Europa knüpft das Energienetz der Zukunft

Wenn gestandene Ökoaktivisten, knallhart kalkulierende Wirtschaftsberater und eingefleischte Klimaforscher beim Thema „Energie“ an einem Strang ziehen, muss das Projekt von Bedeutung sein.

Ist es auch, denn es geht um nichts Weniger als um den Aufbau eines Energienetzes – eines sogenannten „SuperSmart Grid“ -, das Europa, den Nahen Osten und Nordafrika umfassen soll. Ziel ist es, große Strommengen über weite Strecken zu transportieren und so zu den städtischen Ballungszentren und industriellen Zentren in der Region mit einem hohen Energiebedarf zu transportieren.

Denn eins steht schon heute fest: Ohne den weitreichenden Aus- und Umbau der Netz-Infrastruktur kann die EU ihre ehrgeizigen Klimaziele nicht erreichen. Daher braucht Europa ein neues Stromnetz.

Was die Öko-Gemeinde schon länger fordert, haben jetzt auch Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft bestätigt: Die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hat zusammen mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Ende März eine fundierte Analyse veröffentlicht, in der die These vertreten wird, dass in Zukunft weder Atomkraft noch fossile Energieträger für eine zuverlässige Versorgung nötig sein werden.

Und die Autoren der Studien gehen sogar noch weiter: Die Technologien für die erforderlichen Wind- und Solarkraftwerke seien bereits heute verfügbar. Allein das veraltete Stromnetz in Europa stünde einem Quantensprung in Sachen Energieversorgung durch Erneuerbare im Wege.

Dadurch seien Fluktuationen beispielsweise bei der Windkrafterzeugung nur schwer zu regeln. Des Weiteren verhindern Netzengpässe an den Staatsgrenzen nach wie vor den länderübergreifenden Handel mit Strom in der EU. Das führt zu sinkenden Strompreisen und zu einem Minusgeschäft für die Stromerzeuger. Dieses müssen teilweise sogar draufzahlen, damit Ihnen der erzeugte Strom abgenommen wird.

Profitieren von dieser Entwicklung tut beispielsweise Österreich, das mit seinen zahlreichen Stauseen über zahlreiche Pumpspeicherkraftwerke verfügt. Billig eingekaufter Strom wird hier „gelagert“ und zu Hochpreiszeiten wieder verkauft. Die Rechnung zahlt der Stromkunde.

Damit also die fluktuierenden Stromquellen wie Wind- und Wasserstrom aus der Nordsee und Skandinavien oder Photovoltaik- oder Solarthermiestrom aus dem sonnigeren Süden Europas und aus Nordafrika und dem Nahen Osten für eine zuverlässige Stromversorgung genutzt werden können, müssen die entsprechenden Stromkraftwerke und Speichermöglichkeiten zusammengeschaltet werden.

Das wiederum erfordert komplexe intelligente Netzstrukturen – das „SuperSmart Grid“ -, in denen per Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) der Strom übertragen und so die Leitungsverluste auf geringe Werte von nicht einmal drei Prozent pro 1.000 Kilometer begrenzt werden können. Zum Vergleich: Bei den herkömmlichen Wechselstromnetzen beträgt dieser Wert über zehn Prozent.

Daniel Seemann

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