Alle Mann an Deck!

Eine neue Studie des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung (WBGU) beschreibt eine bisher unausgesprochene Dringlichkeit effektiven Klimaschutzes – und Wege, welche die Gefahr einer Destabilisierung unseres Klimas verringern können.

„Die momentan vorliegenden Vorschläge zur Emissionsreduktion würden nach aktuellen Berechnungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Erwärmung der Erdatmosphäre von deutlich mehr als zwei Grad Celsius zur Folge haben,“ so heißt es in dem neuen Bericht des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung.

Es ist erstaunlich und erschreckend wenn eine Studie, die deutlich die extreme Dringlichkeit effektiven Klimaschutzes aufzeigt, in den Medien kaum erwähnt wird. Und wenn die Studie selbst, trotz dringlichster Ergebnisse, verfehlt, eindeutige Forderungen an die Bundesregierung und an die Staaten der Welt zu stellen.

Das erschreckendste Ergebnis der Studie ist wohl, dass Deutschland heute schon seine CO2 Emissionen zu 100 Prozent senken müßte, wenn man seine historische Verantwortung seit 1990 einberechnet. Schon heute hat Deutschland sein gesamtes CO2-Budget emittiert. Noch schlechter sieht es für die USA aus, die schon vor neun Jahren ihr gesamtes Budget überschritten hat, während Länder wie Burkina Faso noch Hunderte von Jahren so weiter leben können wie bisher.

Wie kommen die Wissenschaftler auf diese Ergebnisse? Der Ansatz ist im Prinzip nichts Neues. Schon vor einigen Jahren hat Angela Merkel vorgeschlagen, dass eine gerechte Klimapolitik allen Menschen der Welt gleiche Emissionsrechte zubilligen sollte. Diese Idee wurde nun vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung aufgegriffen. Die Wissenschaftler rechneten aus, wie viel CO2 jedem Menschen der Welt zusteht, und – je nach Bevölkerungszahl – wieviel CO2 jedes Land noch emittieren darf.

Dieser Ansatz ist im Prinzip genial, da die relativ einfachen Berechnungen dieses Budgetansatzes die Klimaverhandlungen erheblich vereinfachen könnten. Alles, was nötig ist, um das CO2-Budget jedes Menschen zu errechnen, ist die Bevölkerungszahl, die gesamte Menge von CO2 die noch emittiert werden darf, und der Zeitraum für die Berechnung. In der Tat, eine einfache und unkomplizierte Rechnung.

Aber nicht alles was einfach ist, ist sinnvoll.

Die Berechnungen der Studie basieren auf einigen Annahmen, die schwer zu verstehen sind:

Zu allererst ist da die Menge des CO2 das noch emittiert werden darf. Diese Menge basiert auf einer Berechnung von Malthausen und Koautoren, nach der bis 2050 noch mehr als eine Milliarde Tonnen CO2 emitiert werden darf. Allerdings wird dabei akzeptiert, dass eine 33-prozentige Wahrscheinlichkeit besteht, dass die zwei Grad Celsius Leitplanke überschritten wird.  Eine 33-prozentige Chance einer globalen Katastrophe ist den Interessen zukünftiger Generationen jedoch wenig zuträglich.  Im Bericht selbst steht, dass „Wahrscheinlichkeiten für die Schadensabwendung im 50 bis 90 Prozent-Bereich, wie sie im Zusammenhang mit der Klimaproblematik üblicherweise diskutiert werden, im Alltagszusammenhang (Verkehrssicherheit, Infektionsgefahr und so weiter) völlig inakzeptabel wären.“ Warum dennoch diese Berechnungen, die auf solch unakzeptablen  Wahrscheinlichkeit basieren, als Verhandlungsgrundlage für Kopenhagen vorgeschlagen werden, ist schwer nachzuvollziehen. Gleichzeitig muß man aber dazufügen, dass der Budgetansatz des Wissenschaftlichen Beirates sehr viel weiter geht als die meisten Vorschläge die bisher für Kopenhagen eingebracht wurden.  Das fördert  nicht gerade Vertrauen auf einen Erfolg in Kopenhagen.

Eine weitere Kuriosität findet sich in der Berechnung des Budgets für Industrieländer. Da die Einbeziehung einer historische Schuld (Emissionen seit 1990) die notwendigen CO2-Reduktionen für Industrieländer sehr stark erhöhen würden, wird diese historische Schuld nicht weiter als diskutabel behandelt. Stattdessen gehen weitere Berechnungen von 2010 aus und erlauben dadurch auch Industrieländern weitere CO2-Emissionen in den nächsten Jahzehnten. Selbst unter diesen vereinfachten Bedingungen müssen CO2-Emissionen in Deutschland innerhalb von 20 Jahren auf Null reduziert werden – ein dramatishes Zeichen dafür, wie weit wir es schon getrieben haben!

Da solch drastische Reduzierungen nicht machbar sind, soll ein Teil der Emissionen durch Emissionshandel wettgemacht werden. Jedoch wird in der Studie (in Kasten 4.1.1) beschrieben „wie ein scheinbar ordentliches Verhandlungsergebnis in Kopenhagen die zwei Grad Celsius Leitplanke durchbrechen könnte“. Hier wird spezifisch darauf hingewiesen, dass Länder ihre Emissionsreduzierungen im eigenen Land durchführen sollten, damit die angestrebten Reduzierungen auch stattfinden. Dennoch wird im späteren Teil des Berichtes stark auf Emissionshandel gebaut. Selbstverständlich ist es sehr positiv, dass durch Emissionshandel Gelder in die Länder fießen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen werden. Aber ein solcher Geldfluß sollte zusätzlich zu den ländereigenen Emissionsreduzierungen stattfinden, nicht an Stelle von ihnen. Können wir uns bei einer 33-prozentigen Chance einer globalen Katastrophe wirklich leisten, mit Emissionen  zu handeln?

Eine weitere Seltsamkeit findet sich in der Studie: In nebenstehender Abbildung ist zu erkennen, dass wir so schnell wir möglich eine Umkehr benötigen, um den jährlichen Rückgang der Emissionen überhaupt noch zu schaffen. Ist die Trendwende erst zwischen 2015 und 2020 müssten die Länder einen jährlichen Rückgang um neun Prozent pro Jahr erreichen – fast doppelt so viel wie die Reduzierung die über das Kyoto Protokol über einen viel größeren Zeitraum angestrebt war. Dennoch wird im Text von einer Umkehr zwischen 2015 und 2020 geredet, nicht ab 2011.

Die Frage ist, wenn wir wissen was NÖTIG ist, aber von vorneherein annehmen, dass es nicht MÖGLICH ist, das Nötige zu leisten, wie effektiv können wir dann notwendige Veränderungen bewirken? Wenn alle Zeichen uns ins Gesicht schreien, dass wir unser System JETZT ändern müssen, dürfen wir dann weiterhin die Konsequenzen  verschönern? Warum wird nicht deutlich gesagt, dass wir jetzt, heute, eine drastische Energiewende benötigen, einen Stopp des Baus aller neuen Kohlekraftwerke, einen  sofortigen Umbruch der Autoindustrie auf Elektoauos,… Der Umbruch wird nicht leicht. Warum ihn immer weiter herauszögern? Wem oder was ist dabei geholfen?

Maiken Winter

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