Endlager erst in 150 Jahren?

Die Endlagerung des deutschen Atommülls könnte erst 2170 oder später abgeschlossen sein.
Die Suche nach einem geeigneten Endlager für den im Zuge des Atomausstiegs anfallenden Atommüll wird sich wahrscheinlich um Jahrzehnte verzögern. Die Endlagerung selbst könnte sogar erst in rund 150 Jahren abgeschlossen sein. Das teilte die Endlager-Suchkommission des Bundestags gestern mit. Diese enorm lange Dauer bis zur endgültigen Lagerung sei mit erhöhten Risiken und erheblichen Mehrkosten verbunden, warnte der stellvertretende Vorsitzende der Suchkommission Michael Sailer.

Laut des Berichts, den Sailer der Endlager-Kommission am Montagnachmittag vorstellte, rechnet die Suchkommission nicht vor 2045 bis 2050 mit der Inbetriebnahme des Endlagers. Das Ende der Einlagerung sei sogar erst frühstens zwischen 2075 und 2130 realistisch. Das Endziel, die hochradioaktiven Abfälle sicher und wartungsfrei im Bergwerk einzuschließen, sei erst zwischen 2095 und 2170 oder sogar später erreichbar – also in mehr als 150 Jahren.

 

Diese extrem lange Zeitspanne berge enorme Risiken, sagte Sailer. „Ohne zügige Abwicklung der Endlagersuche könnte Atommüll in einigen Zwischenlagern bis nach 2100 bleiben“ Dort können die Radioaktivität vergleichsweise leicht freigesetzt werden, beispielsweise durch Kriege oder Terrorismus.

Auch sei bei der Suche nach einem geeigneten Endlager zu beachten, dass die Technologie sich weiterentwickeln werde. So sei zu erwarten, dass die künftigen Generationen über „ein paar Techniken mehr verfügen werden als wir heute 2015″. Man dürfe daher „heute nichts machen, mit dem wir solche Techniken später verunmöglichen“.

Daher empfiehlt die Arbeitsgruppe, den Prozess der Endlagersuche reversibel zu gestalten. So solle eine Verpflichtung zur Sicherstellung der Rückholbarkeit und Bergbarkeit der Abfälle in die weitere Diskussion mit aufgenommen werden, heißt es in dem Bericht. „Wenn die mittel- oder langfristige Sicherheit des Endlagers in Frage gestellt wird oder es in 80 oder 200 Jahren ein anderes Verfahren geben sollte, das viel besser ist, dann müssen die späteren Verantwortlichen sich umentscheiden können“, betonte Sailer.

Die Endlager-Suchkommission geht davon aus, dass durch die jahrzehntelangen Verzögerungen deutliche Mehrkosten für die Endlagerung auf den Bundeshaushalt zukommen werden. Der Vorsitzende der Suchkommission, Michael Müller (SPD), sagte der „Frankfurter Rundschau“, die Bundesregierung müsse im Zuge des Atomausstiegs damit rechnen, dass die Ausgaben in den nächsten Jahrzehnten um 50-70 Milliarden Euro steigen werden.

„Den Staat erwarten erhebliche finanzielle Risiken“, warnte Müller. Denn die bisherigen Rückstellungen für den Atomausstieg der betreffenden deutschen Energiekonzerne E.on, RWE, EnBW und Vattenfall liegen bei rund 36 Milliarden Euro. Das werde voraussichtlich nicht reichen, um alle Kosten für den Abriss der Atommeiler und die Zwischen- bzw. Endlagerung der radioaktiven Materialien zu decken. Ein von der Bundesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem gleichen Ergebnis und sieht aufgrund der Mehrkosten auch eine Gefahr für den Steuerzahler.

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Die Gutachter empfehlen daher einen öffentlichen Fonds, in den ein Teil oder die gesamten Rückstellungen fließen sollten. Das Bundeswirtschaftsministerium gab außerdem bekannt, am Ende des Jahres prüfen zu wollen, ob die betreffenden Energiekonzerne in ihren Jahresbilanzen ausreichend Rückstellungen aufgeführt hätten. Damit soll vermieden werden, dass die deutschen Steuerzahler am Ende selbst den Großteil der Kosten des Atomausstiegs tragen müssen.

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