Großbritannien auf Atomkurs

Atomkraftwerk im County Somerset

Großbritannien fürchtet sich vor einer Energiekrise. Nach Angaben der Energiebehörde Ofgem droht in den nächsten Jahren ein Energieengpass, wenn nicht in den Ausbau neuer Energieanlagen investiert wird. Daran schuld sei die baldige Schließung von Kohlekraftwerken.

Interessanterweise hat sich die britische Regierung zur Lösung aller Probleme sowohl das Fracking zur Erdgasförderung als auch die Kernenergie ausgesucht. Bis zum Jahr 2020 könnte sich die generierte Leistung von Gas auf 60 oder 70 Prozent erhöhen.

Zudem sind im Vereinigten Königreich bis 2030 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 16 Gigawatt geplant. Kein Wunder also, dass der Inselstaat seine ‚2020 European renewables targets‚ vermutlich verfehlen wird.

Nach zeitlichen Verzögerungen und steigenden Kosten lockt die Regierung seit Ende Juni mit einer staatlichen Finanzspritze für die Kernenergie von über elf Milliarden Euro. Der Energieminister betont, dass es sich dabei um einen Kredit und keine Subvention handeln würde.

Von der Anleihegarantie profitieren wird aber nur die Errichtung eines Atomkraftwerks, oder besser gesagt, sein Erbauer: Das französische Unternehmen EdF.

Verhandlungen zwischen britischer Regierung und Energie de France

Die britische Regierung machte EdF Ende März dieses Jahres zum Partner des 16,5 Milliarden Euro schweren Projektes. Doch auch wenn der französische Konzern das Gelände im Südwesten Englands schon für den Bau vorbereitet: Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Denn EdF verlangt einen Garantiepreis für den bereitgestellten Strom – und zwar für 40 Jahre. Rund elf Cent pro Kilowattstunde soll der Atomstrom einbringen. Das ist doppelt so viel wie der aktuelle Strommarktpreis im Vereinigten Königreich. Die Regierung pocht daher auf 9,34 Cent pro Kilowattstunde. Angeblich soll ein Preis unter zehn Cent für das französische Unternehmen aber zu Verlusten führen. In jedem Fall werden die Verbraucher die Differenz zahlen müssen. Frühestens im September dieses Jahres ist mit einer Entscheidung zu rechnen.

Hinkley Point C1 und C2 – so sollen die beiden Reaktoren heißen, die sich in das bereits bestehende Atomkraftwerk im County Somerset einreihen werden. Rund 2.300 Megawatt können sie voraussichtlich an Leistung generieren. Bis die Energie in den Haushalten ankommt, wird aber noch viel Zeit verstreichen. Denn der Bau dieses Kraftwerkes nimmt rund zehn Jahre in Anspruch. Tritt der Energieengpass wirklich ein, kann demnach noch nicht mit der zusätzlichen Kernenergie gerechnet werden.

Endlager und Altlasten der Atomkraftwerke

Die meisten alten Kernkraftwerke Großbritanniens werden im Jahr 2023 abgeschaltet. Zwei Anlagen, die radioaktiven Müll wieder aufbereiten, schließen 2018. Zudem wird nach einer neuen Lagerstätte gesucht. In Drigg bei Sellafield steht das bisher einzige richtige Lager für gering radioaktiven Abfall. Ansonsten gibt es noch eine Lagerstätte in Bradwell in einem Atomkraftwerk, das 2002 abgeschaltet wurde. Die Regierung versprach, erst den Ort für die Lagerung festzulegen, bevor eine neue Anlage gebaut wird. Wie auch hierzulande, haben die Briten zudem mit dem Rückbau abgeschalteter Reaktoren zu kämpfen: Das Prozedere wird teurer als erwartet.

Seit 20 Jahren wird in Großbritannien zum ersten Mal wieder eine neue Kernkraftanlage errichtet. Doch entsteht der Eindruck, dass das Projekt auf Biegen und Brechen durchgezogen wird. Dabei sollte der Einspeisetarif für Technologien angewendet werden, die sich durch zukünftige Verbesserungen finanziell einmal selbst tragen können und die Umwelt weniger belasten. Das wird bei der Atomkraft sicher nicht der Fall sein.

Jenny Lohse

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