Erstes Stadtwerk in Indien für Öko-Campus

Gandhigram Rural Institute (GRI).
Gandhigram Rural Institute (GRI). Bild: Peter Breuning

Ein Stadtwerk nach deutschem Vorbild soll in Indien aufgebaut werden. Es soll die erneuerbare Energieversorgung und den ökologischen Umbau für das renommierte Gandhigram Rural Institut vorantreiben und managen.

Das Gandhigram Rural Institute (GRI) im Süden Indiens gilt als Elitecampus. Leben und Lernen gestalten sich für die rund 3.000 Studierenden und 1.000 Mitarbeitenden gleichwohl beschwerlich. Immer wieder kommt es zu Ausfällen der Strom- und Wasserversorgung, die Trinkwassergewinnung kollidiert mit der Abwasserentsorgung. Ein Stadtwerk nach deutschem Vorbild und eine komplett neue Infrastruktur soll die Situation auf dem Campus verbessern. Federführend gesteuert wird das Projekt von den Stadtwerken Schwäbisch Hall. Die Machbarkeitsstudie über die Selbstversorgung des Campus mit Hilfe erneuerbarer Energien liegt vor.

Partner der Stadtwerke Schwäbisch Hall ist die Iplon India, von der auch die Projektidee stammt. Das Unternehmen hat seinen Firmensitz in Chennai in Indien. Bereits 2016 unterzeichneten die GRI-Leitung und Iplon eine Absichtserklärung, in Gandhigram ein Stadtwerk mit den Sparten Strom, Biogas, Wasser, Abwasser und Mobilität aufzubauen. Unterstützung gewährt zudem die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG).

Das Campus-Areal des GRI erstreckt sich über rund 8 Quadratkilometer und liegt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Dort scheint die Sonne im Jahr durchschnittlich ca. 2.700 Stunden lang. Der Stromleistungsbedarf der Lehreinrichtungen und Studentenunterkünfte des GRI liegt in der Spitze bei etwa 1 MW. Der Campus stellt ein geschlossenes System der Strom- und Wasserversorgung dar, wie es in Indien ca. 1.000 weitere gibt. Stromseitig ist das GRI mit dem Netz des regionalen staatlichen Stromversorgers verbunden. Täglich wiederholt auftretende Unterbrechungen der Stromversorgung durch Netzüberlastung stören den Campusbetrieb und erschweren die Kühlung von Nahrungsmitteln.

Die Wasserversorgung des GRI basiert auf Tiefbrunnen, die aufgrund des Klimawandels keine Versorgungssicherheit mehr bieten. Dies beeinträchtigt u.a. auch die Pflege der Grünflächen sowie den Obst- und Gemüseanbau auf dem Campus. Das aus den Tiefbrunnen gewonnene Wasser hat keine Trinkwasserqualität. Auch die Abwasserentsorgung entspricht nicht modernen Hygienestandards, da keine Kläranlage existiert. Die Abwässer versickern in der Nähe der Tiefbrunnen, wo das Nutzwasser gewonnen wird.

Der Modernisierungsplan beinhaltet die Installation von Photovoltaik (PV)-, Wind- und Biogasanlagen sowie den Aufbau einer verlässlichen Wasserversorgung. Daneben sollen ein Glasfasernetz mit 2 GB Übertragungsleistung und freiem WLAN-Zugang sowie eine Satellitenrundfunk-Empfangsanlage für über 200 Fernsehprogramme eingerichtet werden. Alle Leitungen sollen unterirdisch verlegt werden.

Auf dem Gelände sollen 25 Gebäude mit Dach-PV-Anlagen ausgestattet werden. Die Biogasanlagen könnten mit den Abfällen des Campus, aber auch mit Abfallprodukten regionaler Landwirte betrieben werden und zur Energiegewinnung per Kraft-Wärme-Kopplung beitragen. Außerdem ist eine thermische Vorrichtung in Planung, die Abfallwärme nutzt und sie in kühle Luft zur Klimatisierung der Gebäude umwandelt. Generell ist ein Neubau des gesamten Kälte- und Wärmenetzes sowie des Mittel- und Niederspannungsnetzes vorgesehen. Daneben wird es vier Wärmespeicher geben, die bei Stromüberschuss über einen elektrischen Heizstab versorgt werden.

Sauberes Wasser soll künftig durch die Integration einer modernen Kläranlage zur Verfügung stehen. Um die Versorgung sicherzustellen, wird ein vier Meter tiefer See angelegt, worin Regenwasser gesammelt werden soll. Das Fassungsvermögen von 160 Mio. Liter auf einer Fläche von 14.000 Qudratmeter soll den Bedarf von bis zu 400 Tagen decken können. Um eine Eutrophierung des Wassers zu verhindern, wird Sauerstoff zugesetzt. Rund um den See soll ein Vorfluter installiert werden, der hilft, Überschwemmungen zu vermeiden, indem er den Überlauf des Sees auffängt. Ansonsten wird er durch die Tiefbrunnen und bei Monsun über einen kleinen Fluss gefüllt, der im Osten die Campus-Grenze markiert.

Ferner ist geplant, den entstehenden See als Naherholungsgebiet und Freizeitzentrum für die Studierenden zu gestalten und dort drei Ferienwohnungen zu bauen. Nach der Reinigung des Seewassers durch eine Wasseraufbereitungsanlage ist es separat für die allgemeine Wassernutzung und die Toiletten vorgesehen. Das Abwasser der Toiletten wird gereinigt, bevor es zu den allgemeinen Abwässern geleitet wird. Diese werden in Wasserzisternen, sogenannten Green-Water-Storages, zusammen mit Regenwasser gesammelt und ggf. mit Wasser aus dem Vorfluter vermischt. Auf dem ganzen Gelände soll eine Leitung verlegt werden, an der in Abständen von 30 Metern Zapfstellen zur Bewässerung der Pflanzen mit dem Zisternenwasser vorgesehen werden. Zusätzlich wird ein Wasserhochbehälter errichtet. Des Weiteren ist die Errichtung eines Verwaltungsgebäudes notwendig. Zu den verschiedenen Technologien werden die Studierenden der Fakultät für Erneuerbare Energien Schulungen von Iplon erhalten.

Alle Verbrennungsmotoren sollen vom Gelände verbannt und durch Elektroantriebe ersetzt werden, die mit selbst produziertem Strom betrieben werden. Für die E-Fahrzeuge werden Parkplätze mit Ladestationen gebaut. Eine neue GRI-App ist für die Buchung und Abrechnung der Fahrzeugnutzung vorgesehen. Zusätzlich werden alle Gebäude mit einem Smart Meter, also einem intelligenten Zähler, ausgestattet. Die Nutzer werden sich Strom, Gas, Wärme, Kälte, Internet und Fernsehempfang ebenfalls über die App bestellen. Diese Maßnahmen tragen dazu dabei, ein Bewusstsein für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Ressourcennutzung zu schaffen. Willkommener Nebeneffet: Durch die Umsetzung des Projekts entstehen Arbeitsplätze in der Region.

Die Feinplanung des Projekts wurde Ende Dezember 2017 abgeschlossen. Bereits seit Ende Oktober 2017 sind vier Trafostationen und der Wasserhochbehälter in Gandhigram an das Netzführungssystem der Stadtwerke Schwäbisch Hall angeschlossen, sodass der Gesamtbezug von Wasser und Strom jederzeit online einsehbar ist und Lastgangprofile erstellt werden können.

Nun werden aktive Mitstreiter gesucht: Geldgeber und Techniklieferanten, die Interesse an einem spannenden und potentiell zukunftsweisenden Pilotprojekt haben. Indien ist ein gigantischer und noch weitgehend unerschlossener Markt für smarte, ökologische Ver- und Entsorgungslösungen. Im Gegenzug werden Investoren an den neu entstehenden Stadtwerken Gandhigram beteiligt. Offizieller Auftakt des Projektes ist eine Konferenz am 12. Juli 2018 bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall. Dort werden die Verantwortlichen das Projekt und Möglichkeiten der Teilnahme im Detail vorstellen.

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