Indigene Stimme erhebt sich gegen Staudammrausch

Die Regierungen Südamerikas gaben dieses Jahr Pläne für mehr als 400 Staudammprojekte im Amazonasgebiet und den Oberläufen des Amazonas bekannt. Die meisten von ihnen sollen in Brasilien gebaut werden. Peru belegt mit 77 Dämmen den zweiten Platz.

Doch auch die Gegner der Staudammprojekte sind zahlreich. Vor allem die indigene Bevölkerung wehrt sich inzwischen. Schauen wir auf den Stamm der Asháninka, einer Volksgruppe in Peru und Brasilien. Sie hat viel zu verlieren: Regenwald und Flüsse bieten ihr mit Fischfang und fruchtbaren Böden im Überschwemmungsgebiet eine notwendige Lebensgrundlage. Diese Ressourcen sind bereits seit Jahren bedroht: Im Jahr 2010 beschloss die Regierung Perus den Bau des Pakitzapango Dammes entlang des Rio Ene. Die Umsetzung des Projektes hätte die Umsiedlung Tausender des AsháninkaStammes zur Folge.

Die Peruanerin Ruth Buendia gehört dem Stamm der Asháninka an. Dieses Jahr erhielt sie den Goldman Environmental Prize – einer der bedeutendsten Umweltschutzpreise weltweit. Denn dank ihr liegt das Dammprojekt Pakitzapango seit 2011 auf Eis.

Vergangenheit soll sich nicht wiederholen

Pakitzapango bedeutet ‚Haus des Adlers‘ in der indigenen Sprache. Nach einer Sage der Asháninka kreiste über dem Rio Ene vor langer Zeit ein riesiger Adler, der die Menschen angriff. Er wurde von den Asháninka besiegt und seine Federn flossen den Fluss hinab. Daraufhin entstanden die verschiedenen indigenen Stämme im Amazonasgebiet. „Für uns bedeutetet die Bedrohung des Pakitzapango Dammes, dass der Adler zurückkommt. Dieses Mal allerdings nicht, um uns zu fressen, sondern um uns zu überschwemmen“, meint Buendia.2014 ruthbuendia 03 small

Die mögliche Vertreibung der Asháninka weckt traumatische Erinnerungen. Mit zwölf Jahren erlebte Ruth Buendia, wie die Guerillabewegung in Peru die Region der Asháninka einnahm. Einheimische wurden zur Zwangsarbeit rekrutiert, es kam zu Vertreibungen und Massakern. 6.000 der damals 55.000 Indigenen wurden getötet. Auch der Vater von Ruth. Schon aus diesem Grund gibt sie sich kämpferisch: „Ich werde nicht aufgeben. Zwangsrekrutierungen, Zwangsarbeit und Massaker durch die Sendero Luminoso haben mein Volk fast ausgelöscht.“

CARE und die Anti-Staudamm-Kampagne

Ruth Buendia tritt der Organisation ‚Asháninka Center des Rio Ene‘, kurz CARE, bei. Ziel des Vereins ist die Unterstützung der indigenen Bevölkerung. Vor allem bei der Inanspruchnahme eigener Rechte. Ruth setzt sich auch für die Bildung und Gesundheit der Gemeinschaft ein. Sie ist erst 27 Jahre jung, als die Mitglieder sie zur ersten weiblichen Präsidentin von CARE wählen. In dieser Arbeit geht sie auf – gerade, wenn von dem Pakitzapango Damm die Rede ist: „Mein Zorn bewegt mich, etwas zu tun und meine Leute zu schützen.“ Sie informiert die Gemeinden über die Konsequenzen des Dammbaus. Mit digitalen Simulationen zeigt sie, wie das Gebiet der Asháninka während der Konstruktion überflutet werden würde.

Friedlicher Ansatz mit Hilfe des Gesetzes

Doch neben der Informationskampagne ist ein weiterer Schritt entscheidend: Statt Protest nutzt Ruth Buendia das Gesetz als Mittel zum Zweck. Denn die Regierung Perus segnete die Konstruktion des Staudammes Pakitzapango ab, ohne das Volk der Asháninka anzuhören. Dies ist aber ein Verstoß gegen das Abkommen der internationalen Arbeitsorganisation, das Peru im Jahr 2006 unterzeichnet hat. Des Weiteren verabschiedete Peru ein nationales Gesetz für den Schutz der indigenen Bevölkerung. Doch was auf dem Papier steht, ist noch lange nicht umgesetzt. Den notwendigen Druck liefert daraufhin Ruth Buendia. „Wir nutzen die Ressourcen, die dieses Land bereitstellt. Wir leben in ihm und bewegen uns hier. Die Regierung erkennt das nicht an.“

Ruth und ihre Organisation konnten das Projekt mit gerichtlichen Schritten bisher verhindern. Das Energieministerium Perus sprach sich gegen den Antrag des Projektes aus. Im Jahr 2011 zog sich zudem ein wichtiger Anteilseigner aus einem anderen Dammprojekt am Rio Ene zurück.

Die Mutter von fünf Kindern kümmert sich weiterhin um die Gewährung von Landrechten der Asháninka. Zurzeit entwickelt sie einen Managementplan für das Asháninka Communal Reserve, um das Gebiet vor zukünftigen Eingriffen zu schützen. Gleichzeitig unterstützt sie den nachhaltigen Anbau von Kaffee und Kakao der lokalen Gemeinden.

Ende Juli dieses Jahres bekam Ruth eine weitere Auszeichnung überreicht: Den ‚Bartolomé de las Casas‘ Preis als Symbol für die Verteidigung der indigenen Rechte.

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