Ölpest im Nigerdelta – Shell zur Verantwortung ziehen

Nigerdelta; Foto: Jacques Descloitres, MODIS Land Rapid Response Team, NASA/GSFC (Wiki Commons)

Seit über 50 Jahren wird im Nigerdelta an der Westküste Afrikas Erdöl gefördert. Ölkonzerne wie Shell, Chevron, ExxonMobil und Total pumpen teilweise in Joint Ventures mit dem nigerianischen Staat an über 5.000 Bohrlöchern und durch rund 7.000 Kilometer Pipelines täglich über zwei Millionen Barrel Öl zutage. Im Laufe der Zeit hat dies zu einer Umweltverschmutzung historischen Ausmaßes in dem sensiblen Ökosystem des Deltas geführt. Schätzungen zufolge sind bereits mehr als zwei Millionen Tonnen Rohöl ausgetreten. Das Öl vernichtet wertvolle Naturressourcen und damit auch die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Der Ölkonzern Shell, der ein dichtes Netzwerk an Pipelines im Delta unterhält, machte für die Ölunfälle immer wieder Sabotageakte und organisierten Öldiebstahl verantwortlich. Jedoch sind die Anlagen zum Teil auch veraltet und die Öl-Pipelines angerostet. 2008 liefen aus zweien solcher maroder Pipelines wochenlang mehrere Hunderttausend Tonnen Rohöl aus.

Die Gesamtmenge entsprach in etwa jener des Tankerunfalls Exxon Valdez im Jahr 1998. Der Ölmulti versagte in den Bemühungen, die Lecks im Nigerdelta zu stoppen und den riesigen Ölteppich zu beseitigen sowie sich mit den Folgeschäden auseinanderzusetzen. Tausende Menschen haben seither ihre Lebensgrundlage verloren. Um die Stadt Bodo, Ogoniland, herum, in der 69.000 Einwohner vor allem von dem leben, was das Delta hergibt, liegt seit zwei Jahren die Fischerei-Industrie lahm. Die Flüsse und Mangroven sind ölverschmiert, Nahrungsmittel knapp und teuer, das Trinkwasser ist verseucht und die Bewohner leiden unter Armut und gesundheitlichen Problemen.

Amnesty International kämpft seit längerem gegen die Untätigkeit Shells. 50 Säcke Reis, Bohnen, Zucker und Tomaten hatte Shell den Betroffenen geboten – ein Konzern der zuletzt auf einen Jahresumsatz von 278 Milliarden US-Dollar kam. Bereits 2008 und 2009 klagten die Bewohner von Bodo gegen Shell vor einem britischen Gericht. Im August dieses Jahres räumte das Unternehmen nach langen Verhandlungen endlich ein „Versagen des Equipments“ ein und signalisierte Bereitschaft zu Entschädigungszahlungen. In einem neuen Untersuchungsbericht von Amnesty International in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Umweltschutz, Menschenrechte und Entwicklung (CEHRD) wird Shell jetzt aufgefordert, eine Milliarde US-Dollar zur Säuberung des verschmutzten Gebietes zu zahlen.

In dem Untersuchungsbericht werden auch die nigerianischen Behörden angeprangert: die Kontrolle der Ölkonzerne im Nigerdelta sei nachlässig, sie seien nie strafrechtlich gegen Shell vorgegangen und hätten die betroffenen Gemeinden im Stich gelassen. Selbst wenn Shell sich zur Zahlung der geforderten Entschädigungssumme bereit erklären sollte, ist das eigentliche Problem damit noch lange nicht aus der Welt. Denn die Ölförderung geht unbedarft weiter. Erst Mitte 2010 traten aus einer Pipeline einer Joint-Venture-Ölgesellschaft von ExxonMobile und des nigerianischen Staates eine Woche lang Öl aus, wobei bis zu 95.000 Tonnen Rohöl freigesetzt wurden. Die Ölkonzerne müssen sich bislang keinen rechtlichen Sanktionen stellen. Dies soll ein Ende haben. Im Nigerdelta ist dringend eine unabhängige und durchsetzungsstarke Regulierungsbehörde notwendig, fordert Antje Bruecking, Expertin für Unternehmensverantwortung bei Amnesty International. Schon zum jetzigen Zeitpunkt ist wertvoller Naturraum vielleicht für immer zerstört worden. 

Josephin Lehnert

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