Gezeitenkraft 2.0 in Frankreich

Atlantikküste der Bretagne

Mitte der 60er Jahre entstand an der bretonischen Küste Frankreichs das erste wirtschaftliche Gezeitenkraftwerk der Welt. Die Anlage, die nach dem Fluss ‚La Rance‘ benannt ist, leistet noch heute rund 240 Megawatt, indem sie die Energie der Fluss- und Atlantikströmung nutzt. Mit Hilfe eines gewaltigen Staudammes wird das Wasser bei Flut zurück gehalten und bei Ebbe abgelassen. Die aufgrund der Höhenunterschiede entstehenden Strömungen können 24 Turbinen antreiben.

Nach 45 Jahren folgt nun das zweite französische Kraftwerk, das Meeresströmungen fernab vom Tourismus rentabel macht: Anfang September dieses Jahres ließ der Elektrizitätskonzern EdF eine Apparatur vor der Bretagne im Wasser versenken, die zur neuesten Technologie der Gezeitenkraft zählt.

Entstehung eines Meeresenergieparks vor der bretonischen Küste

Entwickelt wurde die Anlage zwar von der irischen Gesellschaft Open Hydro, doch das französische Unternehmen übernahm die Technik im Jahr 2008. Und das Potential für den Einsatz der 1.000 Tonnen schweren und 16 Meter hohen Kolosse ist groß: Die Gezeiten an der Küste Bréhat im Departement Côtes-d’Armor in Frankreich zählen zu den stärksten Europas. Bisher wird die Anlage nur getestet, um die Bedingungen auf dem Meeresgrund in 35 Metern Tiefe zu untersuchen. Läuft alles wie geplant, wird an eben diesem Standort nach und nach der erste französische Unterwasser Meeresenergiepark entstehen.

Sobald vier Turbinen installiert und angeschlossen sind, kann das System zwei Megawatt an Leistung generieren. Damit ließen sich 2.000 bis 3.000 Haushalte mit Strom versorgen. Da die Testphase noch zwei Monate andauert, bleiben die restlichen drei Anlagen vorsichtshalber noch auf dem Trockenen.

Neuartige Technologie der Gezeitenkraft

Die neue Anlage arbeitet anders als konventionelle Gezeitenkraftwerke: Sie nutzt die Meeresströmungen unter der Wasseroberfläche zur Stromproduktion. Der hohe Tidenhub der Gezeiten spielt dennoch die Schlüsselrolle für die Wirtschaftlichkeit der Anlage. Denn je stärker die Strömungen sind, desto höher ist auch die Rotationsenergie der Turbine. Zusätzlich dreht der Rotor sich mit den Gezeiten mit. Auch wenn die Nutzung der Meeresenergie Auswirkungen auf die Umwelt nach sich zieht – sie sind geringer als im oben erwähnten Kraftwerk ‚La Rance‘. So ließen die Ingenieure der neuen ringförmigen Turbine zumindest die Mitte offen, um den Meeresbewohnern das Durchqueren zu ermöglichen.

Bisher taucht die Meeresenergie in Frankreich nur verschwindend gering in den Energie Statistiken auf: Gerade einmal 0,7 Prozent des Erneuerbare-Energie-Anteils an der Stromproduktion besaßen sie im Jahr 2009.

Doch seit einigen Jahren wird intensiver geforscht und entwickelt. In unserem Nachbarland wird davon ausgegangen, dass mit der ‚heimischen‘ Meeresenergie langfristig rund 3.000 Megawatt an Leistung zur Verfügung gestellt werden könnten.

Jenny Lohse

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