350 – eine Zahl, die jeder kennen sollte

Klimawandel 350ppm

350 ppm. Das sind 350 Teilchen pro Millionen. 

350 Teilchen CO2 pro Millionen anderer Teilchen in unserer Atmosphäre. – Dreihundertundfünfzig ist die Zahl, die jeder kennen muß.

Das ist die Konzentration welche Dr. James Hansen, Direktor des Goddard Instituts für Space Studies, in seiner noch nicht veröffentlichten Studie für notwendig hält, um katastrophale Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden (auch kommentiert bei Climate Progress).

Na und?
Die Zahl bedeutet natürlich nichts ohne den dazu-gehöhrigen Kontext:
Wie man in der neben-stehenden Grafik vom Goddard Institute for Space Studies sieht, schwankte die CO2 Konzentration während den letzten 100,000-den von Jahren zwischen 180 und 280 ppm (neuerdings können die Forscher sogar das Gleiche bis zu 800,000 Jahre nachweisen). Seit der industriellen Revolution um 1800 haben wir Menschen – v.a. durch das Verbrennen fosssiler Treibstoffe – die Konzentration von CO2 auf ungefähr 384 ppm erhöht. Das ist eine Erhöhung von ca 35%.

Und die Tendenz ist steigend. Wie die untere Grafik des Umweltbundesamtes zeigt, steigt die Zunahme der CO2 Konzentration in den letzten Jahren weiter an.

Bisher war ein solcher Anstieg zwar beunruhigend, aber nicht unmittelbar bedrohlich. Klimaschutzziele waren darauf ausgerichtet, die CO2 Konzentration unter 450 ppm zu halten. So empfiehlt z. B. der WBGU (Seite 23) ein CO2-Konzentrationsziel unterhalb von 450 ppm. Da können wir uns ja ein wenig Zuwachs von CO2 noch erlauben.

Dr. Hansen´s neuesten Ergebnisse zeigen jedoch , daß wir die CO2-Konzentration so schnell wie möglich auf 350 ppm verringern müssen, um katastrophale Ausmaße des Klimawandels zu vermeiden. Mit 384 ppm sind wir schon weit über 350 ppm hinaus, so daß wir möglicherweise Kipp-Punkten im Klimasystem noch näher sind als erwartet. Allerdings ist es noch unbekannt, wie lange wir oberhalb von 350 ppm bleiben können, ohne katastrophale Folgen befürchten zu müssen.

Wie kommt Dr. Hansen zu seiner Aussage? Wichtig ist, zu wissen, wie Forscher auf den Wert von 450 ppm kamen. Um diesen Wert zu erhalten wurden in Klimamodellen nur schnelle Rückkopplungsprozesse simuliert, d.h. Prozesse, die durch eine Erhöhung der Treibhausgas-Emissionen relativ schnell verändert werden (z. B. Änderungen im Wasserdampf, Wolkenbildung, oder im Ausmaß des arktischen See-Eises). Langsame Prozesse, wie das Schmelzen von Grönland und der Antarktis (und dadurch geringere Reflektierung der Sonnenstrahlen), Veränderungen in der Verbreitung der Vegetation, sowie der Anstieg des Meeresspiegels, wurden in diese Modelle nur als Konstanten einbezogen, da ihre Veränderung nicht in für uns relevanten Zeiträumen zu wirken schienen. Das ist leider nicht der Fall.

Heutztage ist die Zunahme der Treibhausgas-Emissionen um ein Vielfaches schneller als während früheren Klimaveränderungen (ca 2 ppm pro Jahr heute versus ca 0.02 ppm pro Jahr während der Eiszeit). Dadurch entfalten sich die positiven Rückkopplungsprozesse auch sehr viel schneller, und werden schon in diesem Jahrhundert zum Tragen kommen (siehe auch Blogbeitrag über Kipp-Punkte). Dadurch erhöht sich die Klima-Sensitivität (d.h. die Veränderung des globalen Klimas durch Antriebskräfte wie Treibhausgase) von sonst 3ºC bei einer Verdopplung von CO2 (550 ppm) auf 6ºC. Auf Grund schneller und langsamer Rückkopplungsprozesse wird die globale Erdtemperatur schon heute über die nächsten Jahrzehnte hinweg um 2ºC ansteigen.

Weitere Erkenntnisse, die Hansen aus Eisbohrkernen bekam sind:

  1. Im Känozoikum (der Periode zwischen dem Tertiär und Heute) war CO2 die wichtigste Antriebskraft für das Klima
  2. Als die Antarktis vereiste war die CO2-Konzentration bei ca 450 ppm. Das heisst, wenn wir 450 ppm überschreiten, könnte die gesamte Antarktis abschmelzen, und damit der Meeresspiegel um 70 m ansteigen.
  3. Vergletscherungen sind umkehrbar.

Doch trotz der katastrophalen neuen Erkenntnisse bleibt Hansen optimistisch. Er schlußfolgert, dass wir 350 ppm erreichen können, wenn wir

  1. den Preis für CO2-Emissionen stark erhöhen
  2. ein Moratorium für Kohlekraftwerke einsetzen – außer für Kraftwerke, die CO2 sicher abscheiden können.
  3. alle existierenden Kohlekraftwerke die nicht CO2 abscheiden können innerhalb der nächsten 20 – 25 Jahre vom Netz nehmen.
  4. zu 100% auf erneuerbare Energien umsteigen.
  5. Landwirtschaft und Forstwirtschaft verbessern.
  6. Land- und Forstwirten Ausgleichs-Zahlungen für nachhaltige Wirtschaft geben.
  7. effektive Klimaschutzpolitik zur Reduzierug aller Treibhausgase durchsetzen.

Ich würde noch einen Punkt dazusetzen: verstärkter Schutz natürlicher Habitate, und Stopp der Landschaftsversiegelung, um die CO2 Sequestrierung durch Ökosysteme zu maximieren.

Politiker haben eindeutig noch nicht die Ernsthaftigkeit unserer Lage erkannt. Wenn wir weiterhin Treibhausgase emittieren wie bisher, dann – befürchtet Hansen – verspielen wir unsere letzte Chance, katastrophale Auswirkungen zu vermeiden. Natürlich wird ein solcher Umbau mit enormen Anstrengungen verbunden sein. Aber die Alternative ist nicht ausdenkbar. Die größte Gefahr, so Hansen, liegt nicht in den Anstrengungen, die vor uns liegen, sondern in unserer fortgesetzten Ableugnen der Tatsachen.

Maiken Winter

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