So haben wir es uns nicht vorgestellt

Was keine Menschenkette und keine Großdemonstration geschafft hat – die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat – so traurig dies ist – es vollbracht: Der Atomausstieg in Deutschland wurde erneut beschlossen. Acht der ältesten Kernkraftwerke sind bereits vom Netz gegangen und bis 2022 sollen allmählich die restlichen nachfolgen. Doch wer glaubt, damit würde Atomenergie aus deutschen Energieleitungen verbannt, der irrt. Denn in unseren Leitungen fließt weiterhin Atomstrom was das Zeug hält.

Seit dem Herunterfahren der Meiler im März dieses Jahres hat sich das Import-Export-Verhältnis auf dem Strommarkt umgekehrt. Die Exporte fuhren entsprechend zurück, dafür hat sich der Stromimport rapide gesteigert. Der Strom kommt jetzt vor allem aus Frankreich und Tschechien – in Form von Atomstrom.

Die Stromexporte von Tschechien nach Deutschland haben sich nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft in diesem Jahr versiebenfacht: 5,6 Milliarden Kilowattstunden flossen zwischen Januar und Juni in deutsche Leitungen. Aus Frankreich wurden 10,4 Milliarden Kilowattstunden importiert, das sind rund 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Dabei handelte es sich größtenteils um Atomstrom.

Da in den kommenden Jahren in Deutschland allmählich immer mehr Kernkraftwerke vom Netz gehen sollen, wittert man in Tschechien gute Geschäfte und plant schon mal den weiteren Ausbau. Derzeit sind dort zwei Atomkraftwerke in Betrieb, die 30 Prozent des Strombedarfs des Landes decken. Bis 2060 ist eine Steigerung auf 60 bis 80 Prozent vorgesehen. Denn das tschechische Energieministerium geht von einem starken Anstieg der Stromnachfrage aus, vor allem durch die Einführung von Elektroautos. Deutschland unterstützt das Vorhaben indirekt, denn für den Strom, den wir beziehen, fließt natürlich Geld – das jenseits der Grenze investiert werden kann, und zwar in neue Atomkraftanlagen. Nun stellt sich die Frage: Was nützt die beste Vorreiterrolle, wenn die Nachbarn fröhlich weiter spalten? Irgendetwas ist da schief gelaufen.

Zwar sollen die neuen Blöcke in Tschechien zur Deckung des Eigenbedarfes dienen, aber es geht ja ums Prinzip. Tschechien ist viel zu nah, als dass man beruhigt die Hände in den Schoß legen könnte und sagen: das betrifft uns nicht. Das Atomkraftwerk Temelin liegt nur 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt; im Übrigen auch nur 50 Kilometer vom Null-Atomenergieland Österreich. Ein Zusammenschluss von Deutschland und Österreich in dieser Sache könnte den eklatanten Atomenergieausbau in Tschechien eventuell stoppen, wenn man nur rigoros genug vorginge. Schließlich könnte man die deutschen Gelder ebenso gut in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren.

Dass auch europäische Atomkraftwerke nicht vor Unfällen gefeit sind, zeigt der jüngste Zwischenfall im französischen Kernkraftwerk Marcoule vom Montag. Infolge einer Explosion besteht die Gefahr, dass radioaktives Material in die Atmosphäre entweicht. In der seit Jahren stillgelegten Anlage wird in einem Forschungsreaktor das hoch gefährliche Uran-Plutonium-Gemisch MOX produziert. Insgesamt 58 Kernkraftwerke sind in Frankreich am Netz, von einem Atomausstieg will man in dem fortschrittlichen Land leider nichts wissen. Also liegt es an Deutschland, das Problem zu lösen. Bleibt zu hoffen, dass dies auch passiert und der Importanteil zurückgefahren werden kann, so dass sich der Atomausstieg nicht als gutgemeinte aber leider fehlgeschlagene Farce entpuppt.

Josephin Lehnert

11 Bemerkungen

  • Dieser Bericht erstaunt mich in keinster Weise! Mit dem Beschluss, eingeleitet durch das dreimonatige Moratorium, die AKW´s dauerhaft vom Netz zu nehmen und aus Deutschland zu verbannen, rieben sich die ausländischen AKW Betreiber / Energiekonzerne die Hände. Für Sie ist diese Entscheidung nichts weiter als ein trefflicher Anlass für klassisches Outsourcing.
    Selbstverständlich stellt die Kernenergie ein Gefahrenpotenzial dar. Doch hätte man die Abschaltung an die Versorgungssicherheit aus erneuerbaren Energien knüpfen sollen. Dies würde verhindern, dass sich eine geografische Verschiebung der Atomstromherstellung einstellt. Die Attraktivität, Kernenergie für die Stromgewinnung zu nutzen, ist nach wie vor gegeben. Nun haben wir auch noch einen zusätzlichen Markt für ausländische AKW´s geschaffen – Klasse gemacht!
    Wer glaubt, dass es in Deutschland mit der Atomenergie – auch nach 2022 – vorbei ist, der kann auch weiterhin Lotto spielen und seinen erwarteten Gewinn schon mal ausgeben. Sorry, das war schon recht zynisch! Deutschland wach auf!

  • Ich kann mich eigentlich recht deutlich an diese Befürchtungen in dieser Richtung erinnern. Sie wurden gleich nach Verkündung des erneuten Atomausstiegs geäußert. Meines Wissens hat sogar Frau Merkel darauf direkt geantwortet, indem sie versicherte, dass auf diesen Umstand natürlich geachtet wird und dass dies nicht zutreffen werden wird.

    Nun soll es doch passiert sein.. nun das ist wirklich das Einzige, was mich nicht wundert. Die Regierung hat anscheinend momentan wirklich Nichts im Griff.

    Hier muss dringend nachgebessert werden. Wir dürfen nicht Marktteilnehmer für andere Staaten darstellen und es schmälert natürlich unsere Glaubwürdigkeit, wenn wir den Atomausstieg beschließen und gleichzeitig den Einkauf steigern.

  • Einen Beschluss zum Ausstieg fassen, ist eine Seite der Medaille. Die eigene Haltung ändern, die andere. Solange wir jeden Tag weiter dem “Schneller, Höher, Weiter” das Wort reden, wird sich an unserem (Konsum)Verhalten nichts ändern.
    Und wenn sich das nicht ändert, wird sich auch sonst nichts ändern. Meine Idee: Wir sollten inne halten, uns zurücklehnen und es mal wieder mit (strategischen) Denken probieren. Wer sind wir? Was wollen wir? Welchen Werten wollen wir folgen? Was für eine Gesellschaft schwebt uns vor? Oder anders: Wir müssen endlich unsere Hausaufgaben machen. Das gilt für Manager, Private und für die Politiker…..!

  • Offenbar ist Strom ein sehr abstraktes Produkt. Stellen wir uns deswegen einen Gemüsehändler vor. Dieser verkauft seine Tomaten für einen Stückpreis von 22 Cent. Er bezieht seine Tomaten von verschiedenen Bauern: Ein Drittel erhält er von einem benachbarten landwirtschaftlichen Großbetrieb, der Tomaten in Treibhäusern züchtet und für ca. 4 Cent pro Stück produziert („Atomtomaten“); ein weiterer Großhändler liefert ebenfalls ein Drittel der Tomaten für ca. 7 Cent („Kohletomaten“); 20% bekommt der Gemüsehändler von verschiedenen kleineren landwirtschaftlichen Betrieben („Gastomaten“) und gut 10% kauft er von Ökobauern für ca. 15 Cent pro Stück ein („Windtomaten“).

    Die wesentlichen Ausgaben des Gemüsehändlers werden durch den (unterbrechungslosen) Transport seiner Tomaten zu Marktständen und Supermärkten bestimmt. Außerdem muss er eine Tomatensteuer abführen, die den Endpreis von 22 Cent erheblich mitbestimmt.

    Eines Tages kann der Großhändler seine Treibhaustomaten für 4 Cent nicht mehr liefern, weil Treibhäuser in Deutschland gesetzlich verboten werden. Die Ökobauern würden gerne mehr Tomaten liefern. Allerdings hat der Gemüsehändler einigen seinen Kunden versprochen, den Stückpreis über mehrere Jahre stabil zu halten.

    Gleichzeitig bieten Gemüsehändler aus dem benachbarten Ausland weiterhin Treibhaus- („Atom-“)tomaten für 4 Cent an. Zwar bevorzugt ein Teil der Kunden ausschließlich Ökotomaten, allerdings kommen für das Gros der Kunden die Tomaten nach wie vor einfach aus dem Supermarktregal (der Steckdose).

    Überrascht dieser Vergleich? Nicht wirklich und man muss sich tatsächlich fragen, wer bei dieser Gesetzesänderung zum Atomausstieg Tomaten auf den Augen hatte.

  • Hallo

    In der Bretagne wohnend, kann ich das nur bestätigen: Die französische Regierung bezeichnet den deutschen Atomausstieg als “emotional und unausgereift”. Die Klimaerwärmung ist für Sarko das einzige globale Problem. Ins gleiche Horn stößt der aktuelle Präsidentschaftsspitzenkandidat der Sozialisten Hollande. Der Wechsel muss wie immer von unten kommen. So kam es vor kurzem auf der größten bretonischen Agrarmesse SPACE fast zum Handgemenge, als verärgerte Bauern sich beim nationalen Netzbetreiber ERDF lautstark über die Diskriminierung der Entwicklung von regenerativen Energien beschwerten. Das gibt selbst in Frankreich Hoffnung.

  • Es ist leider so, dass manche Politikerinnen und Politiker glauben, mit einer Absichtserklärung sei die Absicht auch schon verwirklicht. In der Realität ist – und das sage ich seit Jahrzehnten – der gänzliche Umstieg auf erneuerbare Energien ein Jahrhundertprojekt. Wer das verdrängt, wird zwangsläufig enttäuscht.
    Das Gute an Absichtserklärungen – wenn sie denn dauerhaft politisch verankert werden – ist, dass sie Kontinuität und Planungssicherheit geben. Die Arbeit muss aber erst noch getan werden. Was auch gut ist, denn es schafft Arbeitsplätze.

  • Das wundert mich sehr. Wie geht das zusammen? Bernward Janzing berichtete in einem Artikel vom 02.07.2010, dass der Stromexport in Deutschland im ersten Quartal 2010 auf ein neues Rekordniveau in Höhe von fast 9 Milliarden Kilowattstunden gestiegen war: “Der Exportüberschuss entsprach ziemlich exakt jener Menge, die in der gleichen Zeit in den alten Reaktoren Biblis A und B, Neckarwestheim I, Isar 1, Philippsburg 1 und Grafenrheinfeld erzeugt wurde. Das bedeutet: Deutschland hätte auf acht Atomkraftwerke [inkl. Krümmel und Brunsbüttel] verzichten können – und hätte selbst dann noch eine ausgeglichene Bilanz” (Zitat Janzig).

  • Immerhin exportiert Deutschland auch nach der Abschaltung der 8 AKW immer noch mehr Strom, als importiert wird – allerdings ist der Saldo kleiner geworden, und die Exportländer sind andere als die Importländer. Die Feststellung “Deutschland legt AKW still und importiert dafür Atomstrom aus anderen Ländern” ist also zu einseitig.

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