Pödelwitzer räumen das Feld

Schaufelradbagger

Die Mibrag hat wieder zugeschlagen. Erneut muss eine Ortschaft im Südraum von Leipzig den Kohlebaggern weichen. Am Freitag unterzeichneten die Stadt Grotzsch und der Braunkohleförderer Mibrag einen entsprechenden Vertrag. Die 130 Einwohner des Dorfes Pödelwitz müssen bis 2018 ihre Heimat räumen und in die Stadt ziehen. Sie machen Platz für den sich ausweitenden Tagebau Vereinigtes Schleenhain und um die geschätzt 34 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern, die unter Pödelwitz liegen.

„Pödelwitzer wollen mehrheitlich umziehen“ heißt es auf der Website der Mibrag. Mit dem Grundlagenvertrag und dem Nachbarschaftsvertrag würden die von der Mehrheit der Podelwitzer „gewünschte, freiwillige Umsiedlung geschaffen“. Von „Wollen“ und „freiwillig“ kann in diesem Fall indes wohl kaum die Rede sein.

Zum einen: wer lebt schon gern inmitten einer tristen Mondlandschaft, umgeben von nichts als Tagebauflächen und Schaufelrädern. Zum anderen: welche Alternative hätten die Pödelwitzer denn? Im nächsten Schritt hätte den Einwohnern ein Grundabtretungsverfahren gedroht. Den Krieg David gegen Goliath haben die Pödelwitzer freiwillig aufgegeben – aus Umsicht, Weitsicht, warum auch immer. Was sich die Mibrag nun stolz auf die Fahne zu schreiben scheint.

Doch längst nicht alle verlassen ihre Heimat so freiwillig, wie es die Mibrag kolportiert. Die meisten geben am Ende dem Druck nach, sie gehen, weil sie sich wegen der zu erwartenden Belastung dazu gezwungen sehen, woanders neu anzufangen. Entweder alle gehen oder keiner wird entschädigt, so hieß es von Seiten der Mibrag. Dann werde der Ort eine Insel mitten im Tagebau. Eine Feststellung oder eine Drohung? Viele sehen nicht ein, dass Heimat nicht mehr wert sein soll, als ein paar Tausend Euro. Einige sind entschlossen, so lange wie möglich auszuharren.

Rund 10.000 Einwohner von Zwangsumsiedlung und Abbaggerung betroffen und bedroht

Pödelwitz ist die vierte Ortschaft, die sich den Plänen der Mibrag unterordnen muss: Vor drei Jahren mussten 312 Einwohner ihre Heimat Heuersdorf bei Leipzig verlassen. 1998 traf es 850 Einwohner in Großgrimma und bereits 1994 fanden 40 Schwerzauer in Draschwitz, Sachsen-Anhalt, ein neues Zuhause. In der Vergangenheit sind in West- und Ostdeutschland rund 150 Dörfer der Braunkohle zum Opfer gefallen. Derzeit sind etwa 30 Dörfer mit zusammen 10.000 Einwohnern von Zwangsumsiedlung und Abbaggerung betroffen und bedroht.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich äußerte sich auf dem Braunkohlegipfel Ende Februar in Leuna folgendermaßen: „Sachsen verfolgt eine langfristig angelegte, kontinuierliche und verlässliche Energiepolitik. Für die sichere und bezahlbare Energieversorgung ist die weitere Braunkohlenutzung in Sachsen mittel- bis langfristig unverzichtbar“. Eine folgenreiche Aussage. Die Braunkohleförderung verwüstet wertvollen Naturraum, die Verbrennung von Braunkohle in Energie setzt große Mengen Kohlendioxid frei und was übrig bleib, nachdem die Bagger abgezogen sind, ist eine verkraterte Ödlandschaft, Restlöcher, die künstlich mit Wasser verfüllt werden, unfruchtbare Böden.

Bei der jetzigen Fördermenge würde die Braunkohle in Sachsen noch gut 300 Jahre reichen. Das mag sein. Ungeklärt ist, was mit dem anfallenden Kohlendioxid geschehen soll. Tillich wirbt für CCS, obgleich unklar ist, ob es überhaupt geeignete Lagerstätten gibt. Währenddessen bleibt den Pödelwitzern nichts anderes übrig, als ihre Koffer zu packen. Die Mibrag hat es wieder einmal geschafft.

Josephin Lehnert

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