Hochhausgemüse

Die Brooklyn Grange Farm ist zunächst einmal etwas für leidenschaftliche Höhenluftschnupperer. Kann man sich zusätzlich für ausgefallene „grüne“ Ideen begeistern, so können sich die Hände mit einer Spitzhacke oder einem Rechen vertraut machen. Und wem die Arbeit an der frischen Luft gefällt, der kann knapp einem Dutzend fest angestellter Gärtner hoch über den Dächern des Stadtteils Queens unter die Arme greifen.

Die New Yorker Farm existiert seit zwei Jahren. Los ging es in der Gegend um den East River eigentlich schon im Jahr 2011, als Bürgermeister Michael Bloomberg die Stadtverwaltung höflich darauf hingewiesen hat, den Pionierdrang von kreativen Start-Ups in der Gegend mit 650.000 US-Dollar zu fördern.

Damit die Pflanzen auf dem Hochhaus-Dach wachsen können, wurde ein mehrschichtiger Spezialboden verlegt: Eine Matte verhindert, dass die Wurzeln den Beton der Decke langfristig schädigen. Filz sorgt für den nötigen Feuchtigkeitsspeicher, Drainage-Matten und schließlich Erde bieten perfekten Halt für Bohnen, Karotten und Kohlrabi.

Die 4.000 Quadratmeter große Gärtnerei hat nach eigenen Angaben seit ihrem Bestehen hunderttausende Pflanzen angebaut. Vor allem Tomaten (40 Sorten), Salate, Kräuter, Bohnen, Karotten und anderes Gemüse. Grundsätzlich wird auf den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden verzichtet.

Wer von der ganzen Gartenschufterei ins Schwitzen kommt, blickt nur einmal rüber auf das Empire State Building, und sofort ist der schmerzende Rücken vergessen. Man sollte bei diesem Job nicht nur selbst schwindelfrei sein. Es ist auch den Bienen und den freilaufenden Hühnern auf der Brooklyn Grange Farm zu wünschen. Amerika zeigt sich hier von seiner grünsten Seite. Mutiger Erfinderreichtum, der sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat.

Auch in Deutschland weiß man von derartigen erfolgreichen Ideen. Im Projekt „ZFarm“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, arbeiten Forscher aus drei wissenschaftlichen Einrichtungen gemeinsam mit Praxispartnern am sogenannten Zero Acreage Farming, an der städtischen Landwirtschaft der Zukunft. Vor einem Jahr wurde unter anderem der Praxisleitfaden für Dachgewächshäuser vorgestellt. Mittlerweile existieren insgesamt 94 Projekte für urbane Landwirtschaft in Nordamerika, Europa und Asien.

Darüber hinaus erforscht das Frauenhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen, wie sich Gemüse in Gewächshäusern auf Dächern züchten lässt. Dabei merkte man sehr schnell, dass sich viele Themen der Gebäudetechnik verknüpfen lassen. Beispielsweise kann Abwärme von Immobilien wunderbar für die Gärtnerei genutzt werden oder es entstehen neue Kreisläufe, in denen Brauchwasser durch spezielle Filtersysteme läuft und wieder neu verwendet werden kann.

Nach Ansicht des Instituts fehlen in Deutschland für diesen nachhaltigen Trend noch mutige Investoren. „Es gibt Interessenten, doch bisher hat sich noch niemand getraut, in ein Vorzeigeprojekt des Gesamtsystems zu investieren“, sagte Volkmar Keuter, Leiter des Frauenhofer „in-Haus“-Zentrums in Duisburg gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

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Während hierzulande noch geforscht und diskutiert wird, ist auf der Brooklyn Grange Farm ganzjährig Hochbetrieb. Jeden Dienstag und Donnerstag gibt es im Erdgeschoss des Gebäudes einen Gemüsemarkt, zusätzlich werden Märkte und Restaurants der Gegend beliefert.

Ganz offensichtlich haben die New Yorker ihr Grünes aus luftiger Stadthöhe lieb gewonnen.

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