Die Tomate wächst künftig im 25. Stock

In Linköping, Schweden, haben die Bauarbeiten für das erste vollständig als Gewächshaus geplante und genutzte Hochhaus der Welt begonnen. Auf vielen Etagen soll in diesem zirka 50 Meter hohen Haus ausschließlich Landwirtschaft betrieben werden. Das Konzept, das hinter diesem Projekt steht, nennt sich Vertical Farming, und geht auf den US-Amerikaner Dickson Despommier zurück, Professor für Mikrobiologie und Umweltgesundheit an der Columbia University in New York.

Die Idee beruht auf zwei Erkenntnissen. Erstens wächst die Weltbevölkerung, was einen wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln mit sich bringt. Die meisten landwirtschaftlich nutzbaren Flächen weltweit werden aber bereits genutzt. Da in der Horizontalen keine neuen Flächen mehr erschlossen werden können, konzentriert sich Despommier also auf die Vertikale. Zweitens werden in Zukunft immer mehr Menschen in Städten leben, Schätzungen gehen von 80 Prozent der Weltbevölkerung bis zum Jahre 2050 aus. Das bedeutet, dass auch immer mehr Lebensmittel über weite Strecken transportiert werden müssten, was hohe Kosten verursacht und außerdem unökologisch ist.

Despommier meint die Lösung für diese Probleme gefunden zu haben, indem er einerseits die Lebensmittelproduktion in die Städte verlegt und auf diese Weise lange Transportwege vermeidet und andererseits die Felder gewissermaßen übereinander stapelt und so der Raumnot entgegentritt.

Die Schwedische Firma Plantagon, die 2008 von dem schwedischen Unternehmer Hassle und einem Stamm der amerikanischen Ureinwohner, der Onondaga Nation gegründet wurde, hat sich den Bau von innerstädtischen Gewächshäusern auf die Fahnen geschrieben. Die Firma bietet Planung und Bau der Häuser an und hat es sich zum Ziel gemacht, in den kommenden Jahren weltweit zu bauen. Das Projekt in Linköping ist das erste, das nun verwirklicht wird.

Stadt und Unternehmen zeigen sich in einer Pressemitteilung begeistert. Allerdings verschlingt das Gewächshaus auch große Mengen an Energie. Das Problem der dadurch etwas fraglichen Ökobilanz soll in Linköping durch eine enge Zusammenarbeit mit den benachbarten Stadtwerken elegant gelöst werden. Die betreiben gleich nebenan eine Müllverbrennungs- und eine Biogasanlage, deren Abwärme für das Gewächshaus genutzt werden soll. Der in der Vertical Farm produzierte Kompost wird wiederum der Verbrennungsanlage zugeführt, wodurch ein geschlossener Kreislauf entsteht. Auf diese Weise soll sich zumindest für das aktuelle Projekt eine ausgeglichene Ökobilanz erreichen lassen, ob dies in anderen Städten auch der Fall sein wird, bleibt vorerst offen.

Ähnliche Pläne gibt es von anderer Seite auch in New York, wo Jung Min Nam ein Hybridgebäude plant, das teilweise zum Urban Farming genutzt werden soll. Auch in Deutschland gibt es ähnliche Ansätze. In Berlin testet die Firma Efficient City Farming eine Kombination aus Gewächshaus und Fischfarm, die auf dem Dach der alten Malzfabrik in Schöneberg entstehen soll. Auch hier soll es einen geschlossenen Kreislauf der Energie geben.

Ob das Vertical Farming tatsächlich für eine bessere Welt sorgen wird, wie Dickson Despommier verspricht, werden die nächsten Jahre zeigen, denn es scheint so, als ob hier ein neuer Trend geboren worden wäre, der sich noch weiter ausbreiten wird.

Judith Mantei

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