Younicos: 100 Prozent Erneuerbare!

Foto: Younicos AG

Philip Hiersemenzel, Pressesprecher der Younicos AG, im Expertengespräch mit dem CleanEnergy Project. Unsere Gesprächsthemen im ersten Teil des Interviews: der technisch mögliche Anteil der erneuerbaren Energie im Strommix, Europas Stromnetz und dezentral verteilte Energiespeicher.

Die Younicos AG verfolgt ein klares Ziel: Energie muss zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt werden und CO2-frei sein. Das Berliner Unternehmen entwickelt Netzlösungen und Speichersysteme. Insbesondere zuverlässige Speichersysteme sind notwendig, um den Umstieg auf erneuerbare Energieträger zu bewältigen. Younicos baut auf der Azoreninsel Graciosa ein stabiles und autarkes Stromnetz auf, in welchem der Anteil der Erneuerbaren am Strommix 75 Prozent beträgt. Das neue System ist über 20 Jahre hinweg betrachtet günstiger als die bestehende Stromversorgung mittels Dieselgeneratoren. Der reduzierte CO2-Ausstoß ist dabei ein kostenloser Bonus.

Herr Hiersemenzel, beinahe schon gebetsmühlenartig wiederholen Medien und Politiker, dass der Anteil der erneuerbaren Energie im Strommix nicht über 30 Prozent erhöht werden kann. Stimmt das wirklich?

Na ja, wir haben den Eindruck, dass das relativ vielen Politikern, aber sogar machen Branchenkennern, bis vor Kurzem noch gar nicht so klar war. Auch heute denken ja viele noch, es würde reichen, einfach mehr Erzeugungskapazität für Erneuerbare zu schaffen und diese dann durch Netzausbau einfach besser zu verteilen.

Es ist leider eine physikalische Tatsache, dass wir im heutigen Stromnetz auf zentrale Großkraftwerke angewiesen sind, die mit ihrer rotierenden Masse die Netze stabil halten. Meist sind das Kohlekraftwerke, die dem Strom aus fluktuierenden erneuerbaren Quellen, wie etwa aus dem Wind oder aus der Sonne, den Takt vorgeben. Überschreitet der Strom aus Erneuerbaren eine gewisse Grenze – eben maximal 30 Prozent – geht das stetige „Gebrumme“ der zentralen Kraftwerke im fröhlichen „Gezwitscher“ der Erneuerbaren unter.

Dabei ist es heute aber nicht mehr zwingend, die Netze nur durch schiere Masse stabil zu halten: Mit einer Kombination aus Speichern und intelligenter Regeltechnik kann man die Netze eben auch per Software stabil halten. Dass das geht, haben wir in unserem Inselteststand gezeigt.

Eine dezentrale Energieerzeugung und eine zuverlässige Speicherung der Energie sind also unumgänglich. Wie geht Younicos an diese Aufgabenstellung heran?

Wenn man es mit den Erneuerbaren ernst meint, müssen wir unsere Netze darauf ausrichten. Das derzeitige zentrale System ist ja nicht gottgegeben, es ist menschengemacht. Als die Grundlage für unsere heutigen Netze geschaffen wurde, gab es eben fast nur Kohlekraftwerke. Damals war es sinnvoll, diese möglichst groß zu machen.

In einer erneuerbaren Energiewelt wird der größte Teil des Stroms dezentral erzeugt werden. Der sollte auch möglichst da verbraucht werden, wo er produziert wird. Für Privathaushalte etwa ist es durchaus sinnvoll und möglich, bis zu 80 Prozent ihres Stroms selbst zu erzeugen. Das rechnet sich auch volkswirtschaftlich, weil ja gleichzeitig die Netze enorm entlastet werden. Bereits heute gehen 20 Prozent der EEG-Wälzungssumme an die Netzbetreiber.

Auch im Megawatt-Bereich können dezentral verteilte Speicher, etwa schon heute industriell verfügbare, extrem langlebige Natrium-Schwefel-Batterien, die Netze signifikant entlasten und mehr „Platz“ für erneuerbare Energien schaffen. Zudem ist weniger Netzausbau nötig, weil „überschüssiger“ erneuerbarer Strom nicht sofort in die Netze muss, sondern zwischengelagert werden kann, bis er benötigt wird. Wir setzen deshalb auf Speicher in allen Größenklassen, von einigen Kilowattstunden bis weit in den Megawattstundenbereich, und auf allen Spannungsebenen.

Sie haben in den vergangenen Jahren 27 Speichertechnologien auf ihre Tauglichkeit für diesen Zweck hin untersucht. Warum hat das eigentlich niemand vor Ihnen getan?

Ich glaube, bis vor Kurzem hat einfach niemand darüber nachgedacht, wie man möglichst schnell möglichst viel erneuerbare Energien in unsere Netze bringt. Die 30-Prozent-Schwelle war wohl in vielen Köpfen einfach zu weit weg. Die einen haben sich mehr darum gekümmert, die Kapazität der Erneuerbaren auszubauen. Andere haben an Lösungen geforscht, die in zehn, 20 oder sogar erst 30 Jahren seriell verfügbar und einsetzbar sein werden. Wieder andere haben sich mit Speichern im Hinblick auf Elektronik oder Mobilität beschäftigt.

Jedenfalls waren wir ziemlich allein, als das Team von Younicos 2006 angefangen hat zu überlegen, welche Speichertechniken denn bereits heute einsetzbar und industriell verfügbar sind oder zumindest kurz vor der Serienreife stehen. Auch heute kenne ich keine Firma außer uns, die sich darauf konzentriert, einfach die derzeit beste verfügbare Technologie einzusetzen, um mehr Erneuerbare zu nutzen. Dabei wenden wir uns sowohl an industrielle als auch an private Kunden.

Wie lautet die Quintessenz dieser Forschungsarbeit?

Im Augenblick halten wir elektrochemische Speicher, also Batterien, für die beste Lösung. Die Kapazität für Pumpspeicher ist in Deutschland im Wesentlichen ausgereizt. Dort, wo man die natürlichen Bedingungen findet, die man braucht, um effektiv Pumpspeicherkraftwerke zu betreiben, ist es sinnvoll, auf Pumpspeicher zu setzen. Meist aber geht das eben nicht. Andere Speichertechniken sind vielversprechend, werden aber noch lange nicht seriell verfügbar sein.

Deswegen setzen wir derzeit auf drei unterschiedliche Batterietechnologien: Lithium-Titanat für den Privatbereich bis zu einigen Kilowattstunden, Vanadium-Redox-Flow im Bereich von bis zu 200 Kilowatt und 400 Kilowattstunden für Mehrfamilienhäuser, große Bauernhöfe oder auch Solartankstellen und Natrium-Schwefel im Megawattstundenbereich für die Energieversorgung von mindestens einigen Tausend Menschen.

Alle sind sehr langlebig und verlässlich, denn wir müssen und wollen auf unsere Produkte 15 oder sogar 20 Jahre Garantie geben. Dabei ist wichtig: Es gibt keine perfekte Technologie. Jede Technologie hat Vor- und Nachteile. Es kommt immer darauf an, wie man sie einsetzt.

Im zweiten Teil des Expertengesprächs lernen Sie die größte Herausforderung einer stabilen Elektrizitätsversorgung kennen. Weiters erfahren Sie mehr über die drei Speichertechnologien Lithium-Titanat, Vanadium-Redox-Flow und Natrium-Schwefel.

Joachim Kern

Add comment