Die Landwirtschaft: Opfer oder Täter?

Landwirte rund um den Globus werden zukünftig unter den Folgen des Klimawandels leiden. Dürre und Überschwemmungen, Unwetter und Stürme nehmen zu, der Meeresspiegel steigt an, viele Böden versalzen zunehmend, Krankheitserreger breiten sich aus. Besonders stark betroffen werden viele der aktuell ärmsten Regionen der Erde sein, sei es in Afrika oder Südostasien.

Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille: die Landwirtschaft als bedeutender Mitverursacher des Klimawandels. Diese Rolle werde von der Politik noch vernachlässigt, kritisieren Umweltschutzorganisationen schon seit längerer Zeit. Geht es um Klimaschutzstrategien, werde hauptsächlich über Maßnahmen diskutiert, welche die Emissionen des Verkehrs, der Industrie, der Stromwirtschaft oder der privaten Haushalte verringern sollen. Dabei trägt die landwirtschaftliche Produktion zwischen sechs und 16 Prozent zu den gesamten deutschen Treibhausgasemissionen bei

(Greenpeace, WWF, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung). Die Diskrepanzen erklären sich durch Berücksichtigung unterschiedlich vieler Faktoren in der Gesamtrechnung.

Methan (CH4) und Lachgas (N2O) sind Treibhausgase, die ganz klar mit der Landwirtschaft in Verbindung gebracht werden. Rund die Hälfte aller deutschen Methanemissionen werden ihr zugeschrieben. Beim Lachgas ist es noch krasser: Fast zwei Drittel des Ausstoßes werden durch die Landwirtschaft verursacht. Gerade diese beiden Gase sind aber besonders klimawirksam, entfaltet Methan doch die 21-fache Klimawirkung von CO2, Lachgas sogar die 310-fache.

Viele Faktoren steuern den Ausstoß der Treibhausgase in der Landwirtschaft. In der Tierhaltung sind die Rinder die bedeutendsten Klimasünder: Sie vergären ihre Nahrung im Pansen unter Ausstoß großer Methanmengen. Sind die nicht verdaulichen Reste einmal ausgeschieden, gasen diese weiter aus. Als Wirtschaftsdünger offen gelagert und danach mit (aus Sicht des Klimaschutzes) ungeeigneter Technik ausgebracht, entfalten die Ausscheidungen ihre maximale Wirkung. Die Rinderhaltung trägt über 80 Prozent der Emissionen aus der Tierhaltung bei, den Rest teilen sich Schweine und Hühner.

Futtermittel werden in Deutschland auf rund zwei Drittel der vorhandenen Ackerfläche und dem gesamten Grünland produziert. Zusätzlich wird Sojaschrot in großen Mengen für die heimischen Rinder über den Atlantik gekarrt. Auch die dadurch verursachten Klimaeffekte müssen der Landwirtschaft zugerechnet werden. Wird also in Brasilien tropischer Regenwald für den Sojaanbau abgeholzt, verschlechtert das die Klimabilanz des Steaks aus heimischer Produktion.

Im Ackerbau entscheidet vor allem der Einsatz von Mineraldüngern und Pflanzenschutzmitteln über dessen Klimawirkung. Wird in der Tierhaltung vor allem Methan emittiert, ist es hier das Lachgas, das bei unsachgemäßer Anwendung von Mineral- und Wirtschaftsdüngern von den Feldern entweicht. Falsch machen kann der Landwirt vieles: Er kann den falschen Dünger in falschen Mengen zum falschen Zeitpunkt ausbringen.

Wie vorher schon angedeutet, sind es auch die Landnutzungsänderungen, die gewaltige Mengen Treibhausgase – in diesem Fall vor allem CO2 – freisetzen. Müssen Wälder oder Wiesen dem Ackerbau weichen, kann auf derselben Fläche weit weniger CO2 im Boden gespeichert werden. Zusätzlich wird bei der Rodung von Wäldern noch das in der oberirdischen Biomasse gespeicherte CO2 frei. Werden ehemalige Moore in Ackerland umgewandelt, fällt die Klimabilanz besonders negativ aus.

Nicht zu vergessen sind alle Vorleistungen, die der Landwirtschaft von anderen Sektoren zur Verfügung gestellt werden. Mineralstickstoffdünger werden beispielsweise mit sehr energieintensiven Verfahren hergestellt. Weiters verursacht der Stallbau, dessen Beheizung oder die Verwendung von fossilen Treibstoffen weitere „Klimakosten“.

Forderungen wurden und werden laut, dass die Landwirtschaft viel stärker in die deutsche und europäische Klimapolitik integriert werden muss. Auf politischer Ebene gibt es bisher keine Zielvorgaben für die Reduktion der landwirtschaftlichen Emissionen. Das Potential sei dagegen groß, manche Maßnahmen relativ schnell und kostengünstig umsetzbar, heißt es hierzu im WWF-Papier. Allerdings sind für eine effiziente Klimaschutzpolitik in der Landwirtschaft noch viele zusätzliche Informationen aus der Wissenschaft vonnöten.

Ulrike Rosenfellner

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