Unterstützung bei der Lobbyschlacht um die Energiewende

Wir sprachen mit dem Geschäftsführer der 100 prozent erneuerbar stiftung, Dr. René Mono, über „Prosuming“, Hürden für die Bürgerenergiewende in Deutschland und die neue Initiative „Bündnis für Bürgerenergie“. 

Warum ist die Initiative von Bürgern Ihrer Ansicht nach wichtig für die Energiewende?

Die direkte Beteiligung von Bürgern stellt Akzeptanz sicher – für die Energiewende als Ganzes, aber auch für einzelne Projekte. Aus der Forschung wissen wir, dass Akzeptanz dann entsteht, wenn die Betroffenen den Sinn einer Maßnahme erkennen und das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht. Dabei geht es um einen fairen Entscheidungsprozess und eine angemessene Kosten-Nutzen-Verteilung.

Wie können sich Bürger für die Energiewende engagieren?

Es gibt drei Möglichkeiten, wie Bürger sich an der Energiewende beteiligen können: Die erste besteht in einer prozessualen Beteiligung – das heißt, Bürger können mit entscheiden, ob und wenn ja, wo und wie Energieerzeugungsanlagen gebaut werden. Zweitens sollten Bürger die Option haben, sich finanziell an Projekten zu beteiligen, weil dadurch die distributive Gerechtigkeit gefördert wird – Bürger profitieren direkt wirtschaftlich von Energiewende-Projekten. Drittens wird es immer wichtiger für die Bürger, einen solchen, ihr Leben direkt betreffenden politischen und wirtschaftlichen Prozess wie die Energiewende aktiv mitgestalten zu können. Die Menschen wollen über essenziell lebensnotwendige Bereiche wie die Stromerzeugung selbst bestimmen.

Es zeigt sich in vielen Studien, dass der regionale Fokus die zentrale Motivation für viele Akteure ist, Zeit und Geld in Erneuerbare Energien-Projekte zu stecken. Die Menschen wollen ihre Region aufwerten, die lokale Wirtschaft stärken, sich vor Ort für Klimaschutz einsetzen und unabhängig von den Preisentwicklungen in zentralen Märkten wie Strom, Wärme und zukünftig auch Mobilität werden.

„Prosuming“ heißt hier ein Schlagwort, das bedeutet man erzeugt den Strom, den man gemeinschaftlich verbraucht, auch gemeinschaftlich vor Ort. Dieser ist unter den aktuellen Bedingungen bereits günstiger als jener, der aus der Steckdose kommt. Das liegt daran, dass er von der EEG-Umlage und auch von der Stromsteuer befreit ist, sofern gewisse Kriterien erfüllt sind.

Welche Hürden stehen dem Engagement von Bürgern für die Energiewende entgegen?

Die wesentliche Hürde besteht darin, dass das Stromsystem vor allem auf eine zentrale Verwertung auch des erneuerbar erzeugten Stroms ausgerichtet ist. Die eben angesprochenen „Prosuming“-Konzepte gibt es bisher nur in kleinskaligem Maßstab. Sie können nur dann wirtschaftlich umgesetzt werden, wenn der Strom nicht durch ein öffentliches Netz geleitet wird und wenn der Verbrauch innerhalb eines Umkreises von 4,5 Kilometern stattfindet. Insbesondere das zweite, gesetzlich festgelegte Kriterium ist sehr willkürlich gesetzt. Perspektivisch werden die Hürden nun noch höher werden, weil die Koalitionsparteien sich vorgenommen haben, den Eigenverbrauch stärker zur Finanzierung der Energiewende heranzuziehen. Die EEG-Umlage soll neu berechnet und künftig auch auf die bisher nach den zuvor genannten Kriterien befreiten „Prosuming“ -Anlagen ausgeweitet werden.

Weiterhin sieht der Koalitionsvertrag eine verpflichtende Direktvermarktung vor. Es soll also zukünftig nicht mehr die garantierte Einspeisevergütung über 20 Jahre gezahlt werden. Stattdessen sollen Stromerzeuger ihren Strom selbst vermarkten. Zwar erhalten sie eine Prämie, da absehbar ist, dass der Börsenstrompreis nicht ausreichen wird, um die Erzeugungskosten zu decken – das gilt für erneuerbare wie für konventionell erzeugte Elektrizität. Allerdings bleibt dennoch ein Erlösrisiko. Dieses halten große, professionell geführte Unternehmen natürlich sehr viel besser aus als Bürgerenergieprojekte. Letztere haben weniger gute Finanzbedingungen, da die Banken, die ihnen Kredite geben, sie anhalten, keine großen Risiken einzugehen. Aus diesem Grund erschwert die Pflicht zur Direktvermarktung die Situation von Bürgerenergieprojekten im Vergleich zu großen Stromproduzenten.

Die 100 prozent erneuerbar stiftung hat gemeinsam mit weiteren Akteuren das „Bündnis für Bürgerenergie‟ gegründet. Wie kann diese Initiative engagierte Bürger dabei unterstützen, die Energiewende voranzutreiben?

Das Bündnis soll zwei Funktionen erfüllen. Zunächst einmal soll es die Vernetzung unter den Akteuren fördern und damit Informations- und Erfahrungsaustausch, denn das passiert bisher nur am Rande und zufällig. Die zweite Funktion besteht darin, dass wir die Interessen derjenigen, die in Bürgerenergieprojekten investieren, gegenüber der Politik vertreten. Denn es findet eine Lobbyschlacht um die Energiewende statt, aber ausgerechnet diejenigen, die sich am meisten, auch finanziell, für das Vorankommen einsetzen – die Bürger – haben keine Interessensvertretung.

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