Eine Giga-Ökostadt für China

Ökostadt

Mit 1,35 Milliarden Menschen ist China derzeit das bevölkerungsreichste Land der Erde. Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt in Städten, der Staat treibt die Urbanisierung voran. Zugleich muss China sich dem Vorwurf stellen, der weltweit größte Luftverpester zu sein. Das scheint auch an den sonst so gleichmütigen Chinesen nicht spurlos vorüberzugehen, denn was am Rande der ostchinesischen Hafenmetropole Tianjin entsteht, ist eine Ökostadt gewaltigen Ausmaßes.

Im Marschland rund 120 Kilometer von Peking entfernt schießen acht- bis 15-stöckige Wohnblocks in den Himmel. Überall stehen Windräder und Solarpaneele. Seit 2007 entsteht hier die Ökostadt Tianjin, ein Jumbo-Bauprojekt, das Vorbild für eine nachhaltige und ökologisch verträgliche Stadtentwicklung sein soll.

China leidet unter dem steigenden Bevölkerungsdruck. Zugleich nehmen Umweltverschmutzung und Kohlendioxidausstoß zu. Die Ökostadt soll Abhilfe schaffen. Hier will man grüne Visionen verwirklichen, die Menschen, die in den Großstädten unter einer permanenten Smogglocke leben und unter der zunehmenden Luftverschmutzung leiden, sollen hier wieder erfahren, was es heißt in Harmonie mit der Umwelt zu leben. Ein wenig paradox, wohlgemerkt, hat die chinesische Regierung, die das Projekt Tianjin gemeinsam mit dem Stadtstaat Singapur initiiert hat, doch die Urbanisierung in China in den letzten Jahren maßgeblich vorangetrieben.

Praktikabel, replizierbar und skalierbar soll sie sein, die grüne Stadt. Das heißt: Die Technologien, die in der Ökostadt zum Einsatz kommen, sollen erschwinglich und kommerziell realisierbar sein. Die Prinzipien und Modelle der Ökostadt sollen zugleich auch auf andere Städte anwendbar sein. Etwa 20 Prozent der Energie in Tianjin werden aus erneuerbaren Energien kommen. Die Häuser werden gut isoliert, die Fenster doppelt verglast. Neben der Wind- und Solarstromerzeugung soll es umweltfreundlichen Nahverkehr geben und ein umfassendes Recyclingprogramm. Überall in der Stadt stehen vakuumgestützte Recyclingstationen, durch Röhren im Boden gelangt der Müll in eine zentrale Recyclinganlage. Das Leitungswasser soll trinkbar sein, was derzeit keine Selbstverständlichkeit in vielen Teilen Chinas ist.

Bis 2020 soll die Stadt auf eine Fläche von 30 Quadratkilometer anwachsen, 350.000 Menschen könnten hier dann leben. Bislang sind es erst ein paar wenige, die den Schritt in die grüne Metropole gewagt haben. Doch die zeigen sich zufrieden. Zwar gibt es noch keine Schulen, Krankenhäuser oder Restaurants und auch das Nahverkehrssystem ist noch Zukunftsmusik. Die immobilienpreise liegen bei ortsüblichen umgerechnet 1.500 Euro pro Quadratmeter. Doch an Zuzugswilligen wird es nicht mangeln, dafür ist der Wohnungsmarkt viel zu prekär. Außerdem fordert die neue Ökostadt keine großen Umstellungen. Lediglich eine kleine Einführung, wie man Wasser und Energie sparen kann, müssen die Migranten über sich ergehen lassen.

Inmitten der Ökostadt wird zugleich auch ein Industriezentrum für grüne Technologien entstehen. Die Regierung fördert die Ansiedlung von High-Tech-Unternehmen. Rund die Hälfte der Einwohner von Tianjin soll hier Arbeit finden. Allein das wird schon viele Menschen anlocken. Ob diese zu hundert Prozent hinter den ambitionierten Zielen von Tianjin stehen, wird letztlich egal sein, zur Not kommt das grüne Gewissen eben durch die Macht der Gewohnheit.

Josephin Lehnert

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