Geothermischer Strom könnte bald exportiert werden

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Geothermie-Anlage auf Island
Geothermie-Anlage auf Island

Island ist der optimale Ort für die Nutzung von Geothermie zur Wärme- und Stromproduktion. Nirgendwo sonst lässt sich die Eigenwärme unseres Planeten so effektiv nutzen wie auf der Insel der Elfen und Trolle. Beinahe der gesamte nationale Konsum wird dort durch Geothermie gedeckt. Es wird so viel Wärme und Strom produziert, dass die Isländer selbst gar nicht alles verbrauchen können. Während in Europa teils aus der Kernkraft ausgestiegen und Energiewenden eingeleitet werden sowie Strompreise ins unermessliche steigen, überlegt man in Island nun, den günstig und im Überfluss produzierten Strom zu exportieren.

Geothermie, das ist der Teil der Erdwärme, der im von uns zugänglichen Teil der Erdkruste, also in dem oberen Bereich von ungefähr drei Kilometern, gespeichert ist. Die Geothermie ist eine global nachhaltig nutzbare Energiequelle. Rein theoretisch könnte das vorhandene Wärmepotenzial des oberen Bereichs der Erdkruste den gesamten weltweiten Energiebedarf für die nächsten 100.000 Jahre decken. Das klingt wunderbar, aber leider ist nur ein sehr kleiner Teil dieser Energie technisch nutzbar und nur wenige Orte der Erde ermöglichen aufgrund besonderer geographischer Gegebenheiten eine lukrative Förderung.

Einer dieser Orte ist Island. Island ist die größte Vulkaninsel der Erde und somit der optimale Ort für eine effektive Nutzung der Erdwärme für Wärme- und Stromproduktion. Die hohe vulkanische Aktivität auf dem europäischen Inselstaat liegt an seiner besonderen Lage, direkt auf dem Mittelatlantischen Rücken – dem größten Abschnitt des den gesamten Erdball umspannenden Mittelozeanischen Rückens. Genau hier, auf dem isländischen Festland, reißt die Plattentektonik den Erd- und Meeresboden der eurasischen Platte im Osten und der nordamerikanischen Platte im Westen auseinander. Das Auseinanderdriften der beiden Tektonischen Platten führt im so resultierenden Graben zu starker vulkanischer Aktivität, welche ursprünglich die Geburtsstunde der isländischen Insel selbst zur Folge hatte. Dieselbe starke vulkanische Aktivität ist es, die es nun wiederum so attraktiv wie nirgendwo sonst macht, die Energiegewinnung aus Geothermie zu fördern.

Üblicherweise steigen die Temperaturen des Erdinnern pro Kilometer um durchschnittlich 30 Grad. Auf Island wird es hingegen um bis zu 150 Grad pro Kilometer Tiefe wärmer. Die berühmten Geysire zeigen es; das unterirdisch gespeicherte Wasser wird von Magma, das hier aufgrund der tektonischen Aktivität in deutlich höhere Schichten gelangt als zum Beispiel auf dem europäischen Festland, stark erhitzt und dringt dann teilweise bis ganz an die Oberfläche. Das Prinzip ist das Gleiche, aus dem die Isländer schon seit langem beinahe ihre gesamte Wärme- und Stromproduktion speisen. Wärmeerzeugung aus Gas oder Öl sind hier die Ausnahme. Island ist der absolute Spitzenreiter in der Geothermie. Das Land ist somit nicht nur völlig unabhängig von Importen, der Überfluss an effizient nutzbarer Geothermie schlägt sich auch im Strompreis nieder. Nirgendwo sonst in Europa ist Strom und Heizung so günstig wie in Island. Ein echtes Paradies nachhaltiger Energieversorgung, wenn man im Vergleich einige Staaten Osteuropas betrachtet, welche aufgrund starker Importabhängigkeiten und hoher Strompreisen eine Renaissance der Kernenergie ins Leben gerufen zu haben scheinen.

Zwar sind die Bedingungen für die Geothermie in Island besonders günstig, das heißt jedoch nicht, dass nicht auch in geographisch „ruhigeren“ Gebieten von der Erdwärme profitiert werden könnte. Auch hier in Deutschland spielt die Stromproduktion durch Geothermie eine zunehmend bedeutende Rolle. Mittels neu entwickelter Technologien wie beispielsweise dem Organic Rankine Cylce (ORC) ist eine effiziente Nutzung der Tiefenwärme auch bei geringerem Temperaturgefälle nutzbar. Die Energiewende ist zudem ein immenser Antriebsfaktor für die Weiterentwicklung der Geothermie in Deutschland und ganz Europa.

Zwar gilt die Wärme- und Stromproduktion durch Geothermie allgemein als äußerst umweltfreundlich, jedoch darf bei der Energieerzeugung nachhaltiger Quellen, ähnlich wie bei der Wasserkraft, der Blick nicht auf die Emissionen von Treibhausgasen reduziert werden. Diese fallen in der Geothermie natürlich weg. Dennoch gibt es negative Umwelteinflüsse, die auch bei der Geothermie beachtet werden müssen. Eines davon ist die Freisetzung von giftigen Gasen wie Schwefelwasserstoff. Des Weiteren ist das aus dem Boden herausgepumpte Wasser häufig stark mit giftigen Stoffen wie Schwermetallen, Cadium und Quecksilber belastet und könnte im Falle eines Austretens ins Grundwasser gelangen und die örtliche Grundwasserversorgung gefährden. Aus diesem Grund wird das sogenannte Brauchwasser meist mittels einer zweiten Bohrung unter hohem Druck zurück in die Erde gepumpt. Dies kann wiederum zu leichten Erdbeben führen. Geothermale Anlagen lösten 2006 in Basel und 2009 im pfälzischen Landau bereits kleinere Beben aus. Diese waren im Grunde ungefährlich, reichten jedoch aus, um Schäden an Gebäuden und Straßen zu verursachen und dem Image der Geothermie einen starken Dämpfer zu verpassen. Beide Anlagen sind heute stillgelegt. Nun sind Probleme dieser Art nicht zu unterschätzen, dennoch sollten sie nicht über das immense Potenzial hinwegtäuschen, das in der Geothermie steckt. 

Island produziert mehr Strom aus Geothermie, als seine Bewohner konsumieren können. Geothermische Wärme ist hier in solchem Überfluss vorhanden, dass geradezu verschwenderisch damit verfahren wird. Die Energie kann weder gespeichert noch exportiert werden. In Reykjavik und Akureyri werden deshalb im Winter sogar teils die Straßen und Gehsteige mit dicht unter der Oberfläche verlaufenden Leitungen beheizt. Und so gibt es in Island seit längerem Überlegungen, das Land zum Stromexporteur zu machen und aus der Überproduktion Profit zu schlagen. Das Problem: Strom kann man nicht einfach auf Schiffen transportieren und es existiert keine Netzverbindung zwischen der Insel und dem europäischen Festland. Ein Untersehkabel mit einer Kapazität von mindestens 700 Megawatt und 1.000 Kilometern Länge, das Island mit Schottland verbinden würde, wäre das längste Unterseekabel der Welt. Technisch wäre es jedoch durchaus möglich und das theoretisch sogar mit einem Energieverlust von nur fünf Prozent. 

Lukrativ wäre das Ganze aber erst, wenn der Strompreisunterschied zwischen Island und Festlandeuropa noch größer und Island seine Stromproduktion deutlich ausbauen würde. Ersteres ist durchaus im Bereich des Möglichen. Letzteres würde nach der Meinung von Experten jedoch eine Steigerung auf insgesamt circa 30 Terrawattstunden benötigen, also fast eine Verdopplung der heutigen isländischen Stromerzeugung. Dafür müssten neue Kraftwerke gebaut werden. Diese wiederum beanspruchen eine große Fläche sowie viel Infrastruktur aus Straßen und Stromleitungen. Die geothermalen Felder mit dem größten Potenzial liegen jedoch meist inmitten der unberührten Natur. Eine Erschließung würde das Landschaftsbild des isländischen Hochlands nachhaltig verändern und einen Eingriff in das lokale Ökosystem bedeuten. Die Isländer sind ein äußerst naturverbundenes Volk und es regt sich bereits Widerstand gegen die Bebauung der noch unbelasteten Landschaften.

Dennoch, die Idee den Inselstaat zum Stromexporteur zu machen besteht weiter fort. Der aktuelle Trend der Reduzierung der Kernenergie in einigen der großen Wirtschaften Europas sowie der fortschreitende Anstieg der Strompreise, insbesondere in Osteuropa, könnten dem Vorhaben weiteren Antrieb verleihen und den europäischen Staaten eventuell bald eine zusätzliche grüne Importquelle eröffnen.

 

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