Frischer Wind aus Fernost

Groß, größer, China. Egal was das Reich der Mitte in Sachen Energie zuletzt angepackt hat, geht es um Superlative. Auch Cleantech wird als Wirtschaftsfaktor in der chinesischen Politik mittlerweile groß geschrieben und Projekte dementsprechend geplant und umgesetzt.

Kein Wunder also, dass in China nun auch im Hinblick auf Offshore-Windenergie im ganz großen Maßstab gerechnet wird. Experten gehen davon aus, dass allein in den Wattgebieten entlang der chinesischen Küste 100 bis 200 Gigawatt Windenergie installiert werden könnten.

Den Anfang macht ein 102-Megawatt-Windpark im Yantze-Delta nahe Shanghai, ausgerüstet vom Turbinenhersteller Sinovel, der noch in diesem Monat den vollen Betrieb aufnehmen wird.

Drei weitere Windparks mit einer Gesamtleistung von einem Gigawatt sind für dieses Jahr geplant. Und in der Provinz Jiangsu, nördlich von Shanghai, hat die chinesische Regierung im vergangenen Jahr ein Gebiet für Offshore-Windparks mit einem Gesamtpotenzial von acht bis zehn Gigawatt ausgewiesen.

Bis 2020 wird erwartet, dass China 100 Milliarden Dollar in die Offshore-Windkraft investiert und eine Gesamtleistung von 30 Gigawatt installiert haben wird, was der Leistung aller Onshore-Windräder entspricht, die sich derzeit auf Chinas Festland drehen. Davon geht man jedenfalls bei der Energieberatung Azure International in Peking aus. Das Land kann sich damit schon heute „Windenergieweltmeister“ nennen.

Der einzige Haken: Die schiere Masse an Windrädern kann nicht die im Schnitt niedrigeren Windgeschwindigkeiten gegenüber beispielweise der Nordsee wettmachen, wo der Wind ungebremst vom Atlantik her weht. In China ist dafür einfach zuviel Landmasse im Weg.

Noch ein Unterschied: In den schlammigen Wattgebieten vor Chinas Küste ist der Typus Pfeiler für die Windräder, wie er auch in der Nordsee auf offener See eingesetzt wird, nicht verwendbar. Die Pekinger Firma Shenhua Guohua Energy Investment, ein Tochterunternehmen des größten chinesischen Kohlekonzerns, entwickelt deshalb neue Stahlpfeiler für seine Windparks in Jiangsu. Statt eines einzigen Pfeilers, wie in der Nordsee verbreitet, sollen pro Windrad jeweils fünf, insgesamt 56 Meter lange Pfeiler in den Meeresboden gerammt werden, auf denen dann das Windrad selber befestigt werden soll.

Ein weiteres Problem sind die im südchinesischen Meer häufig auftretenden Taifune. Erst 2003 waren in solch einem Sturm sechs japanische Windräder bei Okinawa schwer beschädigt worden. Wobei dieser Windradtypus im Vergleich zu denjenigen, die jetzt vor Chinas Küsten errichtet werden sollen, eher klein war. Und je größer und höher die Windanlagen, umso wahrscheinlicher können auch Sturmschäden auftreten.

Daniel Seemann

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