Der erste vertikale Wald der Welt

Grüne Architektur

Großbaustellen sind in Städten für gewöhnlich keine Besonderheit. Im Herzen Mailands jedoch ragen zwei Hochhäuser in den Himmel, die eine Revolution in der innerstädtischen Architektur einläuten. Als vertikaler Wald konzipiert, werden die beiden Türme bei ihrer Eröffnung im kommenden Jahr schlussendlich mit Tausenden Grünpflanzen bewachsen sein. Bosco Verticale, so der Name des Bauprojekts, ist der erste vertikale Wald weltweit, der tatsächlich gebaut wird.

Die Baustelle. Momentan unterscheidet sich die Großbaustelle kaum von jeder anderen Baustelle. Zwei Betontürme, 112 und 80 Meter hoch, ragen in den italienischen Herbsthimmel. Kräne, Stahlgitter und Beton so weit das Auge reicht. Auf den zweiten Blick jedoch stechen mehrere Hundert terrassenartige Erweiterungen der Gebäude ins Auge.

Eine vorzeitig begrünte Terrasse in einem der obersten Stockwerke lässt bereits erahnen, in welche Richtung sich das Bauvorhaben in den kommenden Monaten entwickeln wird. Bosco Verticale schafft nicht nur Wohn- und Geschäftsräume. Hier entsteht ein echter Wald im Zentrum der italienischen Millionenstadt.

Der vertikale Wald. Im Vorfeld haben Botaniker sorgfältig eine Liste jener Pflanzen erstellt, welche besonders gut für die Begrünung der gesamten Fassade geeignet sind. Diese wurden daraufhin unter besonderen Bedingungen kultiviert, um sich bereits vorab bestmöglich an ihren späteren Standort anpassen zu können. Die Begrünung der beiden Türme steht nun unmittelbar bevor.

730 Bäume, 11.000 bodenbedeckende Pflanzen und 5.000 Sträucher wird der Bosco Verticale schlussendlich beherbergen. Diese Menge an Grünpflanzen entspricht in etwa einem Waldstück mit einer Größe von einem Hektar. Schlussendlich wird der Wald nicht nur eine neue Heimat für Vögel und andere Tiere darstellen, sondern zugleich eine entscheidende Funktion bei den Hochhäusern selbst einnehmen. Das architektonische Konzept widersetzt sich in diesem Fall dem strikt technischen und mechanischen Zugang zu einer nachhaltig orientierten Bauweise. Hier ist es der Wald selbst, der, etwa bei der Klimatisierung der Gebäude, eine ausschlaggebende Rolle spielt.

Im Sommer schützt das Laub der Blätter die Wohnungen und Büroräume vor der direkten Sonneneinstrahlung. Im Winter, bei zugleich tieferem Sonnenstand, kann das Licht jedoch ungehindert durch die kahlen Bäume in das Innere der Räume vordringen. Diese werden somit erwärmt und zugleich beleuchtet. Der Wald bietet auch einen natürlichen Schutz vor dem Lärm der Großstadt, produziert wertvollen Sauerstoff und schafft ein eigenes Mikroklima, welches maßgeblich zur Steigerung der Lebensqualität beiträgt.

Eine Reihe von begleitenden Maßnahmen beweist, dass es durchaus möglich ist, in einer europäischen Großstadt ein alltagstaugliches und zugleich nachhaltig orientiertes Bauprojekt zu realisieren. So tragen etwa die Nutzung von geothermischer Energie und der Einsatz von Solarstrom dazu bei, den ökologischen Fußabdruck der beiden Bauwerke weiter zu reduzieren.

Weitere vertikale Wälder nach dem Vorbild des Bosco Verticale sind in Mailand im Moment noch nicht konkret geplant. Dennoch scheint es in der italienischen Metropole durchaus ernsthafte Bestrebungen zu geben, auch in Zukunft Gebäude dieser Art zu errichten. In einigen Jahren wird sich zeigen, wann auch andere Städte damit beginnen werden, die Natur zurück in die Stadt zu bringen.

Joachim Kern

1 Kommentar

Über das CleanEnergy Project

Das CleanEnergy Project ist ein non-profit Online-Magazin für alle Menschen auf der Suche nach mehr Nachhaltigkeit.

Das Team von CleanEnergy Project will Gestalter und nicht nur Zuschauer unserer Zeit sein.

Wir heißen alle willkommen, die sich uns als Autoren unserer Zeit anschließen möchten und bieten dafür unsere Plattform, das CleanEnergy Project.