An alle Zweifler

Schon wieder hat die Gewalt der Natur zahlreiche Menschenleben gefordert. Das Sturmtief Xynthia verschonte auch Deutschland nicht und brachte Tod, Verwüstung und Chaos. Nun mal ehrlich, wer jetzt noch am Klimawandel zweifelt, der scheint blind durch die Welt zu gehen, die Nachrichten zu ignorieren und sich in seinen vier Wänden zu verstecken. Oder aber den Klimawandel nicht richtig zu verstehen, so wie meine Tante. Zugegeben, sie ist schon etwas älter, vielleicht auch manchmal ein bisschen „durch den Wind“, aber ihr Verstand arbeitet einwandfrei. Den Klimawandel hat sie jedoch völlig falsch verstanden. Alles nur Politik und Verrücktmacherei, man müsse ja nur mal aus dem Fenster sehen, da würde man schon eines Besseren belehrt – oder warum war dieser Winter so extrem schneereich, wenn sich die Erde doch angeblich erwärmt?

Ganz einfach liebe Tante – und alle, die sich fragen, wo denn der Klimawandel bleibt – wir stecken mittendrin und all die Wetterextreme hängen zusammen. Hierzu zählen auch extreme Schneestürme, sie dienen kaum als schlagkräftiges Argument gegen die Erderwärmung. Das Klima entwickelt sich schließlich nicht innerhalb von ein paar Jahren, sondern über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Von einer Pause bei der Erderwärmung durch den vorangegangenen, strengen Winter kann also kaum die Rede sein. Wenn man sich die neuesten Daten einmal anschaut, war das vergangene Jahrzehnt das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Da ändert auch ein strenger Winter nichts dran.

Klimawandel bedeutet weitaus mehr als nur ein „klein wenig“ höhere Temperaturen. Wenn
wir unser Wohnzimmer nur um ein einziges Grad mehr aufheizen als sonst, nehmen wir das kaum wahr, die Natur hingegen hat bei einem solchen Temperaturanstieg ein großes Problem. Ja liebe Tante, das ist schwer vorstellbar, doch nur ein einziges Grad bedroht Inselstaaten im Pazifik durch häufig Überflutungen, lässt kleine Andengletscher verschwinden, von denen die Wasserversorgung von Millionen Menschen abhängt, lässt Korallen ausbleichen und Hochlandwälder aussterben und bringt zahlreichen Menschen den Tod, weil sich Schädlinge wie Malaria übertragende Mücken und gefährliche Zecken auch in anderen Breitengraden plötzlich pudelwohl fühlen.

Und das alles passiert nicht etwa in fernen Ländern, sondern betrifft auch Deutschland. Sturmfluten an der Nordsee, Hochwasser, extreme Wetterkapriolen mit Starkregen und Stürmen, die nicht nur die Ernten gefährden und vermehrte Waldbrandgefahr durch Hitzewellen. Das alles nur bei einem klitzekleinen Grad mehr auf der Skala! Geht es so weiter, liegt die prognostizierte Temperatur in der Mitte des Jahrhunderts im günstigsten Fall „nur“ um 0,5 Grad höher – wenn es schlecht läuft und wir weiter die Augen verschließen, wird ein Anstieg von zwei Grad angenommen. Dann aber können wir uns nicht mehr davon abwenden, die Folgen treffen jeden irgendwie. Das, liebe Tante, wirst du wohl nicht mehr erleben, aber deine Enkelkinder allerdings schon!

Judith Schomaker

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