Gebirgspflanzen im Klimawandel

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Edelweiß

Alpine Pflanzen sind wahre Meister der Anpassung. Sie können unter den lebensfeindlichsten Bedingungen gedeihen und werden teilweise hunderte von Jahren alt. Doch wie aus mehreren Studien hervorgeht, ist der Wandel des Weltklimas auch für die zähen und anpassungsfähigen Gebirgspflanzen eine nicht zu unterschätzende Bedrohung.

So werden kälteresistente Alpenpflanzen zunehmend durch wärmeliebende Arten verdrängt. Das ergab die erste paneuropäische Studie zum Vegetationswandel im Hochgebirge, die von einem internationalen Forscherteam unter Leitung der Universität Wien und der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) durchgeführt und in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht wurde.

Die Forscher hatten zwar bereits mit einer derartigen Tendenz gerechnet, aber die tatsächlichen Auswirkungen der Erderwärmung offensichtlich deutlich unterschätzt. Laut Michael Gottfried vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Uni Wien, sind zwar bisher noch keine Arten in Europa ausgestorben, aber wenn die Entwicklung anhält, werden schon in einigen Jahrzehnten unter anderem verschiedene Enzian- und Edelweißarten völlig verschwunden sein.

Für Georg Grabherr vom “Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt” der ÖAW belegen die Studienergebnisse, „dass der Klimawandel auch die entlegensten Winkel der Biosphäre beeinflusst“ und wir uns „dringend auf die Vermeidung noch stärkeren Klimawandels konzentrieren“ müssen.

Lebensraum und genetische Vielfalt bedroht

Ähnlich beunruhigende Ergebnisse veröffentlichte auch eine Forschergruppe aus Norwegen, Frankreich und Österreich in dem Fachjournal Proceedings of the Royal Society B. Die Wissenschaftler untersuchten 27 Pflanzenarten, die an oder über der Baumgrenze in den Alpen und der Arktis wachsen, auf ihre genetische Vielfalt und simulierten mit Hilfe zweier Klimaszenarien deren Verbreitung im Jahr 2080.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Alle untersuchten Gebirgspflanzen verlieren durch die Erderwärmung wichtigen Lebensraum und innerhalb der Arten an genetischer Vielfalt. Da genau diese Vielfalt aber ausschlaggebend für die Anpassungsfähigkeit ist, beginnt ein Teufelskreis, dem unter anderem der mehrjährige Gletscher-Hahnenfuß zum Opfer fallen dürfte.

Überlebensrezept: Langlebigkeit und Vielfalt

Es gibt aber auch Gebirgspflanzen, die den Klimawandel unbeschadet überstehen könnten. Für ihre in der Fachzeitschrift Molecular Ecology veröffentlichte Studie haben Lucienne de Witte und Jürg Stöcklin von der Universität Basel vier langlebige und langsam wachsende Gebirgspflanzenarten untersucht. Mit Hilfe sogenannter molekularer Fingerprints analysierten sie die genetischen Unterschiede einzelner Pflanzenindividuen in den Alpen, den Karpaten und in Lappland und fanden heraus, dass in allen Populationen zwar die jüngeren, kleineren Individuen in der Überzahl sind, es aber auch extrem alte Exemplare gibt.

So wird beispielsweise die alpine Grasart Krumm-Segge fast 5.000 Jahre alt und muss somit in der Vergangenheit bereits beachtliche Klimaschwankungen von mehreren Grad überlebt haben. Das Erfolgsrezept der Gebirgspflanzen liegt offensichtlich in der Kombination aus extremer Langlebigkeit und einer Vielzahl an anpassungsfähigem Nachwuchs. Sollte der Klimawandel allerdings wie in den extremsten Szenarien der Klimaforscher ablaufen, stößt auch die Überlebensfähigkeit derart zäher Gebirgspflanzen an ihre Grenzen.

Matthias Schaffer

 

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