Klimawandel und Artensterben – kein Problem?

Foto: Shutterstock

Ein stetiges Kommen und Gehen ist in der Natur durchaus üblich, neue Arten breiten sich aus, andere verschwinden dafür. Die Natur folgt hier ganz bestimmten Regeln, Regeln, die bis zu einem gewissen grad wissenschaftlich prognostizierbar sind.

Ein Massenaussterben gab es in den vergangenen 500 Millionen Jahren schon öfter, fünf Mal, um genau zu sein, etwa der angenommene Einschlag eines Meteoriten, der die Dinosaurier aussterben ließ und auch Klimaschwankungen sind bei einem Rückblick in die Erdgeschichte keineswegs neu. Bei diesen Veränderungen hat sich die Natur immer wieder angepasst, warum kann der aktuelle Klimawandel dann nicht als „ganz normale“ Klimaschwankung gesehen werden, wie sie seit Jahrmillionen auf diesem Planeten vorkommt?

Der Unterschied zu früheren Klimaschwankungen besteht ganz einfach in der rasanten Geschwindigkeit der aktuellen Veränderungen. Die Natur hat nicht genügend Zeit, sich an die geänderten Bedingungen anzupassen. Einige Arten, und das betrifft sowohl die Fauna, als auch die Flora, sind gegenüber Veränderungen toleranter als andere. Doch auch ihre Fähigkeit, sich anzupassen, ist nur in begrenztem Maße möglich. Daraus resultiert zwangsläufig ein „Ausdünnen“, viele Arten können den Bedingungen nicht standhalten und reagieren nur langsam auf den, zumindest aus erdgeschichtlicher Sicht, schnell fortschreitenden Klimawandel. Zu langsam, denn schon heute stirbt etwa jährlich eine Vogelart aus. Verglichen mit der langfristig betrachteten natürlichen Aussterberate, schließlich sind Arten schon immer ausgestorben, ist das etwa 100 Mal so hoch!

Doch nicht nur bei den Vögel sind die Auswirkungen des Klimawandels spürbar. Das gesamte Ökosystem verschiebt sich. Der Temperaturanstieg mag auf den ersten Blick, zumindest für die deutsche Landwirtschaft, einen positiven Aspekt bringen und für einige Pflanzenarten durchaus attraktiv sein. Aber die Phänologie ansich verschiebt sich ebenfalls und das lässt das gesamte Nahrungsnetz durcheinander geraten. Zwar werden die Vegetationsphasen durch den Klimawandel insgesamt verlängert, Blattaustriebe finden zum Beispiel früher statt, das bringt aber auch Probleme mit sich. Einige Schädlinge können mehrere Generationen pro Jahr hervorbringen und entsprechend mehr Schäden anrichten, wobei allerdings nicht jede Art mit einem veränderten Lebenszyklus auf den Klimawandel reagiert. Die voneinander abhängigen Arten – Blüte und Bestäuber, Räuber und Beute – werden zeitlich entkoppelt, die natürliche Nahrungskette wird aus dem Lot gebracht. Die Artenvielfalt und -zusammensetzung wird durch den Klimawandel auf Dauer zwangsläufig massiv gestört.

Diese Störung bekommen wir schon heute zu spüren. Durch die Zuwanderung fremder Arten, wie etwa der Asiatischen Tigermücke, die als Erreger des Dengue-Fiebers bekannt ist oder weiteren Neobiota, wie der Beifußblättrigen Ambrosia, die reichlich allergene Pollen produziert. Einheimische Arten werden zudem durch Zuwanderungen verdrängt, die biologische Vielfalt, die als Grundlage für die wichtige „Dienstleistung des Ökosystems Erde“ gilt, gefährdet. Zum Beispiel die Pflanzen, die uns mit Nahrung, Sauerstoff und Energie versorgen, die Wälder, die unser Klima regulieren, die Nutztiere, die uns als Fleischlieferant dienen, die Bienen, die Mikroorganismen und die vielfältigen Landschaften.

Verändern wir das Ökosystem auf diese rapide Weise, verändern wir damit auch gleichzeitig die Fähigkeit des Planeten Erde, uns diese Dienstleistungen weiterhin zu erbringen. Wann das System seine Leistungsfähigkeit einschränkt, wie viele Arten bis dahin aussterben „dürfen“, das kann dabei niemand vorhersagen. Es ist, als würde man einen Körper permanent mit Nadelstichen piesacken – er wird immer schwächer, bei welchem Stich er aber letztendlich kollabiert ist ungewiss.

Judith Schomaker

Add comment