„Vergeude keine Energie, verwerte sie“

Am 15. Oktober 2010 verlor die deutsche Umweltpolitik einen Ihrer bedeutendsten Wegweiser. Hermann Scheer, Mitglied des Bundesvorstandes der SPD und Verfechter der Solarenergie, starb im Alter von 66 Jahren. Erst im September 2010 veröffentlichte Scheer sein letztes Buch „Der energethische Imperativ – 100 % jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“. In seinen Werk beschreibt der „Solarpapst“, wie Scheer auf der ganzen Welt genannt wurde, eindrücklich, dass ein rascher Ausbau der erneuerbaren Energien alles andere als eine Utopie ist.

Den Begriff des „energethischen Imperativs“ übernahm Scheer aus dem gleichnamigen Buch von Wilhelm Ostwald, der bereits 1912 gegen die Vergeudung fossiler Energien und für die Verwertung der regelmäßigen Energiezufuhr durch Sonnenstrahlung plädiert hatte.

In seiner Neufassung liefert Hermann Scheer eine fundierte Bestandsaufnahme der Energielandschaft in Deutschland. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass allein im Jahr 2009 deutschlandweit Privat-Familien mehr in die Solarstromerzeugung investiert haben als die vier Stromriesen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall zusammen.

Anhand einer stichhaltigen Argumentationsführung beschreibt der ehemalige Präsident der gemeinnützigen Vereinigung für Erneuerbare Energien, „Eurosolar“, warum der Energiewandel nicht von den großen Energiekonzernen abhängig gemacht werden kann und warum Großprojekte wie Desertec und Seatec als „pseudoprogressive Bremse“ fungieren. Stattdessen spricht sich Scheer für dezentrale Kleinanlagen aus, die, so der Autor „am schnellsten und sehr breit – weil unabhängig nutzbar – realisiert werden können und daher für den kulturellen Wandel der Energieversorgung stehen“.

Auch an der derzeit insbesondere von der Kohlelobby hoch gepriesenen CCS-Technologie lässt Scheer kein gutes Haar und wirft der EU-Kommission vor, dass sie „für diese Technologie mehr Investitionshilfen bereitstellt als für die direkte Investitionsförderung in erneuerbare Energien“. Dabei sei, so Scheer, die CCS-Option auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten mehr als fragwürdig. Denn mit der energieaufwendigen CO2-Abscheidung verringere sich der Wirkungsgrad eines Kohlekraftwerks von aktuell 45 Prozent auf 35 Prozent.

„Der energethische Imperativ“ besticht durch Hermann Scheers beachtliches Insiderwissen und die  außergewöhnliche Bestimmtheit, mit der er für den nachhaltigen Ausbau der regenerativen Energien kämpft. Erschienen ist das Werk im Verlag Antje Kunstmann und ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

Corinna Lang

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