Ein Leben für biologische Vielfalt, Umweltschutz und Frauenrechte

„Unsere Lebenszeit ist wie ein Baum – und die Stunden wie Axthiebe“, sagt ein indisches Sprichwort. Vandana Shiva sagt: Pflanzt Bäume! Die Wissenschaftlerin ist Indiens berühmteste Umweltaktivistin. Besonders am Herz liegen ihr die biologische Vielfalt, der Umweltschutz und die Frauenrechte. Und dafür kämpft sie bereits seit 45 Jahren.

Vandana Shiva studierte Quantenphysik in Kanada und kehrte nach erfolgreicher Promotion in ihre Heimat Indien zurück, um an interdisziplinären Forschungen in den Themenbereichen Technik, Umwelt und Politik mitzuwirken. Ein weiterer Grund für ihre Rückkehr war eher privater Natur, nämlich nebenher die Rodung großer Waldgebiete zu verhindern und an der ersten indischen Umweltbewegung – der Chipko-Bewegung – teilzunehmen.

Der Kampf gegen die Gentechnik

Im Jahr 2013 wurden in über 45 Ländern Proteste gegen den Hersteller von genmanipuliertem Saatgut Monsanto laut. Dem Saatgut-Großkonzern wurde vorgeworfen, für Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu sein. Besonders in Indien nahmen die Vorwürfe extreme Ausmaße an: Durch den Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut und den Patentvorbehalten des Agrarkonzerns Monsanto machte sich unter den indischen Bauern finanzielle Not breit, dieaufgrund gesundheitlicher Auswirkungen und einer finanziellen Perspektivlosigkeit in einer Selbstmordserie ihren tragischen Höhepunkt erreicht. Da Monsanto nahezu alle Saatgutfirmen für Baumwolle aufgekauft hatte, waren die Bauern in Indien dazu gezwungen, das teure, genmanipulierte Baumwollsaatgut anzupflanzen. Durch das dadurch entstandene Preiskartell und die hohen Anschaffungskosten der Samen mussten sich viele Bauern verschulden, um überhaupt ihrer Arbeit nachgehen zu können. Der Schuldendruck und zahlreiche Erkrankungen durch den verstärkt notwendigen Einsatz von Pestiziden mündeten schließlich in einer erschreckenden Anzahl an Suiziden: 200.000 Bauern nahmen sich in den vergangenen zehn Jahren das Leben.

Bereits 1991 gründete Shiva die Organisation Navdanya, was so viel wie „Neun Saaten“ bedeutet, um durch den Anbau von traditionellem Saatgut die Biodiversität sowie Reproduzierbarkeit der Pflanze durch nützliche Samenbildung zu gewährleisten. Navdanya arbeitet inzwischen mit 500.000 Bauern in 17 von 28 indischen Bundesstaaten eng zusammen und konnte mit ihrer Hilfe bereits 111 Saatgutbanken aufbauen.

Neben der Sicherung der Biovielfalt war es für Vandana Shiva von großer Bedeutung die hohe Selbstmordrate zu bekämpfen. Ihr Ziel ist es bis heute, den Bauern die Unabhängigkeit von patentiertem und gentechnisch verändertem Saatgut wiederzugeben. “Meine Tätigkeit ist darauf ausgerichtet, dass Lebensgrundlagen nicht privatisiert werden, dass Bauern das Recht auf Reproduktion von Saatgut haben und dass wir pharmazeutische Produkte selbst herstellen können.“

Die Lehre des nachhaltigen Lebens

Das nächste Projekt folgte 2004 mit der Gründung der internationalen Hochschule für nachhaltiges Leben – die Bija Vidyapeeth. Die Schule bietet Kurse mit den Themenschwerpunkten Biodiversität, biologische Bewirtschaftung und Erd-Demokratie an. Letzteres ist eine Angelegenheit, die Shiva sehr am Herzen liegt. Erd-Demokratie ist, vereinfacht gesagt, das Zusammenleben von Mensch, Tier und Pflanze. Für Vandana Shiva eine Selbstverständlichkeit, für ihre Kritiker eine naive Weltanschauung. Doch sie sieht das anders: „Das ist nicht naiv, das ist die Art, wie unser Planet funktioniert. Andere Lebewesen schaffen die Grundlagen für unser Leben, darum haben sie ein Recht auf Gleichberechtigung. Bäume beispielsweise geben uns den lebensnotwendigen Sauerstoff und haben ein Recht auf Wasser. Es ist dumm und arrogant zu sagen, der Boden, das Wasser, die Luft – all das gehört den Menschen. Denn damit zerstören wir unsere Lebensgrundlage.“

Vorreiterin einer weltweiten Bewegung

Darüber hinaus war Shiva mitunter daran beteiligt, dass der Begriff und die Thematik des Ökofeminismus sich international ausgebreitet haben. Vandana Shiva ist der Meinung, dass Frauen die Leidtragenden bei der Umweltzerstörung sind. „Als Bergbauarbeiten die Quelle in meinem Tal versiegen ließen, waren es die Frauen, die beim Wasserholen weiter laufen mussten. Kommt es zu Katastrophen wie 1984 in Bhopal, wo Tausende starben, weil Pestizide aus einer Fabrik entströmten, dann werden die Opfer von Frauen gepflegt.“ Ihrer Meinung nach ist ungleiche Lastenverteilung mit einer frauenfeindlichen Rollenverteilung zusammenhängend. Ihre Ansichten veröffentlichte sie 1993 in ihrem Buch „Ecofeminism“.

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Vandana Shiva wurde 1993 mit dem alternativen Nobelpreis für ihre Leistungen und Errungenschaften in Bezug auf eine nachhaltige Landwirtschaft ausgezeichnet. Gleichwohl wurden ihre Bemühungen, auf den Missstand hinzudeuten, dass Frauen in der Weltbevölkerung über zu wenig Macht verfügen, honoriert.

Eine Frau, die in der westlichen Welt ohne Probleme in der Wissenschaft große Erfolge feiern könnte, ohne dass sie Zeit und Geld in hohem Maße dafür aufwenden müsste, geht zurück in ihre Heimat nach Indien und tut dies für unser aller Wohl und für unser aller Zukunft – das ist für uns ein Held der Nachhaltigkeit.

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