Reaktorsicherheit in Deutschland – Risikobewertung unvollständig

Radioaktivität

In wenigen Tagen jährt sich das Atomunglück von Fukushima zum ersten mal. Während hierzulande der Atomausstieg besiegelt ist, geht es in anderen Ländern der Welt munter mit dem Bau von Atomkraftwerken (AKW) weiter und auch im benachbarten Ausland hält man an der Risikotechnologie fest. Doch anstatt sich auch im Ausland für den Atomausstieg einzusetzen, hilft die deutsche Regierung lieber fleißig beim Bau – wie etwa beim brasilianischen Angra 3. Noch in diesem Monat soll die Entscheidung über eine Exportbürgschaft von 1,3 Milliarden Euro fallen. Dabei attestiert ein aktuelles Gutachten dem brasilianischen Atomkraftwerk bereits jetzt hohe Sicherheitsrisiken, so hoch, dass das Katastrophenpotential sogar Fukushima übertreffen könnte. Ein Grund mehr, um einmal einen Blick auf die vermeintliche Sicherheit unserer AKWs zu werfen.

Vor allem die Lage des geplanten AKWs in Brasilien ist es, die den Experten arge Kopfschmerzen bereitet. Eingebettet zwischen Steilhängen und Meer stünde der Reaktor einer Umweltkatastrophe schutzlos gegenüber. Da haben es die deutschen Atomkraftwerke deutlich besser getroffen, doch auch von ihnen geht ein gewisses Risiko aus – und das ist deutlich höher, als in Expertenkreisen bislang angenommen.

Wissenschaftler und Atomaufsicht bewerten das Risiko eines nuklearen Unfalls anhand der so genannten Probabilistischen Risiko-Analyse (PRA). Sie bildet die Grundlage für die Risikobewertung deutscher AKWs. Immerhin dürfen Atomkraftwerke hierzulande nur deshalb betrieben werden, weil das Risiko schwerer Atomunfälle für sie anhand dieser Analyse als überaus gering erachtet wird. Doch was ist, wenn die Berechnungen fehlerhaft sind? Genau damit hat sich die aktuelle Studie der Umweltschutzorganisation Greenpeace beschäftigt und ihr erschreckendes Ergebnis in der vergangenen Woche in Berlin vorgestellt.

Demnach fehlen bei der PRA wichtige Faktoren, die bei der Risikobewertung kaum Beachtung finden und atomare Risiken daher systematische unterschätzen. So werden Alterungsvorgänge von AKWs, sowie Mehrfachausfälle von Sicherheitssystemen nur unvollständig berücksichtigt, auch Terroranschläge und menschliches Versagen wird nicht erfasst. Letzteres war immerhin schon mehrfach mitverantwortlich für schwere Reaktorunfälle, etwa in Tschernobyl oder auch in Fukushima. Die Risiken, die die PRA ermitteln, sind alles andere als vollständig und die Gefahr die tatsächlich von der Atomkraft ausgeht deutlich größer – Atomunfälle halten sich nämlich für gewöhnlich nicht an mathematische Berechnungen und Statistiken. Es ist daher nicht tragbar, den Ausstieg aus der Atomenergie im eigenen Land zwar zu besiegeln, in entfernten Gebieten den Bau von Risikoreaktoren aber noch zu unterstützen. Vielmehr muss sich die Bundesregierung auch im Ausland verstärkt für den Atomausstieg einsetzen.

Judith Schomaker

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