PV-Lösungen schaffen, die weltweit einsetzbar sind

Diese Dachziegel erzeugen auch Strom

Die Bundesregierung hat ihre umstrittene Reform des EEG in höchstem Tempo durch Bundestag und Bundesrat gepeitscht. Investoren, Solar-Unternehmer, Anlagenbetreiber und potenzielle Kunden sind verunsichert – wieso wird gerade mit dem Erreichen eines Preises für PV-Strom vom Hausdach von 10 Cent/kWh diese auch für den Export Deutschlands so wichtige Energiewende abgewürgt? Über die Änderungen im EEG 2014 und neue innovative Produkte im PV-Markt sprach CleanEnergy Project mit dem Solarunternehmer Martin Flossmann.

Herr Flossmann, als langjähriger Geschäftsführer bei Solon AG für Solartechnik, Berlin und Unternehmer bei ESD – Energiesysteme, sowie Mitinitiator des Solarziegels (Autarq GmbH & Co. KG) – welche Folgen hat das EEG 2014 für Ihre Branche?

Flossmann: Das jetzt verabschiedete Gesetz verstärkt ganz wesentlich die vorhandene Ratlosigkeit bei Bürgern und Solarfachleuten, die nicht verstehen, warum die Energiewende ausgebremst werden soll. Das EEG 2014 bringt keinen Effekt im Sinne der Kostenreduzierung für Endverbraucher und Gewerbebetriebe. Von 1000 Euro jährlichen Kosten für Strom zahlt der Endverbraucher, also Privatkunde 700 Euro an staatlichen Abgaben.

Durch das novellierte Gesetz werden die positiven Folgen des EEG für Endverbraucher kaputt gemacht – in den letzten fünf Jahren wurden zu viele Unternehmen von gesetzlichen Abgaben (Stromsteuer, EEG-Umlage) befreit. Diese Befreiung muss nun von der verbleibenden Gemeinschaft der Verbraucher, Privathaushalte etc. zusätzlich geschultert werden. Durch diese einseitige Fokussierung auf Privathaushalte wird aus meiner Sicht von den tatsächlichen Herausforderungen abgelenkt.

Welche Herausforderungen wären dies?

Flossmann: Es gilt, den Industriestandort Deutschland auf umweltfreundlichen Energieverbrauch umzustellen. Es gilt, eine Wirtschaft ökologisch auszurichten. Es gilt, Abhängigkeiten von Energieexporten zu reduzieren und die Altbestände an Kraftwerken durch Tausende dezentral umweltfreundliche Energie erzeugende Kraftwerke zu ersetzen. DazuMartin Flossmann 1 braucht es verlässliche Regelungen für Unternehmen und nicht jährliche Verschlimmbesserungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Beispielsweise ist eine Umverteilung der Kosten der Energiewende auch auf Gewerbe/Industrie absolut sinnvoll, um weiter Anstoß zu geben, die Energieversorgung umzustellen. Die auch für die EU formulierten Ziele sind weltweit beachtet worden. Deutschland folgt mit den Ausnahmen für Großverbraucher dem falschen Weg.

Wie Staatssekretär Rainer Baake im Wirtschaftsministerium andeutet, darf man über eine Art Gebühr für den Netzzugang durchaus nachdenken, weil wir die Energiewende ohne moderne Netze auf allen Ebenen nicht schaffen werden. Also Beteiligung aller Stromverbraucher an der Wende statt einseitige Belastung des Eigenverbrauchs.

… und wie bewerten Sie diese Belastung des Eigenverbrauchs durch die EEG-Umlage?

Flossmann: Den Eigenverbrauch mit einer Abgabe zu belegen, wird weithin als Strafe empfunden. Eine Strafe für das Engagement der Bürger, sich mit einer neuen, breit gewollten Technologie zu beschäftigen und zu investieren. Das würgt ein Erfolgsmodell absolut ab, lässt die Glaubwürdigkeit der Politik in unsägliche Klientelpolitik versinken. Auch durch Ansätze in Spanien oder Italien, gültige Gesetze rückwirkend abzuändern, ist große Verunsicherung im Markt. Wer weiß heute schon, ob die Bagatellgrenze für kleine Anlagen in zwei Jahren noch existiert?

Spüren Sie Folgen in Ihrem Unternehmen, wie wirkt sich das im Export aus?

Flossmann: Ja, wir werden oft gefragt, warum die Politik angesichts der Erfolge der Solarwirtschaft und trotz sinkender PV Strom-Kosten so drastisch reagiert und den Heimatmarkt systematisch abwürgt. Schon im Dezember hat der amtierende Energieminister die Branche zum Schattenboxen verurteilt, in dem er Interessenten, die in Solaranlagen zum Eigenverbrauch investieren wollten, auf mögliche Gebühren eingestellt hat. Sie brauchen nur die Zahlen der Netzzulassungen betrachten. Gewerbliche Solaranlagen für den Eigenverbrauch gehen stark zurück. PV-Anlagen unter der Bagatellgrenze von 10 kW werden weiter gebaut.

Dennoch: Wir sind uns sicher, dass man die Energiewende, die durch das Engagement der Bürger vorangetrieben wurde und wird, nicht mehr zurückdrehen kann. Im Export bemerken wir die Folgen der drastischen Senkungen der PV-Strompreise. Jetzt geht es nicht länger darum, Solartechnik zu erläutern, sondern Finanzierungsmodelle zu entwickeln für die Anwender. Wir meinen, dass Autarq Produkte geradezu prädestiniert sind für Exporte in Länder, die kaum oder nur in sehr geringem Umfang über Fachleute mit Erfahrungen im Solarbereich verfügen. Autarq-Produkte und ihre Anwendung setzen extrem geringen Planungssachverstand voraus. Das hilft sicherlich, die Entwicklung voranzubringen.

Wie können die Endkunden in Deutschland auf die politische Entwicklung reagieren?

Flossmann: Systemlösungen mit denen sie sich nahezu oder komplett autark versorgen können – wenn nötig ohne Netzanbindung – werden stark an Bedeutung gewinnen. Dabei sollten wir von der PV-Branche durchaus erwarten können, dass sie einfache, leicht zu installierende Lösungen bereitstellt, die sowohl die Kunden als auch die Handwerker leicht nutzen bzw. installieren können. Die Folge wird sein, dass immer mehr Bürger sich unabhängig machen wollen von politischen Entscheidungen. Das sind mündige Bürger, die genau wissen: Einmal investieren und Sonnenergie nutzen, bedeutet: Nie mehr Preiserhöhungen beim Strom erleben.

Mit den Solardachsteinen bei Autarq bieten Sie genau eine solche Lösung an.Autarq-Illu-Haus

Flossmann: Ja, genau. Wir kombinieren Produkte wie Dachziegel oder Dachsteine, die sich über Generationen bewährt haben, mit Solartechnik. Wir reduzieren den Aufwand, dass unterschiedliche Handwerker – wie Dachdecker und PV-Installateure – zwei Mal aufs Dach müssen. Außerdem ist keine echte, elektrische Planung erforderlich, das System ist noch auf der Baustelle anpassbar und die gewohnten Abläufe beim Dachdecken bleiben erhalten. Weil wir Solardachsteine verlegen wie normale Ziegel, weder die Wasserführung noch die Dachkonstruktion verändern, glauben wir nicht zuletzt auch an Nachbarschaftshilfe und Eigenleistung der Hausbesitzer. Die technischen Anforderungen sind deutlich einfacher als bei herkömmlichen Solaranlagen.

Mit Dachsteinen alleine ist aber nicht getan, wenn man nach Eigenverbrauch strebt, oder?

Flossmann: Richtig, wenn die Kunden den Strom selbst verbrauchen wollen, den sie auf dem Dach erzeugen, brauchen sie Speicherlösungen. Stromspeicher und Steuerungen sind im Komplettsystem von Autarq enthalten. Autarq bietet alle Komponenten aus einer Hand. Wirklich einfach kann die Anlage zu einem späteren Zeitpunkt erweitert werden, da erkennen Sie das Baukastenprinzip und die technische Qualität der Autarq-Systeme sehr deutlich.

Was passiert, wenn einer der Dachsteine kaputt geht?

Flossmann: Dafür haben wir ideale Voraussetzungen, weil unsere Anlagen im Bereich ungefährlicher Schutzkleinspannung arbeiten. Der Solardachstein wird mittels eines Monitoringsystems identifiziert und anschließend ersetzt. Allerdings liegt die Haltbarkeit der von uns verwendeten Ziegel oder Dachsteine bei 50 Jahren. Hinsichtlich der elektrischen Leistung konnten wir bei den ersten Testanlagen, die wir betreiben, bislang keine negative Veränderung feststellen. Über die Solardachsteine kann man problemlos drüber laufen – die sind nahezu unkaputtbar. So ist der problemlose Zugang zu jedem Ziegel möglich.

Sie sind auf der Suche nach Investoren – ist das im Solarmarkt derzeit schwierig?

Flossmann: Ja, die Lage für Investoren ist nicht einfach, ihr Augenmerk auf künftige politische Veränderungen von Rahmenbedingungen lässt sie derzeit zaudern. Im Hinblick darauf haben wir verschiedene Aufbauszenarien für Autarq entworfen, aber es bleibt eine Restunsicherheit, ob der Durchbruch in Deutschland in 2, 3 oder erst in 5 Jahren erfolgt. Und diese Unsicherheit führt dann gelegentlich zu einer Vertagung von Investitionen.

Was bedeutet das für Autarq – wie geht es weiter?

Flossmann: Wir sind sehr happy, dass wir von den Dachsteinherstellern, mit denen wir zusammenarbeiten, extrem gut angenommen werden. Diese Hersteller hatten über Jahre versucht, ihre Produkte um Solarsysteme zu erweitern, was nicht wirklich gelungen ist. Autarq bietet ein Produkt, das diese Lücke schließt.

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Dazu spüren wir den internationalen Bedarf etwa in Skandinavien oder Osteuropa für unsere Produkte. Diese Länder gehen direkt zum Baustoff und bauen keinen Solarfördermakt auf. Das ist im Grunde den deutschen Regeln ab dem Jahr 2000 zu verdanken. Bei Autarq werden wir aufgrund der Situation in Deutschland schneller internationalisieren als ursprünglich vorgesehen. Auch dies geschieht in Kooperation mit Dachsteinherstellern. Denn wir wissen: Wir bieten ein modernes Produkt, auf das die Menschen warten und wollen Autarq mit dem Solarbaustoff in allen relevanten Märkten Europas etablieren.

Haben Sie bereits über Crowdfunding als Alternative nachgedacht?

Ja, wir denken intensiv darüber nach und werden mit Crowdfunding-Plattformen ins Gespräch gehen – womöglich wird dies der Weg sein, um unseren Ausbau zu beschleunigen.

Vielen Dank für das Gespräch

 

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