Vorbild Europa?

Der europäische Emissionshandel ist zwar noch immer der weltweit größte Markt für Treibhausgaszertifikate, seine zentrale Funktion – nämlich Investitionsanreize für klimafreundliche Technologien zu schaffen – hat er aber längst verloren. Während der Preis für Verschmutzungsrechte Mitte 2008 noch bei 30 Euro pro Tonne Kohlendioxid notierte, ist er derzeit bei unter vier Euro pro Tonne angekommen. Überraschenderweise findet das strauchelnde System trotzdem Nachahmer in aller Welt: Immer mehr Staaten und Regionen wollen eigene Handelssysteme einführen.

So wird ab 2015 auch in Südkorea mit Emissions-berechtigungen gehandelt. Australien startete den Carbon Pricing Mechanism (CPM) bereits im Juli 2012. Anfang 2013 führten die kanadische Provinz Quèbec, der US-Bundesstaat Kalifornien und Kasachstan vergleichbare Systeme ein. Laut dem Ende Mai veröffentlichten Weltbank-Bericht Mapping Carbon Pricing Initiatives gibt es ähnliche Überlegungen auch in Chile, Brasilien, Mexiko, Costa Rica, der Türkei, der Ukraine und der kanadischen Provinz British Columbia. Teile Japans, die Schweiz, Neuseeland und mehrere Bundesstaaten im Nordosten Amerikas werden ihre bereits eingeführten Systeme in den nächsten Jahren schrittweise ausweiten. Wenn all diese bisher angekündigten Pläne auch tatsächlich umgesetzt werden, würde das laut Weltbank rund die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen abdecken.

Dass das europäische System dabei nicht nur als positive Inspiration, sondern auch zur Vermeidung vergleichbarer Preistalfahrten herhalten muss, liegt auf der Hand. So überrascht es laut Weltbank nicht, dass „mehrere dieser neuen Initiativen auch Gestaltungselemente enthalten, die ähnliche Entwicklungen in der Zukunft verhindern sollen“. Kalifornien hat zu diesem Zweck einen Mindestpreis von zehn US-Dollar pro Tonne CO₂ vorgeschrieben und in Australien wird die Menge der Zertifikate für jedes Jahr neu festgelegt und nicht – wie in Europa – für acht Jahre im Voraus. Das soll flexiblere Reaktionen auf Wirtschaftsflauten ermöglichen.

Laut der Studie der Weltbank sind die regionalen Initiativen übrigens keine Gefahr für die weltweiten Bemühungen zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen. Ein Kyoto-Protokoll-Nachfolger werde demnach ohnehin frühestens 2020 in Kraft treten und ohne die neuen Märkte daher bis zu dem Zeitpunkt kein wirksamer Preis auf Treibhausgase erhoben. Viele Klimaschützer hoffen sogar, dass sich die Handelssysteme einzelner Regionen und Staaten langfristig miteinander verbinden werden und so doch noch zu einem globalen Kohlenstoffmarkt führen. Erste Anzeichen für eine derartige Tendenz gibt es bereits: Australien wird EU-Zertifikate ab 2015 einseitig anerkennen und sogar über eine vollständige Verknüpfung der Märkte ab dem Jahr 2018 wird verhandelt. Laut einer Publikation des Umweltbundesamtes plant Australien eine derartige Verknüpfung auch mit dem Zertifikatsystemen von China, Neuseeland und Südkorea.

Matthias Schaffer

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