Erneut Löcher im Herz von Atomkraftwerk gefunden

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Atomenergie
Atomenergie

Bereits seit 2012 stellen Inspektoren immer wieder unerklärliche Risse im Stahl der Reaktorblöcke von Atomkraftwerken fest – zuletzt Anfang 2015 in Belgien. Die betreffenden Blöcke wurden damals aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. Jetzt wiederholt sich diese besorgniserregende Entdeckung, diesmal im Schweizer Kernkraftwerk Benzau 1 – dem dienstältesten Atommeiler der Welt. Während die Betreiber des Reaktors von Unre-gelmäßigkeiten im Material sprechen, findet Greenpeace andere Worte: Das Herz des Atomkraftwerks sei „löchrig wie ein Stück Emmentaler“. Unklar ist bislang, ob die „Unregelmäßigkeiten“ bereits bei der Stahlherstellung oder durch die jahrzehntelange Bestrahlung entstanden sind.

Gefunden wurden die insgesamt 925 Löcher bei Wartungsarbeiten mit einem Ultraschallgerät neuester Bauart, durchgeführt vom Schweizer Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi). Die Löcher wurden bislang nicht entdeckt, da erst das hochmoderne Ultraschallgerät derart tief in die 18 Zentimeter dicken Wände des Stahldruckbehälters blicken lässt. Zunächst wagte jedoch niemand die Wörter Loch und Reaktorkern in einem Satz zu nennen. Der Betreiber der Anlage, Energiekonzern Axpo, teilte nach der Untersuchung mit, „an einigen Stellen Anzeigen registriert“ zu haben, „die auf minimale Unregelmäßigkeiten aus dem Herstellungsprozess hinweisen“. Axpo glaubt also, dass es sich um Fehler in der Stahlherstellung handelt, für die demnach die Schmiede verantwortlich wäre.

Das glaubte 2012 auch der französische Energiekonzern GDF Suez, Betreiber der beiden belgischen Atomkraftwerksblöcke Doel 3 und Tihange 2. Auch dort wurden bei Inspektionen „Unregelmäßigkeiten“ in der Stahlhülle festgestellt. Nachdem die Reaktorblöcke aufgrund von Sicherheitsbedenken schließlich endgültig stillgelegt wurden, untersuchten Inspektoren die Stahldruckbehälter Anfang 2015 erneut. Dabei entpuppten sich die „Unregelmäßigkeiten“ als insgesamt 12.000 kleine Haarrisse im Stahl. Erstmals wurden Befürchtungen laut, es könne sich um ein bisher unerkanntes, gefährliches Problem von Materialermüdung handeln, ausgelöst durch die jahrelange starke Radioaktivität, der der Stahl ausgesetzt ist. Das bestätigen auch Untersuchungen im Forschungsreaktor Mol, bei denen baugleicher Stahl über längere Zeit bestrahlt wurde. Alle getesteten Stahl-Proben wiesen durch die Bestrahlung deutliche Schwächen auf.

Im Fall Benzau 1 könnte das gleiche Problem bestehen, zumal die Anlage von gleicher Bauart ist wie sein belgischer Bruder Doel 3. Doch Betreiber Axpo wiegelt ab, und verweist darauf, dass die Risse in Doel wesentlich größer und zahlreicher gewesen seien. Damit liege in Benzau eine ganz andere Situation vor als in Belgien, sagte ein Sprecher. Die französische Atomaufsichtsbehörde hüllt sich bisher in Schweigen. Von Löchern oder Rissen will offenbar weder die Behörde noch der Betreiber sprechen. Sicher auch, um die Öffentlichkeit nicht zu beunruhigen.

Die Atomaufsicht hat nun einige Proben des fragwürdigen Stahls genommen, die derzeit analysiert werden. Sollte sich herausstellen, dass es sich tatsächlich um einen Herstellungsfehler handelt, müssten alle Atomkraftwerke überprüft werden, die ihren Stahl von der selben Schmiede bezogen haben. Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ handelt es sich dabei um die auf Reaktorstahl spezialisierte französische Creusot Forge, die dem Energiekonzern Areva gehört. Dort wurden bislang 80 Reaktordruckbehälter geschmiedet. Betroffen wären alle französischen Kernkraftwerke und einige in den USA. Deutsche Atomkraftwerke jedoch nicht, deren Stahl stammt aus anderer Quelle.

Sollten die Auffälligkeiten jedoch durch die jahrzehntelange Bestrahlung entstanden sein, wie es die Versuche im Forschungsreaktor Mol nahelegen, bestünde ein globales Sicherheitsrisiko. Wahrscheinlich müssten viele Kraftwerke vorübergehend vom Netz genommen oder sogar endgültig stillgelegt werden. Das wäre für die Netzbetreiber ein großes Problem, da so enorme Versorgungsengpässe entstehen würden. Zudem müsste die gesamte Risikobewertung der Atomenergie neu überdacht werden.

Auch Benzau 1 ist derzeit aufgrund von Sicherheitsbedenken vom Netz. Nun müssen die Unter-suchungsergebnisse abgewartet werden. Das Ensi wird frühestens im ersten Quartal 2016 entscheiden, ob Block 1 wieder hochgefahren werden kann.

Die atompolitische Sprecherin der Grünen, Silvia Kottig-Uhl fordert, nicht nur Benzau 1 müsse vom Netz. Die Bundesregierung müsse auf die potenzielle Gefahr reagieren und „mindestens die einstweilige Stilllegung der betroffenen grenznahen AKW einfordern“. Die Koalition sieht dazu derzeit offenbar keine Veranlassung. Jedoch will man zumindest „die Entwicklungen in der Schweiz weiterhin aufmerksam verfolgen“, erklärte eine Sprecherin von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD): „Wenn das Ergebnis vorliegt, werden wir es bewerten.“

Quelle:  Die Welt / Greenpeace

 

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