Interview mit Martin Unfried, Ökosex-Kolumnist und Solarstrom-Verführer

Martin Unfried spielt in der Band „Ökosex“, schreibt eine gleichnamige Kolumne für die TAZ und ist eigentlich beruflich seriöser Experte für europäische Umweltpolitik am europäischen Institut für öffentliche Verwaltung in Maastricht. Mit seinen Texten und Liedern über Biosprit aus Salatöl, über CO2-Sünder unter den deutschen Eliten, rebellische Stromwechsler und den Sex-Appeal von umweltfreundlichen Produkten setzt er in der Klimaschutz-Debatte einen neuen Ton: nicht Verzicht und Zukunftsangst, sondern Erfindergeist und Lust sind die Kräfte, die in seinen Texten und Liedern mitschwingen.

Dieser Beitrag ist der erste in einer Reise von Porträts mit dem Titel „Klimaschutz-Stars“ – Menschen im In- und Ausland, die die Energiewende mit neuen Ideen und explosiven Gedanken vorantreiben.

Sie sprechen von sich selber manchmal als der „heitere Klimafreak“ – wie kamen Sie auf diesen Namen?

Das hängt mit dem Bild des Ökos in der Öffentlichkeit zusammen. Einer der völlig verbissen anderen den Sportwagen verbieten und das Leben insgesamt vermiesen möchte. Das Bild war schon immer verzerrt, ist aber heute mehr denn je Quatsch.

Leute die in Passivhäusern wohnen und Sparautos fahren sind heute Avantgarde in Architektur und Fahrzeugdesign. Wer keinen Atomstrom zuhause hat, ist heute einfach ein Konsumtrendsetter und kein Verzichtsprediger. Die heutigen Ökos stehen für faszinierende technologische Innovation und zeitgemäße Produkte. Interessanterweise sind sie die Technikoptimisten von heute, die auch stilsicher wissen, dass ein Apple-Notebook und Atomstrom nicht zusammenpassen.

Sie haben beruflich viele Berührungspunkte mit der europäischen Energiepolitik. Am 8. Juli wird das Erneuerbare Energien-Gesetz zum zweiten Mal novelliert. Welche Entwicklungen sind von EU-Seite für das EEG zu erwarten?

Jetzt geht’s zur Sache in Brüssel, es wird im Rat entschieden, wie die Lasten beim europäischen 20% CO2-Minderungsziel verteilt werden. Es liegt ein Vorschlag für eine Richtlinie zu den Erneuerbaren vor, die genau beschreibt, was jeder Mitgliedsstaat bringen muss. Das deutsche EEG ist im Moment jedoch nicht von Veränderungen bedroht, da die Bundesregierung und viele andere Regierungen, die ähnliche Regelungen haben, hier massiv Druck ausgeübt haben. Das wäre auch merkwürdig, denn viele EU-Staaten haben das deutsche Einspeisegesetz zum Teil übernommen. Interessant wird das Thema Biokraftstoffe. In der Novelle wird festgelegt, wie viel CO2 der Treibstoff künftig einsparen muss.

Sie haben zum Thema Biokraftstoffe einen Beitrag in der TAZ veröffentlicht, der einen starken Kontrast zur derzeitigen Medienresonanz differenziert und mäßigend wirkte.

Die Biokraftstoffdebatte verlief bis vor zwei Jahren relativ positiv, danach ist sie wegen entsprechender Studien umgeschlagen. Auf einmal sind Biokraftstoff das größte Übel der Menschheit! Ich denke, es ist gut, dass wir die Probleme der Biokraftstoffproduktion ansprechen. Es kann nicht sein, dass wir an einem Ende der Erde mit sauberem Sprit fahren und auf der anderen Seite Wälder abholzen. Aber wir sollten die Diskussion um Nachhaltigkeit auch auf andere Bereiche ausdehnen. Zum Beispiel hätte man schon lange einen Nachhaltigkeitscheck für Mineralölprodukte einführen können.

Das ist leider von der Bundesregierung nicht gewollt worden. Statt die Kraftstoffbranche insgesamt sauberer zu machen hat man die Biodieselsteuer eingeführt – die viele Unternehmen zerstört hat. Dahinter stand die Idee, dass man durch die Einführung der Beimischungspflicht viele Steuerausfälle spart. Das hat dazu geführt, dass es keinen 100% Bodiesel mehr gibt und dass wieder einmal die großen Konzerne den Markt dominieren.

Sie sind einer der energischsten Verfechter von Solarstrom. Was genau möchten Sie den Konsumenten vermitteln?

Es geht mir nicht nur darum, dass wir nur noch Energiesparlampen einsetzen oder anderweitig Strom sparen. Es geht auch darum, dass der Durchschnittsverdiener seinen ökologischen Spielraum ausnutzt indem er zum Beispiel seinen Strom vom Ökoanbieter kauft oder noch besser, einfach selber herstellt. Natürlich habe ich ein Photovoltaikdach in Deutschland, denn die Photovoltaik ist ein faszinierendes Produkt. Wir müssen vor allem weg vom Gedanken der Stromversorgung. In einer künftigen denzentralen Energiewirtschaft kann jeder Konsument und Produzent sein. „Stromkunden in die Produktion“ scheint mir daher als emanzipierter Bürger die schlüssige Antwort auf den Unwillen einiger Konzerne. Wenn die die Energiewende nicht machen, dann müssen die Bürger das selbst machen. Ich beteilige mich in diesen Tage wieder an einer Windmühle. Mit 5000 Euro Einsatz bin ich dann mit meinem Anteil verantwortlich für 10000 Kilowattstunden umweltfreundlich produzierten Strom Jahr. Das entspricht dem, was drei Haushalte im Jahr verbrauchen. Und das ist ein solides unternehmerisches Engagement mit Rendite. Allerdings sieht man hier auch ein Problem: Die Rendite einer Windanlage kommt eben nicht an die absurden Renditen von abgeschriebenen Kohle- und Kernkraftwerke ran. Es sind also auch die absurden Renditeerwartungen der Energieversorger, die Klimaschutz verhindern.

Warum ist die Zahl der Strom-Wechsler derzeit noch relativ klein?

Bei den Mainstream-Konsumenten fehlt ein bisschen der Hype, die emotionale Aufladung, die ein Produkt begehrenswert macht. Nehmen Sie die Photovoltaik: das ist ein tolles Produkt, besonders im Vergleich zu einem Braunkohlekraftwerk, wo die Stromerzeugung mit vielen Emissionen verbunden ist und die Energie über weite Strecken transportiert werden muss. Trotzdem gilt es nicht als sexy, ein Solarstromdach auf dem eigenen Haus zu installieren. Es ist immer noch sexier, mit der Größe des eigenen Autos anzugeben.

Dazu kommt das Problem mit dem Label „Öko“: wen ein Produkt bisher ein Öko-Image hatte, dann war das für den Mainstream ein Problem. Ein 3-Liter-Auto wurde als Angriff auf unseren Lebensstil gewertet. Es geht also hier um ein kulturelles Problem. Wir können aber ein Produkt wie die Photovoltaik nicht breit vermarkten, ohne breite öffentliche Akzeptanz zu bewirken.

Woher könnte diese Akzeptanz kommen?

Das ist wohl nicht anders als bei anderen Produkten und Lebensstiltrends in der Konsumgesellschaft. Es würde gut tun, wenn sich erst eine gesellschaftliche Avantgarde, eine Konsumavantgarde etabliert, die dann den Mainstream mitzieht. Es gibt die Passivhaus, Windkraft, Solar, Fahrrad/Carsharing Gruppe in der Gesellschaft, sie hat aber leider noch keine so große Ausstrahlung in den Medien, da insbesondere die Medieneliten noch nicht dazu gestoßen sind. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten in Deutschland übrigens auch nicht.

Die USA haben Al Gore, Brad Pitt und Arnold Schwarzenegger. Gibt es auch in Deutschland „Klimaschutz-Stars“ oder Energie-Helden? Wer könnte diese Rolle spielen?

Das ist tatsächlich eine gute Frage. Warum sind die deutschen Stars hier so zurückhaltend? Es gibt tatsächlich keinen Prominenten in Deutschland, der mit seinem Elektroauto, seinem Plusenergiehaus oder seinem Windpark angibt. Die Umweltverbände beklagen seit langem, dass es extrem schwierig sei Prominente in Sachen Klimaschutz an Bord zu bekommen. Ganz banal hat es damit zu tun, dass viele deutsche Promis bei Auto oder Atomkonzernen bereits unter Vertrag sind. Heidi Klum bei Volkswagen, Franz Beckerbauer bei der EnBW, Bayern München bei Audi (etc.) und Sabine Christiansen bei Mercedes. Ich hoffe zum einen, dass die aufstrebenden Konzerne der Energiewende wie Solarworld oder Enercon (Wind) bald in der Lage sind, sich ein paar A-Promis zu kaufen. Und dass sich doch ein paar engagierte Promis finden, die Freude an anderen Produkten und einem anderen Lebenstil haben. Vielleicht ist es ja Zeit für so manches Coming-Out.

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