Fracking in Deutschland – Viel Streit um alte Technik

,

Schon seit 1961 wird in Deutschland nach Erdgas gefrackt. Doch seit einigen Jahren ist es wieder zum Streitthema geworden.
Schon seit 1961 wird in Deutschland nach Erdgas gefrackt. Doch seit einigen Jahren ist es wieder zum Streitthema geworden.

In den USA kam es dieses Jahr erneut zu einer Serien von Erdbeben, die offenbar mit der umstrittenen Fördermethode fossiler Rohstoffe, dem sogenannten Fracking, in Verbindung stehen. Nun kommen einige der verantwortlichen US-Energieversorger mehr und mehr in Bedrängnis. Auch hierzulande polarisiert Fracking. Zur Zeit berät die Bundesregierung über ein neues deutsches Fracking-Gesetz, Umweltschutzorganisationen und Politiker fordern jedoch eine umfassende Korrektur des Gesetzespakets oder gar ein völliges Bohrverbot und warnen vor den Folgen, die die Risikotechnologie für Mensch und Umwelt haben könnte. Was viele jedoch nicht wissen: Gefrackt wird hier schon seit über 50 Jahren.

Fracking polarisiert, vor allem hier in Deutschland. Für die Industrie ist es eine wunderbar effiziente Methode zur Gewinnung fossiler Rohstoffe, für Umwelt- und Naturschützer eine Hochrisikotechnologie, die die Umwelt und den Menschen unnötig gefährdet. Unbestreitbar ist, Fracking ist sehr effizient. Dabei werden unter hohem Druck Flüssigkeiten, sogenannte Fracfluide, in Gesteinsformationen eingepumpt, es entstehen Risse im Gestein und das Erdöl oder Erdgas kann durch diese künstlich geschaffenen Risse gefördert werden. So können Vorkommen wesentlich schneller, unkomplizierter und vor allem günstiger ausgebeutet werden. In den USA ist deshalb ein regelrechter Fracking-Boom entstanden.

Doch wer glaubt, nur in den USA bzw. im Ausland werde im großen Stil gefrackt, der täuscht sich. Auch in Deutschland wird das Verfahren bereits seit den 1960er Jahren eingesetzt, vor allem in Niedersachsen und auch in Schleswig-Holstein. Hierzulande wird allerdings Mangels großer Erdölvorkommen hauptsächlich nach sogenanntem Schiefergas, also Erdgas, das in Tonsteinen eingeschlossen ist, gefrackt. Der Exxon Mobile Konzern schreibt, mittlerweile basiere etwa ein Drittel der deutschen Erdgasproduktion auf dem Fracking-Verfahren und es sei bei über 300 Fracks bislang zu keinem einzigen Unfall gekommen. Dennoch gibt es Risiken. Vor allem die Gefahr einer Verunreinigung der Grund- bzw. Trinkwasserreservoirs wird immer wieder kontrovers diskutiert und von Fracking-Gegnern gerne ins Feld geführt. In den letzten Jahren verbreitete sich außerdem immer häufiger die Nachricht, es sei in Folge des massiven Einsatzes der Fördermethode zu teils starken Erdbeben gekommen. Erst vergangenen Dienstag berichteten die deutschen Medien, im texanischen Ballungsraum Dallas-Fort Worth, wo rund sechs Millionen Menschen leben, sei es wahrscheinlich aufgrund von Fracking-Bohrungen gleich zu mehreren teils heftigen Erdbeben gekommen. Nun ermittelt die texanische Öl- und Gasaufsicht und befragt den Energiekonzern Exxon-Mobile und die Firma EOG Resources, die zu den größten Schiefergasproduzenten der USA gehören, zu den Vorfällen.

Auch eine aktuelle Studie der Southern Methodist University (SMU) in Dallas zeigt, dass ein Zusammenhang zwischen den Erdbeben und den Aktivitäten von Ölkonzernen bestehen kann. Demnach sei wahrscheinlich, dass die XTO Energy, eine Tochter von Exxon, sowie eine weiteres Abwasserentsorgungsunternehmen der EnerVest Operating Co. im Zusammenhang mit einer Serie von Erdbeben in Fort Worth, Texas im Winter 2013 / 2014 stünden. Beide Firmen müssen sich nun vor staatlichen Aufsichtsbehörden verantworten.

Neben den neuerlichen Vorwürfen, Fracking verursache Erdbeben, hat in Deutschland auch die US-Dokumentation „Gasland“ zu dem in der Bevölkerung teils negativ behafteten Bild der Fördermethode geführt. Im Film werden die Auswirkungen des Fracking untersucht und dabei extrem beunruhigende Bilder von Leitungswasser gezeigt, das sich anzünden lässt – angeblich aufgrund von Gaslecks, die durch Fracking entstanden sein sollen, und die seitdem das Grundwasser belasten. Obwohl sich dieser Zusammenhang nicht nachweisen lässt und Experten eher bodennahes Methan hinter dem Phänomen vermuten, hört man immer wieder von verseuchten Brunnen und Trinkwasserspeichern in den USA in der Nähe von Fracking-Standorten. Seitdem wächst der Widerstand der Bevölkerung gegen die Technologie sowohl in den Staaten als auch in Europa.

Dennoch wird in Deutschland gefrackt, vornehmlich nach Erdgas – seit Jahrzehnten und offenbar ohne Unfälle, zumindest ohne solche, die damit in Verbindung gebracht werden konnten. Das soll auch weiterhin möglich sein, nur unter strengeren Richtlinien, so die Bundesregierung. Dazu soll ein neues Fracking-Gesetz her (CEP berichtete), das vom Bundeskabinett im April auf den Weg gebracht wurde. Dagegen allerdings laufen seit Wochen Umweltschützer und Politiker Sturm. Einige Gruppen fordern jetzt sogar ein generelles Fracking-Verbot in Deutschland. Dazu wird es jedoch eher nicht kommen, auch aus verfassungsrechtlichen Gründen, wie Umweltministerin Barbara Hendricks Anfang April erklärte: „Wir können eine Technologie nicht einfach verbieten“, sagte sie damals, glaubt jedoch, Fracking sei in Zeiten der Energiewende „nicht die Antwort auf unsere Energiefragen“.

Dennoch verteidigte sie das Gesetzespaket. So werde „vieles verboten, was bislang möglich ist“ und mit dem Gesetz ein „ungeregelter Zustand endlich geregelt“. Mit Verabschiedung des Gesetzes sollen in Wasserschutzgebieten sämtliche Fracking-Maßnahmen ausgeschlossen werden. Auch in der Umgebung von Heilquellen, in Einzugsgebieten von Seen und Talsperren, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, darf nicht gefrackt werden, das gilt ebenso für Nationalparks und Naturschutzgebiete. Generell soll das Verfahren in Gebieten der Trinkwasserversorgung grundsätzlich und in Tiefen bis zu 3.000 Metern großteils verboten werden. Probebohrungen zu Forschungszwecken bleiben aber erlaubt. Außerdem soll Fracking in einer Tiefe von mehr als 3.000 Metern grundsätzlich möglich sein.

Umweltschützern und vielen Politikern ist das jedoch bei weitem zu wenig. Die fordern deutliche Korrekturen am geplanten Gesetz, bei dem es zu viele Schlupflöcher und Ausnahmen gebe. Die Grünen sprachen im Mai gar von einer Mogelpackung. Der Präsident des Naturschutzbund Deutschland Olaf Tschimpke sagte, vor allem der Schutz des Grundwassers sei nicht verhandelbar. Die Bundesregierung habe es bisher versäumt klarzustellen, dass der Grundwasserschutz uneingeschränkt in Deutschland gilt. Nach dem aktuellen Stand sei zu befürchten, dass in der Praxis für Fracking nur ein geringeres Schutzniveau für das Grundwasser gelte. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnte vor den Gefahren durch das neue Gesetz. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger fordert sogar ein generelles Fracking-Verbot, „um Grundwasser, Böden und Natur zu schützen“. Die Fracking-Technologie berge hohe ökologische Risiken, sei klimapolitisch kontraproduktiv und verzögere die Energiewende, so hieß es wörtlich.

Doch es gibt auch Fürsprecher. So sagte beispielsweise die deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), ein generelles Verbot der Gas- und Ölförderung lasse sich auf Basis wissenschaftlicher und technischer Fakten nicht begründen. In einem Gutachten erinnern sie daran, dass das konventionelle Fracking in Deutschland seit 1961 angewendet wird und Umweltschäden in dem Zusammenhang „nicht bekannt“ seien. Nun soll eine speziell gebildete Expertenkommission mehrheitlich entscheiden, ob es zu weiteren Änderungen im geplanten Gesetzespaket kommen wird, oder, ob ab 2019 großflächig kommerziell gefrackt werden darf – nach dem zur Zeit vorgesehenen Fracking-Gesetz. Auch gegen die Kommission wehrt man sich, diesmal unter anderem von Seiten der SPD-Bundestagsfraktion: „Die Entscheidung über kommerzielles Fracking einer Expertenkommission zu überlassen, lehnen wir entschieden ab“, sagte Sprecher Carsten Sieling. Die Kommission öffne Tür und Tor für kommerzielle Vorhaben, befürchtet Ulrich Peterwitz vom Verband kommunaler Unternehmen.

Viel Streit also um eine Technik, die hier eigentlich schon seit einem halben Jahrhundert eingesetzt wird, in Tiefen unter und über 3.000 Metern, viele Jahre davon ohne große öffentliche Aufmerksamkeit oder gar Medienberichte über Umweltschäden, verseuchtes Trinkwasser oder Erdbeben. Ob die Fördermethode für fossile Rohstoffe allerdings noch Platz hat, im „Energiewende-Land“ Deutschland, das sich als eine der G7-Nationen gerade auf die Dekarbonisierung der Energiewirtschaft und das Zwei-Grad-Ziel geeinigt hat, einem Land, dem droht, seine selbstgesteckten Emissionsminderungsziele zu verfehlen, steht auf einem ganz anderen Blatt und sollte, mehr als alles andere, von den Verantwortlichen gut bedacht sein.

 

Leave a Reply