Ein Plädoyer für mehr Energieverzicht

Der Wirtschafts-wissenschaftler Niko Paech von der Carl von Ossietzky Uni in Oldenburg hat den Widerspruch zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit bei der Debatte zum Ausbau der erneuerbaren Energien in der Zeitschrift Le Monde Diplomatique diskutiert.

Sein Hauptargument: Nur bei einem Rückbau konventioneller Kraftwerke mache der flächendeckende Ausbau regenerativer Energiequellen Sinn. Ansonsten würden Energiekonsum und Umweltbelastungen eher noch zunehmen, was dem Nachhaltigkeitsaspekt des Vorhabens zuwider laufen würde.

Weltweit noch energieintensiverer Lebensstil befürchtet

Paech kritisiert vor allen Dingen die Argumentation, eine parallele Nutzung fossiler, atomarer und erneuerbarer Energien sei vorübergehend möglich. Doch gerade dieser Punkt in der laufenden Diskussion, in der die Verlängerung der AKW-Laufzeiten eine wichtige Rolle spielt, könnte laut Paech die Büchse der Pandora öffnen: Durch ein Mehrangebot an erneuerbarer Energie würden auch die Marktpreise für Strom sinken, was zu einer steigenden Nachfrage führt.

Die Folge hieraus wäre wiederum, dass immer mehr Menschen weltweit einen noch energieintensiveren Lebensstil annehmen würden, mit der Konsequenz, dass eine Rückkehr auf das Verbrauchsniveau von Energie vor der Einführung der Erneuerbaren nur noch schwer möglich wäre.

Problematisch ist dabei, dass die jetzige Bundesregierung mit ihrem Energiekonzept genau in die Richtung eines „Mehr“ an Energie steuert. Der ehemalige Atommanager Klaus Traube hat sich für den Deutschen Naturschutzring jetzt einmal die Mühe gemacht und durchgerechnet, was nach den Plänen der Bundesregierung konkret auf Deutschlands AKW zukommt.

Deutschland wird AKW-Laufzeit-Weltmeister

Traube weist daraufhin, dass die deutschen Meiler so lange laufen werden wie kein einziges der derzeit 441 weltweit in Betrieb befindlichen AKW. Bis zu 44 Jahre wie im Fall von Biblis A zum Beispiel. Die meisten anderen der 17 noch im Betrieb befindlichen deutschen AKW würden sogar noch länger laufen, „und zwar bis zu 50 Jahren“, so Traube.

Das ergebe sich aus den aktuellen Reststrommengen und der Annahme einer jährlichen Auslastung von 82 Prozent, was nach Traubes Worten dem bisherigen Mittelwert der deutschen AKW entspricht. Würde allerdings das Vorranggebot für erneuerbare Energien aus dem EEG ernst genommen, dann ergeben sich mittelfristig geringere Auslastungswerte und damit noch längere AKW-Laufzeiten.

Welche Rolle das Thema „Sicherheit“ in diesem Zusammenhang spielt, dazu berichtete das ARD-Magazin „Monitor“ am 9. September von internen Dokumenten der Bundesregierung, wonach die Verpflichtung der AKW-Besitzer zur Nachrüstung ihrer Altanlagen eingeschränkt werden sollen.

Diese Nachrichten sind natürlich Wasser auf die Mühlen der Anti-AKW-Bewegung. Jochen Stay von der Kampagne „.ausgestrahlt“ berichtet daher auch von einer sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach Fahrplätzen zur Großdemonstration am 18. September in Berlin gegen die Energiepläne der Bundesregierung. Es riecht nach einem langen und heißen Herbst.

Daniel Seemann

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