Laufzeitenverlängerung – Pro & Contra

Seit vielen Wochen schwelt die Debatte um die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken in Deutschland. Gemäß dem Beschluss zum Atomausstieg aus dem Jahr 2000 sollten bis spätestens 2024 alle deutschen Kernreaktoren vom Netz genommen werden. Dieser Plan wird derzeit auf politischer Ebene neu verhandelt. Parteien mit teilweise sehr gegensätzlichen Interessen stehen sich in dem Konflikt konträr gegenüber.

Erst vor kurzem haben Wirtschaftsvertreter, allen voran die Vorstandsvorsitzenden der großen Stromkonzerne und anderer Dax-Konzerne, eine Anzeigenkampagne gestartet, in der sie die Regierung vor zu starken Belastungen der Energiebranche durch die geplante Brennelementesteuer warnten und sich für längere Lauzeiten aussprachen. Zudem haben die vier großen Atomkonzerne mit einem sofortigen Atom-Ausstieg gedroht, wenn strikte Auflagen und zusätzliche Steuerbelastungen durchgesetzt würden.

Die Brennelementesteuer brennt vor allem den großen Energiekonzernen unter den Nägeln. Wirtschaftspolitiker sehen eine Laufzeitverlängerung nur in Verbindung mit der geplanten Steuer. Bundeskanzlerin Merkel hingegen will Brennelemente unabhängig von der Laufzeit der Kraftwerke besteuern.

Bemängelt an der Brennelementesteuer wird vor allem deren Verwendung. So wird kritisiert, dass die Bundesregierung die Einnahmen zur Lösung ihrer Haushaltsprobleme zu verwenden plant, anstatt diese in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu investieren. Die Brennelementesteuer soll dem Bundeshaushalt ab 2011 jährlich Einnahmen von 2,3 Milliarden Euro bringen. Zwischenzeitlich war im Gespräch, dass die Atomkonzerne als Gegenleistung für längere Leistungen in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren. Dafür solle die Regierung auf die Brennelementesteuer verzichten.

Auch erklärten sich die Energiekonzerne in einem Alternativ-Vorschlag zu einem Abgabenvertrag bereit. Sie wollen einen Teil der Zusatzgewinne, die ihnen bei einer Laufzeitverlängerung entstehen, abführen – unter der Bedingung, dass die Bundesregierung auf die Brennelementesteuer verzichtet.

Die Stromkonzerne weisen darauf hin, dass die durch die Brennelementesteuer entstehenden Kosten untragbar seien. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnete indes, dass eine Brennelementesteuer in Höhe von 2,3 Milliarden Euro im Jahr keine allzu große Belastung für die Stromkonzerne darstellt. Würden die Laufzeiten verlängert, lägen die Gewinne (bei einem weitgehend konstanten Strompreis von 6,5 Cent je Kilowattstunde) bei rund 6,4 Milliarden Euro für die Stromkonzerne. Auf den Strompreis hätte die Einführung einer Brennelementesteuer nach Meinung von Experten keine Auswirkungen.

Volkswirtschaftlicher Nachteil durch längere Laufzeiten

Kommunale Energieerzeuger stehen einer Laufzeitverlängerung kritisch gegenüber. Sie haben sich seit Jahren auf den Ausstieg eingestellt, zum Beispiel in Form von Zusatzinvestitionen für neue Kraftwerke. Stadtwerke betreiben hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die vor allem mit Erdgas betrieben werden und investieren in erneuerbare Energien und in regionale Wertschöpfung. Auf kommunaler Ebene sind Investitionen in Milliardenhöhe geplant.

Das Argument, dass Laufzeitverlängerungen zu einem niedrigeren Strompreis führen, ist kaum haltbar. Den Strompreis bestimmt das Kraftwerk mit den höchsten Kosten (Grenzkraftwerk). Die niedrigen Betreiberkosten der Kernkraftwerke, kommen vor allem dem Betreiber in Form hoher Gewinne zugute.

Das Oligopol auf dem deutschen Strommarkt aus Eon, RWE, EnBW und Vattenfall beherrscht heute rund 80 Prozent der Erzeugungskapazitäten. Eine Laufzeitverlängerung würde die Marktdominanz der „Big Four“ noch verhärten und damit die Position kommunaler Energieerzeuger untergraben sowie einer Diversifizierung des Energiemarktes entgegenstehen. Kommunale Stromunternehmen fürchten Wettbewerbsnachteile und Investitionsstaus.

Argumente für Laufzeitverlängerung lauten, solange Wind-, Sonnenenergie und andere alternative Energieträger nicht zuverlässig und flexibel Strom liefern, seien Atomkraftwerke eine weitgehend klimaunschädliche Alternative. Derzeit deckt Atomenergie etwa 22 Prozent des Energiebedarfs in Deutschland, es sind 17 Atomkraftwerke am Netz. Ein Großteil davon ist nicht auf dem neuesten Stand der Technik, wie die Kraftwerke Brunsbüttel, Biblis, Neckarwestheim. Brunsbüttel und Biblis sollten ursprünglich bereits 2009 abgeschaltet werden. Der Sicherheitsbehälter des Werkes Brunsbüttel besteht aus nur drei Zentimeter dickem Stahl, der bei einem Unfall mit Kernschmelze nur wenige Minuten standhalten würde. Aus Sicht von Umweltschützern (Greenpeace) könnten die acht ältesten Atomkraftwerke sofort stillgelegt werden, ohne dass Engpässe in der Stromversorgung auftreten.

Befürworter der Laufzeitverlängerung monieren auch, dass bei einem frühzeitigen Atomausstieg eine stärkere Nachfrage nach Strom aus fossilen Energiequellen und damit ein Anstieg der CO2-Emissionen zu erwarten sei. Tatsächlich bedeutet eine Laufzeitverlängerung eine Senkung der CO2-Emissionen bis 2030 um fünf Prozent mehr, als bei einem sofortigen Atomausstieg. Es ist unklar, ob diese CO2-Ausstoß-Minderung nicht auch regulativ erreicht werden könnte durch höhere Energieeffizienz und Energiesparkonzepte.

Wie es weitergeht

Am letzten Augustwochenende wurden die seit längerem erwartete Energiegutachten ausgewertet und vorläufige Entscheidungen getroffen. Nach neuesten Informationen will die Bundesregierung die Laufzeiten der Meiler um zehn bis 15 Jahre verlängern. Die mit den Gutachten beauftragten Institute rechneten unterschiedliche Szenarien durch und kamen zu dem Schluss, dass eine Verlängerung um zwölf bis 20 Jahre zu empfehlen sei – allerdings ohne Nachrüstungen. Die Modernisierung der Kraftwerke führe zu einem höheren Strompreis, was wiederum den Vorteil längerer Laufzeiten mindert – so heißt es zumindest.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen stellte hingegen klar, dass Voraussetzung für die Verlängerung Mindestsicherheitsstandards sein müssten. So sollen die Kuppeln der Kraftwerke dem Absturz großer Passagierflugzeuge standhalten. Das bedeutet für einige ältere Kraftwerke das Aus. Eine nachträgliche Verstärkung der Kuppeln rentiert sich für die Betreiber häufig nicht. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass im Durchschnitt mit Nachrüstungskosten in Höhe von einer Milliarde Euro pro Meiler zu rechnen ist. Dennoch wolle man auf Sicherheitsvorkehrungen nicht verzichten, machte Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich. Merkel will sich auch dafür stark machen, dass eine Neuregelung zustimmungsfrei ist, um den Bundesrat zu passieren.

Bis Ende September soll ein endgültiges Energiekonzept vorliegen sowie die Entscheidung über die Laufzeitverlängerung. Das Konzept soll nach dem Willen der Bundeskanzlerin bis 2050 gültig sein, was unrealistisch ist angesichts der Wandlungsfähigkeit der Energietechnologie.

Jüngeren Umfragen zufolge spricht sich die Mehrheit der Deutschen gegen eine Laufzeitenverlängerung aus. In einer Umfrage der taz stimmten über 50 Prozent der Befragten für einen sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft. In der energiepolitischen Debatte scheint diese öffentliche Meinung jedoch kaum von Belang.

Josephin Lehnert

5 Bemerkungen

  • Liebe/r LeserIn,

    Es verwundert mich immer wieder, warum die Menschen weder aus der Geschichte noch aus den Ereignissen lernen.

    Albert Einstein, der sog. Urvater der Atomphysik, hat in den 50ern davor gewarnt, weiter in diese “wissenschaftliche Sackgasse” zu gehen.

    Harrisburg, Forsmark und Biblis sind Paradebeispiele für “Fast-GAUs”.

    Tschernobyl sogar ein Denkmal für den “Super-GAU”, obwohl die von den Lobby-Experten berechnete Wahrscheinlichkeit 1:1.000.000 sein sollte…

    Sind denn die vielen 100.000de Tote umsonst gestorben???

    Das Irren und die Schizophrenie mit der Atomkraft geht weiter…

    Alles Gute wünsche ich Deutschland

    Hermann Schuldt

    P. S. Wer kommt zur Demo am 18.09.2010, 13Uhr zum Reichstag??? http://www.campact.de

  • Liebe Freunde der Natur,

    Viele von Euch wissen, daß der Uran-Abbau einer der schmutzigsten Arbeitsprozesse auf diesem Planeten ist, mit anderen Worten, bereits vor der Nutzung von Kernenergie entsteht schon “Atom-Müll”….

    Es stellt sich auch immer wieder die Frage, wohin mit den abgebrannten Elementen? Wo können über Millionen Jahre hochradioaktiv verstrahltes Material gelagert werden…

    Schon jetzt sind die Stahlbehälter in Asse undicht und unser Grundwasser akut in Gefahr, wie können da selbsternannte “Lobby-Experten” von Sicherheit reden…???

    Bei allen diesen ungelösten Fragen (nach A. Einstein handelt es sich bei der Radioaktivität durch abgebrannte Elemente um einen irreversiblen Prozeß, ein physikalisches Gesetz) da stellt sich noch mehr die Frage, wer so etwas verantworten kann?

    Eine Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel? Die im Physikunterricht “nicht aufgepaßt” hat….? Oder ein “Umweltminister” Röttgen, der wie Hr. Brüderle ebenso “Klientelpolitik” betreibt, statt die Anliegen der Bürger zu vertreten….?

    Als “Normalbürger” bleibt uns nur noch der Weg der “offenen Meinungskundgebung” und dennoch:
    Die Stuttgart-21-Demo wird von der “regierungstreuen” (kollaborierenden) Presse als “politischer Ungehorsam” diskreditiert, obwohl es sich um ein legales und demokratisches Grundrecht handelt…

    Hier hätte die Polizei das Recht auf “politischen Ungehorsam” nutzen müssen, statt Mitbürger (Frauen und Kinder) niederzumetzeln.

    So werden wir Bürger Tag für Tag durch Lügen und sog. “Geheim-Deals nach Stasi-Manier” hinters Licht geführt.

    Es wird Zeit für eine unabhängige Instanz, denn auch den Gerichten kann man in Deutschland nicht mehr trauen.

    Leider sind die meisten Menschen käuflich…

    Alles Gute wünscht

    H. Schuldt

  • Liebe Freunde und Interessenten für saubere Energie,

    Schon mehrmals habe ich Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel mailisch angeschrieben und auch Kontakt zur CDU-Zentrale versucht aufzunehmen, vergeblich.

    Die CDU hüllt sich in ratlosem “Schweigen” angesichts der Wahrheiten, die ich versuche zu vermitteln.

    Eine weitere Mail (s. unten) in der Hoffnung auf sofortige Umsetzung höherer, ethischer Ziele.

    Viel Anregung beim Lesen

    H. Schuldt

    P. S. Insbesondere empfehle ich den Report aus Mainz als Link weiter unten ! ! !

    Sehr geehrte Frau Heil,

    Als Mitglied in den Netzwerken Erneuerbare Energien, Einsatz für die Umwelt und Menschenrechte erhielt ich von Dr. Winfried Esser seine Antwort vom 6.11. auf Ihre E-Mail vom 28.9.2010.

    Dr. Esser hat meiner Meinung nach die Gefahren, die von Atomkraft und Atom-Müll ausgehen nicht klar genug herausgehoben.

    Hier geht es mehr als um eine zentrale (vielleicht auch eine Jahrhundert-) Frage für kommende Generationen, die mit diesem Atom-Müll werden leben müssen, nur weil dem Bundesrat das Thema (05.11.10, Anmerkg.d.Verf.) nicht interessiert, bzw. nicht wichtig genug ist, darüber zu debattieren, wie unsinnig Laufzeitverlängerungen von AKWs sind.

    Es geht hier vielmehr um jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, wo weiterer Atom-Müll produziert wird und um jeden Augenblick (auch während ich diese Mail verfasse), der in den alten und auch neuen AKWs zu einem GAU oder wie in Tschernobyl zu einem Super-GAU führen kann…

    Wir wissen inzwischen, was in Asse passiert ist, dass das Grundwasser schon radioaktive Werte aufzeigt wg. maroder Stahlfässer, wir haben die Expertise von unabhängigen Wissenschaftlern bzgl. Gorleben, wir wissen auch um die täglichen “Pannen” in Alt-Reaktoren, wie Unterweser oder Krümmel u. v. a., wir wissen allerdings nicht, wann der nächste GAU bevorsteht, aber wir wissen, dass er unvermeidlich ist.

    Gemäß der selbsternannten “Experten” aus den Rängen von Politik und Lobby sei die Wahrscheinlichkeit für einen GAU 1:1.000.000, trotzdem hatten wir sehr viele Fast-GAUs wie Harrisburg/USA, Forsmark/Schweden und sogar Biblis hier in Deutschland.

    Den Politikern (ob schwarz, rot, gelb oder grün) ist anscheinend nicht bewußt, wieviele 100.000de beim GAU in Tschernobyl ihr Leben lassen mußten, zwar nicht alle sofort auf einmal, offiziell waren es ja “nur” 2570 Tote, die bei den Sofort-Maßnahmen und Aufräumarbeiten als “Helden der UdSSR” gefeiert wurden…

    Diese sog. “Liquidatoren” oder Helden waren zu 10.000den registriert (offiziell über 200.000 Helfer) und die UdSSR gab nur etwa 17.000 Familien eine sog. “Sofort-Rente” sodaß man davon ausgehen kann, dass es sich zumindest um knapp 20.000 Tote in den ersten Monaten nach Tschernobyl handeln muß.

    Die vielen einfachen, “nicht-registrierten” Helfer, Zivilisten, die 100.000de Bewohner aus der Umgebung, die an den Spätfolgen gestorben sind (Blut-, Schilddrüsen-, Lungenkrebs u.v.a. Tumore), die vielen 10.000de Tot- und Mißgeburten von verstrahlten schwangeren Müttern (es war just in jener Zeit eine hohe Geburtenzahl) die werden nicht einmal erwähnt (!!!)

    Wie kann jemand in der heutigen Zeit angesichts solcher Wahrnehmungen überhaupt noch in irgendeiner Form der Atomkraft oder deren Lobby Zusagen machen, sei es in Form von “Geheimdeals” (wie Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel) oder mit einem Sprecher und Befürworter (getarnt als Umweltminister Röttgen) o. a. politischen Machenschaften agieren, die gegen die Schöpfung Gottes, gegen das Christentum, gegen alle Werte der Ethik und Moral so öffentlich und ohne jedwelche Skrupel verstoßen?

    Es ist erschreckend, wie leicht käuflich die Menschen sind, z. B. Ex-Kanzler Schroeder verhindert den Gas-Import aus Türkei/Emiraten zugunsten Russland und beschert uns Bürgern damit die teuren Gaspreise, jetzt ist er beim Vorstand der Gazprom; “Superminister” Clement verhindert die Umsetzung höherer Ziele meines Vornamensvetters Hermann Scheers († 14.10.2010), der für einen möglichst schnellen Ausstieg aus der Kernkraft war, jetzt sitzt Clement bei der Atom-Lobby im RWE-Vorstand; nun eine Kanzlerin Merkel, die Atomtechnologie für Polen, Tschechien und Rumänien vermittelt, in welchem Konzern wird sie wohl demnächst sitzen?).

    Ergo, hier wird das Volk nicht mehr bedient, sondern alleine die obere Klientel, eben die Schlüsselwirtschaft, die sogar gegen den Willen des Volkes arbeitet.

    In meinen Augen ist das eindeutige Korruption, keine “Klientelpolitik”.

    Möge ich Ihnen wenigstens ein Denkanstoß gegeben haben, die Energiepolitik aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und zu erkennen, dass jede Form, die eine Gefahr globalen Ausmaßes inne hat und weder dem Menschen noch der Natur/Umwelt zuträglich ist, alleine einer profitgierigen Minderheit dient, die die Macht hat, über Leichen zu gehen, Wahrheit zu vertuschen und Steuergelder zu stehlen (immerhin in den 60er bis in die 80er hat die milliardensubventionierte Atomlobby jahrzehntelang glaubhaft gemacht, dass es ohne Atomkraft nicht geht und dass diese Technologie absolut sicher sei, heute wissen wir um diese Lüge Bescheid, doch das böse Spiel geht weiter).

    Alles Liebe und Gute wünscht Ihnen

    Hermann Schuldt

    P. S. Gerne zitiere ich den Wissenschaftler und alternativen Nobelpreisträger H. P. Dürr:

    “Wer Atomenergie nutzt, spielt russisches Roulette”

    Auch die friedliche Nutzung ist ethisch und moralisch inakzeptabel,
    weil der größte anzunehmende Unfall (GAU) zu einem Schaden führt,
    der weder versicherbar noch verantwortbar ist.

    (Sagt Hans-Peter Dürr in seinem Buch “Warum es ums Ganze geht”).

    ! Hier noch ein Hinweis aus dem SWR (Report Mainz) !

    “Wie die Bundesregierung sauberen Strom aus Norwegen blockiert”:
    http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=6770834/1uxeb5l/