„Umweltschutz muss zum Wettbewerbsthema unter Firmen werden“

Ramon Arratia, Interface Sustainability Director EMEAI

Weltweit legen Unternehmen den Schwerpunkt verstärkt auf nachhaltige Produkte und Strategien, um globalen Faktoren wie Klimaerwärmung, Ressourcenknappheit und CO2-Emissionen entgegenzuwirken. Ein ganzheitliches Umdenken stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Als eines der ersten Unternehmen bekannte sich der Teppichfliesenhersteller Interface bereits Mitte der Neunziger öffentlich zu nachhaltigem Handeln. Dieses Bestreben wurde als Mission Zero formuliert und auf den Weg gebracht. Das CleanEnergy Project sprach dazu mit Ramon Arratia, Sustainability Director Europe, Middle East, Africa, India (EMEAI) bei Interface.

Herr Arratia, Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit als Sustainability Director EMEAI bei Interface ist es, das Unternehmensziel der sogenannten „Mission Zero“ zu erreichen. Was genau ist die Mission Zero?

Die Mission Zero ist Interface’ Nachhaltigkeitsstrategie mit dem ganz konkreten Ziel, bis 2020 das erste vollständig nachhaltige Unternehmen weltweit zu sein, das keine negativen Spuren hinterlässt. Unternehmensgründer Ray Anderson rief die Mission Zero 1994 ins Leben. Inspiriert von Paul Hawkens Buch „The Ecology of Commerce“ gab Ray dem Unternehmen und uns Mitarbeitern eine neue Richtung – weg vom klassischen Industrieunternehmen hin zu einem Hersteller, der den geschlossenen Kreislauf in die Produktion und das strategische Handeln einbezieht.

Aus der Vision ist ein gemeinsamer Weg geworden, der unser gesamtes Handeln beeinflusst und uns noch intensiver mit Lieferanten und Partnern zusammenarbeiten lässt, die wir auf ihrem Weg zu nachhaltigerem Denken mit unserer Expertise unterstützen.

Bis 2020 sind es noch acht Jahre. Wie beurteilen Sie die Chance, dass Interface sein Ziel, bis dahin keinen negativen Fußabdruck mehr zu hinterlassen, erreicht?

Mehr als die Hälfte des Weges haben wir bereits geschafft. Seit 1995 konnten wir tolle Erfolge in Form von nachhaltigen Produktinnovationen, Technologien und der Reduzierung der Auswirkungen unserer Produkte innerhalb der Supply Chain erzielen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer effektiven Reduktion der Treibhausgasemissionen um  32 Prozent pro Produktionseinheit, von einer Senkung des Gesamtwasserverbrauchs um 84 Prozent pro Produktionseinheit und vor allem von Rohstoffen, die bereits zu 44 Prozent biologischen Ursprungs sind oder durch Recycling gewonnen werden.

Wir konnten diverse innovative Verfahren entwickeln, um Nylongarn zu recyceln, den Rohstoffeinsatz zu reduzieren und den Verschnitt der Teppichfliesen zu minimieren. Mit Biosfera haben wir die erste Teppichfliese aus 100 Prozent recyceltem Nylongarn bei minimalem Garneinsatz geschaffen – eine der größten Errungenschaften für die textile Bodenbelagsbranche.

Für die Biosfera-Kollektion erhielten Sie im Juni auf der Consense die Umweltproduktdeklaration (EPD) durch das Institut für Bauen und Umwelt verliehen. Wie nachhaltig ist diese Teppichfliese?

Biosfera ist die weltweit erste Teppichfliese aus 100 Prozent recyceltem Nylongarn. Dafür verwenden wir pre- und post-consumer Materialien wie alte Fischernetze oder das Garn von gebrauchten Teppichfliesen, das anteilig aus unserer Recyclinganlage ReEntry 2.0 aus den Niederlanden stammt. Auch die Rückenkonstruktion der Biosfera enthält recycelte Materialien. Im Rahmen der Entwicklung dieser Kollektion haben wir uns jedoch nicht ausschließlich darauf konzentriert, sondern es zusätzlich geschafft, den Garneinsatz für die drei Designvarianten (Micro, Bouclé und Velour) auf ein Minimum zu reduzieren.

Eine handelsübliche Teppichfliese enthält durchschnittlich 700 Gramm Polyamidgarn. Mit nur 350 Gramm pro Quadratmeter beinhaltet die Designvariante Micro weniger als die Hälfte des Garns herkömmlicher Teppichfliesen. Einen weiteren konsequenten Schritt gehen wir mit unserem Cool Carpet-Programm zur Kompensation aller CO2-Emissionen, die wir über den Lebenszyklus unserer Produkte messen. Biosfera ist fester Bestandteil dieses Programms. Darüberhinaus liefern wir standardmäßig das Verlegsystem TacTiles mit, das auf den Einsatz flüssiger Klebstoffe verzichtet und damit auch einen der Faktoren darstellt, der die Biosfera zum nachhaltigsten Produkt im derzeitigen Interface-Produktportfolio macht.

Biosfera wurde im Sommer 2011 vorgestellt. Konnten Sie seitdem mit einem noch nachhaltigeren Produkt an diese Kollektion anknüpfen?

Auf der Consense 2012 haben wir unsere neue Fotosfera-Kollektion erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Fotosfera bringt uns auf dem Weg der Mission Zero dem Ziel näher, auf neuwertige und auf Erdöl-basierende Rohmaterialien zu verzichten. Grundlage unserer neuen Teppichfliese ist zu großen Teilen das Öl des Wunderbaums, der vor allem in Indien beheimatet ist. Während Biosfera aus recycelten Materialien hergestellt ist, gehen wir mit Fotosfera einen neuen Schritt in Richtung natürlich nachwachsender Rohstoffe.

Stichwort Green Washing, also Methoden, die darauf zielen, einem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein umweltfreundlichesImage zu geben. Herr Arratia, Sie setzen sich für absolute Transparenz ein, um Green Washing zu vermeiden. Welche Maßnahmen fordern Sie?

Ich setze mich stark dafür ein, dass Unternehmen ihre Umwelteinflüsse und die Bestandteile ihrer Produkte in Form von EPDs (EPD = Umweltproduktdeklaration) offenlegen. Transparenz ist hier das Stichwort. Mittels dieser durch eine unabhängige dritte Partei verifizierten Umweltproduktdeklaration wird Nachhaltigkeit erst in Zahlen messbar. Die EPDs basieren auf internationalen Normen und Standards und geben Auskunft über alle umweltrelevanten Informationen entlang des Produktlebenszyklus’, von der Rohstoffgewinnung zum fertigen Endprodukt bis hin zur Entsorgung. Der Kunde erhält auf diesem Wege relevante Angaben zum Energieverbrauch, zum CO2-Ausstoß, zur Effizienz sowie zu Abfall und wiederverwertbaren Materialien.

EPDs ermöglichen den direkten Vergleich von Produkten auf der Basis von identischen Grundvoraussetzungen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Automobilindustrie, wo die Offenlegung des CO2-Ausstoßes pro Kilometer bereits durch eine europäische Gesetzgebung verpflichtend ist. Diese Verpflichtung fordere ich auch für die textile Bodenbelagsbranche. Umweltschutz muss zum Wettbewerbsthema unter Firmen werden. Und dabei spreche ich nicht von grüner Werbung, sondern von transparenter Offenlegung von Zahlen, Daten und Fakten.

Nachhaltigkeit bedeutet auch soziale Verantwortung. Wie engagiert sich Interface im Rahmen seiner Unternehmenstätigkeit und darüber hinaus?

Erst kürzlich haben wir anlässlich des World Ocean Days unsere Partnerschaft mit der Zoological Society London (ZSL) bekanntgegeben. Gemeinsam wollen wir dem Problem der Umweltverschmutzung an Küsten in Entwicklungsländern begegnen und gemeinschaftliche Lieferketten für alte Fischernetze einrichten. Somit können wir die Lebensbedingungen der örtlichen Fischer verbessern und uns gleichzeitig eine innovative Quelle für Recyclingmaterialien erschließen.

Das Garn unserer Teppichfliesen wird unter anderem auch aus alten Fischernetzen hergestellt. Die Net-Works-Partnerschaft beginnt mit einem Pilotprojekt in Danajon Bank auf den Philippinen. Auch am Green Apple Day of Service am 29. September dieses Jahres werden wir uns mit Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern mit Nachhaltigkeitsprojekten an Schulen weltweit engagieren.

Herr Arratia, vielen Dank für das Gespräch.

Corinna Lang

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