Kalter Winter wegen Erderwärmung?

Auto versinkt im Schnee; Foto: shutterstock

Der kalte Winter in Europa steht für die Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) nicht im Widerspruch zur globalen Erderwärmung. Durch die höheren Temperaturen schrumpft in der östlichen Arktis das Eis auf dem Meer, dies hat zur Folge, dass örtlich die unteren Luftschichten aufgeheizt werden, was zu einer starken Störung von Luftströmungen führen kann. „Diese Störungen können die Wahrscheinlichkeit des Auftretens extrem kalter Winter in Europa und Nordasien verdreifachen“, erklärt Prof. Dr. Vladimir Petoukhov vom PIK das Phänomen. Harte Winter widersprächen nicht dem Bild einer globalen Klimaerwärmung, sondern würden sie eher vervollständigen, teilte der Forscher mit.

In einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Studie untersuchte Petoukhov, zusammen mit Kollegen, diesen Sachverhalt. Die Forscher stützten sich dabei auf Simulationen mit Hochleistungsrechnern, die ein aufwändiges Klimamodell nutzen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Barents-Kara-See nördlich von Norwegen und Russland, wo ausgerechnet im kalten europäischen Winter 2005/06 eine drastische Verkleinerung der Eisdecke beobachtet wurde. Wenn die Meeresoberfläche frei von Eis ist, verliert sie eine Menge Wärme an die kalte Luft. Die Forscher fütterten ihren Computer mit Szenarien, bei denen die Eisdecke in der östlichen Arktis von hundert Prozent schrittweise auf ein Prozent verringert wurde.

„Unsere Simulationen haben eine ziemlich deutliche nichtlineare Reaktion der Lufttemperatur und der Winde erkennen lassen, als wir im Rechner die Ausdehnung der Eisdecke haben schrumpfen lassen“, erzählt  Petoukhov. „Das ging von einer Erwärmung über eine Abkühlung wieder zu einer Erwärmung“, führt der Physiker fort. Ein abrupter Wechsel zwischen unterschiedlichen Mechanismen der atmosphärischen Zirkulation in den sub-polaren Regionen könnte deshalb sehr gut möglich sein. Die Erwärmung der Luft über der Barents-Kara See scheint kalte Winterwinde nach Europa zu bringen. In unserem Klimasystem gibt es komplexe Fernbeziehungen. Womöglich haben die Wissenschaftler in der Barents-Kara-See eine mächtige Rückkopplung entdeckt.

Andere Ansätze zum Thema kalter Winter und Erderwärmung, die sich auf verringerte Sonnenaktivität oder den Golfstrom beziehen, würden, laut Petoukhov, zur Übertreibung der Effekte neigen. Die Korrelation sei bei diesen Phänomenen relativ schwach, der nun entdeckte Zusammenhang zwischen den Vorgängen in der Barents-Kara-See und der Winterkälte hingegen ziemlich stark. Petoukhov betont außerdem, dass während des kalten Winters 2005/06 auch keine Unregelmäßigkeiten in der so genannten nordatlantischen Oszillation beobachtet wurden – hierbei handelt es sich um Schwankungen im Luftdruckunterschied zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch, die üblicherweise mit ungewöhnlichen Temperaturen in Europa in Zusammenhang gebracht werden. Wie der Studie zu entnehmen ist, könnten allerdings ausgeprägte Unregelmäßigkeiten in der nordatlantischen Oszillation mit dem Rückgang der Eisdecke auf dem Meer in Wechselwirkung treten. Das eine könnte das andere verstärken, mehr Anomalien wären die Folge.

Corinna Lang

1 Kommentar

  • Schöne Theorie, nur leider mit einem Schönheitsfehler: Die letzen kalten Winter sowie der aktuelle können damit nicht erklärt werden! Denn seit 2006 hat sich der aktische Eisschild um die doppelte Fläche Deutschlands vergrößert. Auch die Vereisung in dem genannten Gebiet von Barents- bis Karasee hat von Jahr zu Jahr zugenommen, Satellitenbilder siehe: http://tinyurl.com/2w3s69f (Beitrag 124).