„Frauen sind die Anlegerinnen der Zukunft“

Seit Jahren sorgen die Kundinnen der Grameen Bank für Schlagzeilen:  Unternehmerinnen in wirtschaftlich und sozial benachteiligten Regionen, die mit Mikrokrediten eigene Existenzen aufbauen. Über die Finanzkompetenz von Frauen auf unserer Seite der Hemisphäre ist dagegen wenig zu lesen – und wenn, dann häufig in Form von Negativmeldungen. Wir sprachen mit der Finanzjournalistin Susanne Bergius über Unterschiede im Finanzverhalten von Frauen und Männern in Deutschland und über die Attraktivität von ökologisch-ethischen Geldanlagen für Frauen.

Deutschen Frauen wird häufig nachgesagt, dass sie sich nicht genug um ihre Vermögensbildung kümmern. Stimmt das in Ihren Augen?

Das war und ist teilweise noch so, was auch an den traditionell und noch immer hohen Einkommensunterschieden liegt, wodurch Frauen weniger Geld zum Anlegen haben. Die Situation ändert sich aber laut einigen Umfragen, weil immer mehr Frauen die Notwendigkeit einer eigenen Altersvorsorge erkennen, sowohl wegen der hohen Scheidungsraten als auch weil sie länger leben und oft weniger Jahre berufstätig sind als Männer.

Aktuell steigt ihre Sorge um einen niedrigeren Lebensstandard im Alter, auch weil viele Männer ihre Arbeit verloren haben. Gleichzeitig aber sparen laut einer Infratest-Befragung 55 Prozent aller Haushalte gar nicht. Und angesichts der Wirtschaftsflaute befassen sich laut einer Forsa-Umfrage insgesamt weniger Menschen mit der Altersvorsorge – auch Männer.

Wenn es um das Finanzverhalten von Frauen geht, liegt der Fokus häufig auf dem Thema „Altersvorsorge“ – bei den Männern eher auf dem Thema „Investment“.  Können Sie diese Beobachtung unterstützen? Wenn ja, wie erklären Sie sich diese Differenz?

Frauen scheinen bei der Geldanlage eher vorsichtig und risikoscheu zu sein. Männer, so berichten Berater, wollen Geld anlegen, egal ob sie viel oder wenig haben. Dagegen möchten Frauen eher etwas für ihre Altersvorsorge oder die Absicherung ihrer Kinder tun. Die höhere Risikobereitschaft von Männern belegen Studien, wonach sie häufiger umschichten als Frauen – wodurch aber die Rendite leidet. Weibliche Anleger sind weniger sprunghaft und halten auch in schwierigen Zeiten an ihrer langfristigen, risikoärmeren Strategie fest. Ihre Depots lieferten bessere Resultate, berichten Vermögensverwalter. Das war auch 2008 so. Man kann also – um auf Ihre Frage von vorhin zurück zu kommen – nicht generell sagen, dass sich Frauen nicht genug um Vermögensbildung kümmern. Sie tun es oft anders

In den USA sind sehr viel mehr Frauen als Anlegerinnen aktiv und es gibt zahlreiche Autorinnen auf diesem Gebiet, die Bestsellerstatus haben. Was müsste passieren, damit auch in Deutschland das Thema „Finanzanlagen“ bei Frauen besser ankommt?

Grundsätzlich ist dies eine Frage schulischer Bildung, sowohl für Frauen als auch für Männer. Meiner Ansicht nach ist es dringend geboten, dass alle Schulen das Fach Wirtschaft lehren und zumindest grundlegende Zusammenhänge des Wirtschaftens und der Finanzwelt erläutern, darunter auch die Aufgaben und Funktionsweisen sowie Chancen und Risiken unterschiedlicher Geldanlageformen. Da Frauen laut einer Commerzbank-Studie von 2003 größere Wissenslücken bei Geldanlagethemen haben als Männer, stehen überdies auch Bankberater vor der Aufgabe, weiblichen Kunden Zusammenhänge zu erklären und Bedürfnisse deutlich abzufragen, kurz: besser zu beraten. Banken sind meiner Ansicht nach überdies in der Pflicht, für Kunden nachvollziehbare Produkte und Anlagekonzepte anzubieten, von denen Kunden wissen, was sie leisten und was nicht.

Könnte der Zuwachs an ökologisch-ethischen Geldanlagen dafür sorgen, dass mehr Frauen sich als Anlegerinnen engagieren?

Ein Zuwachs an ökologisch-ethischer Geldanlagen allein wird nicht unbedingt zu steigendem Interesse führen, denn es gibt schon eine große Bandbreite von Produkten. Es fehlt eher an Aufklärung. Wohl aber könnte ein breiteres Angebot nachhaltiger Altersvorsorgeprodukte mehr Interesse bei Frauen wecken – sofern denn genug Informationen darüber so verbreitet werden, dass sie Frauen erreichen.

Das CleanEnergy Project veranstaltet heute ein Event zum Thema „Grünes Geld für Frauen“. Was würden Sie sich für eine solche Veranstaltung wünschen?

Sie sollte auf jeden Fall die Möglichkeiten nachhaltiger Altersvorsorge thematisieren, die angebotenen Produktvarianten, ihre Vorteile, aber auch ihre Risiken. Zudem wäre es sinnvoll, generell zu diskutieren, ob mit nachhaltigen Geldanlagen besondere Risiken verbunden sind und wie diese vermeidbar sind.

Interview: Birte Pampel

Seit Juni 2009 geben das Handelsblatt und die Nachhaltigkeitsexpertin Susanne Bergius das Handelsblatt-Business Briefing zu Nachhaltigen Investments heraus, einen neuen Newsletter, der Anlegern eine seriöse, produktunabhängige Informationsquelle zum Bereich Nachhaltige Kapitalanlagen bietet. Ein kostenloses Probeabonnement kann unter www.handelsblatt-nachhaltigkeit.de bestellt werden. Das nächste Handelsblatt-Business Briefing wird am 18. Dezember 2009 veröffentlicht.

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