipfel, die 34 OECD-Nationen genauer unter die Lupe genommen und untersucht, ob sie beim Erreichen der bislang geltenden Ziele auf einem guten Weg sind. Halten die reichen Staaten ihren Teil der globalen Abmachung zu nachhaltiger Entwicklung ein? Machen sie ihre Hausaufgaben? Sind sie fit für die ab 2016 geltenden Ziele?

Um das herauszufinden, verglichen die Autoren die UN-Mitgliedsstaaten anhand von 34 Kriterien zu den zukünftigen Nachhaltigkeitszielen miteinander. Zu diesen Kriterien zählen unter anderem Umweltschutz und Wachstumsaussichten, aber auch Kriminalität, Arbeitslosigkeit und das Sozialsystem.

Das Ergebnis ist ernüchternd: So seien die meisten der 34 Länder noch weit davon entfernt, die UN-Nachhaltigkeitsziele erreichen zu können. Bei vielen der untersuchten Kriterien bestünde sogar die Gefahr, die Ziele komplett zu verfehlen, so die Autoren. Die größten Defizite sehen die Wissenschaftler beim Konsumverhalten und der wenig nachhaltigen Produktion. Aber auch die soziale Ungerechtigkeit, also der weit auseinanderklaffende Unterschied zwischen armer und reicher Bevölkerung wurde kritisiert. Diese Ungleichheit habe mittlerweile ein Rekordniveau erreicht – mit steigender Tendenz, schreiben die Autoren. Demnach verdienen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung in 23 OECD-Staaten inzwischen mindestens genauso viel wie die ärmsten 40 Prozent.

Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung sagte dazu: „Unsere Untersuchung ist der erste Stresstest für die Industriestaaten zu den neuen Zielvorgaben. Wir als reiche Länder können uns mit unserer wachsenden sozialen Ungleichheit und Ressourcenverschwendung nicht mehr länger als die Lehrmeister der Welt darstellen.“

Deutschland selbst schaffte es bei der Untersuchung auf einen recht guten sechsten Platz. Bei 12 der 34 untersuchten Indikatoren liegt die Bundesrepublik auf einem der vordere Plätze, unter die Top 5 schafften wir es jedoch nur zweimal. Beim Wirtschaftswachstum (Platz 6) gehörten wir zu den führenden Ländern der Untersuchung, obwohl die Bundesregierung mehr tun müsse, um dieses Wachstum nachhaltig zu gestalten, so die Autoren. Auch bei der Beschäftigungsquote (Platz 6), bei Forschung und Entwicklung (Platz 8) und der geringen Zahl von Tötungsdelikten (Platz 6) liegen wir weit über dem Durchschnitt. Besonders gut abgeschnitten hat Deutschland auch in puncto Naturschutzgebiete: So seien bei uns rund 17 Prozent der Landbiome als Schutzgebiete ausgewiesen, wie in nur sieben weiteren OECD-Staaten.

Doch es gibt hierzulande auch einige große Defizite: Während es zwar viele Naturschutzgebiete gibt, schneiden wir beim Gesamtziel Artenvielfalt eher schlecht ab, da der Artenschutz grob vernachlässigt werde (Platz 29). Auch bei anderen Umweltaspekten sieht es eher schlecht aus. Durch die Verwendung von zu viel Dünger sei die Nach-haltigkeit der deutschen Landwirtschaft in Gefahr (Platz 26). Pro Hektar würde ein Überschuss von 94 Kilogramm Stickstoff und Phosphor auf die Äcker gebracht, das könne die Böden schwer schädigen und sei zudem eine Bedrohung für Wasser und Luft.

Auch bei der Abfallmenge pro Kopf ist Deutschland nur auf Platz 28: Mit 614 Kilogramm liegen wir weit über den ersten fünf Ländern, die zwischen 293 und 347 Kilogramm pro Kopf erzeugen. Auch die Luftqualität wurde von den Autoren bemängelt. Vor allem die Belastung mit Feinstaub sei weit über den Grenzwerten der WHO, sodass Deutschland in diesem Bereich auf Platz 27 steht. Am schlechtesten abgeschnitten haben wir allerdings bei der nachhaltigen Nutzung unseres Grundwassers (Platz 29).

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Auch bei der Nutzung der Erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung liegen wir nur im Mittelfeld (Platz 19). Die Schluss-lichter hier sind allerdings Korea, Groß-britannien und die Niederlande, die we-niger als vier Prozent Erneuerbare Energien nutzen. Dagegen kommen Island, Norwegen und Schweden bereits jetzt auf einen Anteil von über 47 Prozent – Tendenz steigend.

Die OECD-Staaten – auch Deutschland – haben noch viel zu tun, um die neuen Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen, so das Fazit der Studie. Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan schreibt im Vorwort der Analyse: Diese Studie wird hoffentlich Reformdebatten über Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in vielen Industriestaaten entfachen. Wir schulden dies unserem Planeten und seinen Menschen.“

Die Studie in Lang- sowie in Kurzfassung können Sie hier herunterladen.

Quelle: Focus

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