Keine Transparenz im Energiekostendschungel

Wann ist die Energiewende eigentlich zum schwarzen Peter der Nation geworden? Eigentlich waren wir uns doch alle einig: Nein zum Atomstrom und Reduzieren der CO2-Werte laut Kyoto-Protokoll und darauf folgenden Klimaabkommen. Aber dann kam die mediale und politische Entrüstung über steigende Kosten – und schuld sind stets die erneuerbaren Energien.

Aber über welche Kosten wird hier eigentlich diskutiert? Wer genau erhält die Milliarden an Fördermitteln? Wie entwickeln sich die Strompreise für Industrie und Verbraucher und wie die Kosten der Stromerzeugung? Gibt es eigentlich noch jemand, der sich im Dschungel der Aussagen aus Politik und Wirtschaft auskennt?

Das CleanEnergy Project hat rund 50.000 Mitglieder, die sich – entweder aus beruflichen Gründen oder aus privatem Interesse – mit Themen rund um Energie und Nachhaltigkeit beschäftigen. Deren Wissensstand zum Thema Energiekosten sollte also erwartungsgemäß etwas höher sein als der des Durchschnittsbürgers. Über 500 Mitglieder nahmen sich die Zeit, sieben Fragen rund um die „Kosten der Energiewende“ zu beantworten und ihre Einschätzungen abzugeben. Zusätzlich haben Markt- und Wirtschaftsexperten zu den angesprochenen Themen Stellung genommen.

Hohe Subventionen für Erneuerbare Energie?

Die erste Frage lautete: In welcher Höhe schätzen Sie, wurden erneuerbare Energien 2012 weltweit subventioniert? Jeweils mehr als ein Drittel der Teilnehmer schätzten die Höhe der Subventionen auf 45, 75 oder 150 Milliarden Euro. Bei der Gegenfrage nach der Höhe der Subventionen fossiler Energien lag die Einschätzung von 45 Prozent der Teilnehmer bei 400 Milliarden Euro, 32 Prozent hatten von 300 Milliarden und 15 Prozent von 150 Milliarden Euro gehört.

Laut Angaben des World Energy Outlook 2013 der Internationalen Energieagentur (IEA) erreichten die Subventionen für fossile im Jahr 2012 Energien circa 400 Milliarden Euro gegenüber rund 75 Milliarden Euro an staatlicher Förderung für die Erneuerbaren.

janne-andresen„Fast 40 Milliarden Euro Subventionen erhalten Kohle- und Atomenergie allein in Deutschland pro Jahr. Der Staat gewährt den Energiekonzernen nicht nur Finanzhilfen und Steuervergünstigungen, sondern nimmt ihnen auch viele externe Kosten für Klimaschäden oder die Atommüll-Entsorgung ab. Der Verbraucher zahlt also mit seinen Steuergeldern für diese schmutzigen und riskanten Energieträger drauf, ohne es zu wissen. Berechnungen zeigen, dass sich diese versteckten Kosten für einen Durchschnittshaushalt auf rund 360 Euro pro Jahr summieren. Das ist ein Drittel mehr, als derselbe Haushalt – transparent und nachvollziehbar – über die EEG-Umlage für die Förderung erneuerbarer Energien bezahlt“, ergänzt Janne Andresen, Referentin Energiepolitik bei Greenpeace Energy.

In einer Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) heißt es dazu: „(Die) konventionellen Energieträger Atomenergie, Steinkohle und Braunkohle profitieren seit Jahrzehnten in erheblichem Umfang von staatlichen Förderungen in Form von Finanzhilfen, Steuervergünstigungen und weiteren begünstigenden Rahmenbedingungen. Im Unterschied zu den Erneuerbaren wird ein Großteil dieser Kosten nicht transparent über den Strompreis ausgewiesen und bezahlt, sondern geht zulasten des Staatshaushalts. Würde man diese Kosten auch als eine „Konventionelle Energien-Umlage“ auf den Strompreis umlegen, wäre diese heute mit 10,2 Ct/kWh fast dreimal so hoch wie die EEG-Umlage (des Jahres 2012).

Experten wie Dr. Harry Wirth, Physiker am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg, warnen vor allem vor den tatsächlichen Kosten und Risiken der fossil-nuklearen Stromgewinnung, die derzeit nicht überschaubar sind. Denn sie entstehen größtenteils in der Zukunft – CO2-induzierte Klimakatastrophen, Nuklearunfälle, Endlagerung von Atommüll, Ewigkeitslasten. Die Risiken der Atomkraft würden von Fachleuten allerdings so hoch eingeschätzt, dass keine Versicherung oder Rückversicherung der Welt sich zutraut, Policen anzubieten. In Folge versichere im Wesentlichen der Steuerzahler die Atomindustrie, so Wirth in seinem Beitrag „Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland“.

In Frage drei baten wir um eine Einschätzung der Stromgestehungskosten in Deutschland. Hier zeigte sich, dass selbst bei einer auf diesem Gebiet versierten Interessensgemeinschaft kein Durchblick im Dschungel der Preisangaben herrscht. Bei der Frage, bei welchen Energieträgern die Stromgestehungskosten in den letzten fünf Jahren gestiegen, gefallen oder gleich geblieben sind, gab es schon eher ein klares Meinungsbild. Laut Angabe des Fraunhofer ISE sind diese für Kernenergie, Braunkohle, Steinkohle, Erdgas und Biogas gestiegen, für Wasserkraft gleich geblieben und für Windkraft und Photovoltaik gesunken. Zusätzlich sind auch die Vergütungssätze für Solaranlagen in Deutschland alleine in den vergangenen fünf Jahren um etwa 80 Prozent gefallen.

dr-patrick-graichen„Neue Wind- und Solaranlagen sind inzwischen die günstigsten CO2-freien Energietechnologien. Wir können das Klima mit Strom aus Wind und Sonne um 20 Prozent günstiger schützen als mit neuen Atomkraftwerken. Das zeigt eine Studie von Prognos für Agora Energiewende. Das Stromsystem bleibt dabei so sicher wie es ist. Dafür sorgen Gaskraftwerke, die anspringen, wenn es weder Sonne noch Wind gibt. Weil Gaskraftwerke ebenfalls gebraucht würden, um mit Atomkraftwerken Versorgungssicherheit herzustellen, ist der Klimaschutz bei beiden Varianten gleich gut“, so die Meinung von Dr. Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende.

Teure Stromtrassen für erneuerbare Energie?

Momentan stark in der Diskussion ist die Frage, ob der Netzausbau im geplanten Umfang für den Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig ist. Wir habe einige Zitate von Politikern und Wissenschaftlern aus der Sendung Monitor ARD/WDR aufgelistet und baten die Umfrageteilnehmer um ihre Einschätzung, welche der folgenden Aussagen sie für richtig halten. Dabei nannten wir die Namen der Zitatgeber nicht:

  • „Wer Ja sagt zu erneuerbaren Energien, muss auch Ja zum Netzausbau sagen.“ (Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin)
  • „Man braucht die HGÜ-Leitungen nicht, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.“ (Prof. Christian von Hirschhausen, TU Berlin)
  • „Wir brauchen große Stromtrassen, um den Wind aus dem Norden dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird.“ (Peter Altmaier, CDU, Kanzleramtsminister)
  • „Wenn diese Netze gebaut werden, müssen diese Investitionen vom Stromverbraucher bezahlt werden, obwohl sich später herausstellen wird, dass diese Leitungen gar nicht erforderlich sind.“
  • „Der Leitungsausbau ist Voraussetzung dafür, dass man die Energiewende betreiben kann.“ (Sigmar Gabriel, SPD, Bundeswirtschaftsminister)
  • „Wir werden Kohlestrom transportieren über diese teuren Leitungen, die unsere Treibhausgasbilanz verschlechtern, weil sie immer mehr Treibhausgase verursachen.“ (Prof. Claudia Kemfert, Dt. Institut für Wirtschaftsforschung)

Die Umfrageteilnehmer vertrauten der Aussage der Bundeskanzlerin am meisten (21 Prozent), aber auch die kritischen Aussagen von Prof. Dr. Christian von Hirschhausen und Prof. Dr. Claudia Kemfert schätzten viele Teilnehmer als richtig ein (je 17 Prozent).

prof-dr-christian-hirschhausen„Man braucht die HGÜ-Leitungen nicht, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die vorgeschlagene HGÜ-Trasse beginnt inmitten Deutschlands zweitgrößter Braunkohleregion mit über 10.000 MW Braunkohle-Kraftwerkskapazitäten, dagegen ist die Einspeisung Erneuerbarer in diese Leitung relativ gering. Und auch die Versorgungssicherheit kann gar nicht an der Verfügbarkeit der HGÜ-Leitung hängen, da die Leitung frühestens Mitte der 2020er Jahre – deutlich nach dem Atomausstieg – zur Verfügung stehen würde. Außerdem gibt es bereits eine gut entwickelte Netzinfrastruktur, welche durch geringfügige Ergänzungen noch leistungsstärker gestaltet werden kann.“ — Prof. Dr. Christian von Hirschhausen, Berlin University of Technology (TU Berlin) School of Economics & Management (Fak. VII), IP Workgroup for Economic and Infrastructure Policy

Bei der Frage, wie die drei geplanten HGÜ-Stromtrassen durch Deutschland verlaufen sollen, nahmen 11 Prozent der Teilnehmer an, dass alle drei Stromtrassen eine Anbindung zur Nord- oder Ostsee haben und nach Süddeutschland führen. 48 Prozent gingen davon aus, dass diese Anbindung bei zwei der drei geplanten Trassen der Fall ist. 41 Prozent vermuteten, dass lediglich eine der drei Stromtrassen eine Anbindung an die Nord- oder Ostsee hat und die anderen beiden von NRW beziehungsweise dem Osten Deutschlands aus in den Süden führen. Prof. Dr. Claudia Kemfert, die dieses Thema am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung untersucht, bestätigt letztere Aussage.

Prof. Dr. Claudia Kemfert„Infrastrukturkosten werden gerne der Energiewende angerechnet. Von den drei geplanten neuen Stromtrassen verläuft aber nur eine von Schleswig Holstein nach Bayern, um überschüssige Windenergie zu transportieren. Der Blick auf die Landkarte zeigt, dass die geplante HGÜ-Osttrasse in den mitteldeutschen Kohlerevieren und die Westtrasse nah am rheinischen Braunkohlerevier starten. Das heißt, wir werden Kohlestrom, der unsere Treibhausgasbilanz verschlechtert, über diese teuren Leitungen transportieren. Damit können wir unsere Klimaziele nicht erreichen.“ — Prof. Dr. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin)

Ach ja, die Klimaziele. Da war doch etwas, das wir eigentlich mit der Investition in erneuerbare Energien erreichen wollten – abgesehen davon, ob nun alle Kosten, die plakativ unter „Kosten der Energiewende“ dargestellt werden, auch tatsächlich zur Förderung dieser verwendet werden.

Bisher wurde vor allem das Thema Kosten behandelt. Es stellt sich aber auch die Frage, ob man die Energiewende rein unter dem Kostenaspekt betrachten sollte oder auch unter dem Gesichtspunkt der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt. Dazu gehören neben der Senkung der CO2-Emissionen sicher auch Themen wie die regionale Wertschöpfung, neue Arbeitsplätze, risikoärmere Energieversorgung und vieles mehr.

christoph-von-bergen„Es ist sehr bedauerlich, dass ein so wichtiges Thema wie der Ausbau der erneuerbaren Energien am häufigsten unter dem Gesichtspunkt Subventionen diskutiert wird. Besonders, wenn man vergleichbare Fördermittel anderer Branchen betrachtet, die kaum thematisiert werden“, erklärt Christoph von Bergen, Solarpionier und CEO der Sputnik Engineering AG. „Ich halte die Investition in erneuerbare Energien für eine der nachhaltigsten Anlagen unserer Zeit, denn es geht dabei um die Zukunft kommender Generationen – ihrer Umwelt und Lebensumstände.“

Beim letzten Punkt unserer Meinungsstudie fragten wir die Umfrageteilnehmer daher nach ihrer Einstellung zu diesem Thema. Drei Prozent stimmten der Aussage zu „Die Energiewende sollte in erster Linie anhand ihrer unmittelbaren Kosten bewertet werden“. 35 Prozent finden: „Die Energiewende sollte in erster Linie anhand ihres Beitrags zur gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt bewertet werden.“ Die Mehrheit von 60 Prozent spricht sich dafür aus, die Energiewende gleichermaßen unter beiden Gesichtspunkten zu betrachten.

Es bleibt die Frage, warum die Kosten und Ausgaben so wenig transparent dargestellt werden, dass selbst interessierte Bürger oder Menschen, die sich beruflich mit dem Thema beschäftigen, kaum eine Übersicht über die Fakten haben. Blicken Politiker und Medien selbst nicht durch in diesem Dschungel aus Zahlen und widersprüchlichen Aussagen oder ist die Lobby mancher Branchen so mächtig, dass sie die Angst vor steigenden Kosten absichtlich schürt, um an konventionellen Energiemodellen festzuhalten?

Die FAZ veröffentlichte am 09.01.2014 einen Online-Artikel zu den EEG-Kosten im Jahr 2013 mit dem Titel: „Ökostrom kostet jeden Deutschen 240 Euro im Jahr“. Das klingt für viele Verbraucher natürlich beunruhigend – aber wie kam die FAZ auf diese Zahl? Laut Einschätzung von WDR und tagesschau.de wurde die EEG-Gesamtumlage in Höhe von 19,4 Mrd. Euro für 2013 einfach durch die rund 80 Millionen Einwohner geteilt. Allerdings zahlen die deutschen Verbraucher die EEG-Umlage nicht auf den gesamten deutschen Stromverbrauch, sondern für ihren Haushaltsstrom-Anteil sowie den Anteil für die von der EEG-Umlage befreiten Unternehmen. (Die Strompreise für die Industrie sind laut Statistika übrigens seit dem Jahr 2007 um rund neun Prozent gefallen.) Für das Jahr 2013 betrug die EEG-Umlage 5,2 77 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Bei der Gegenrechnung des WDR wären das bei einem Vier-Personen-Haushalt mit 4.000 kWh Jahres-Stromverbrauch etwa 53 Euro pro Jahr und Person bzw. 4,40 Euro pro Monat und Kopf. Eine ähnliche Rechnung habe ich neulich in einer Radiosendung gehört, bei der die Zuhörer gefragt wurden, ob ihnen der Umstieg auf erneuerbare Energie eine Summe von 50-60 Euro pro Jahr – also 5-6 Euro im Monat wert wäre. Die Reaktion der Hörer war ein klares JA.

thumb hans josef fell„Die globale Umstellung auf 100% erneuerbare Energien gehört zu den wichtigsten Projekten der Menschheit. Viele der drängendsten Fragen würden weitgehend gelöst: Erderwärmung, Armutsbekämpfung, Beendigung der Atomkraftgefahren, Umweltverschmutzungen, Krankheitsursachen. Selbst Kriege um Erdöl und Machtspiele um Energielieferungen würden beendet. Die Diskussion um die Energiewende darf nicht auf die Frage der Investitionskosten reduziert werden, ansonsten driften wir immer tiefer in größere Schäden und Schadenskosten, die konventionelle Energien permanent verursachen.“ — Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group und ehemaliger Abgeordneter des Deutschen Bundestages.

Die Umfrage unter den Mitgliedern des CleanEnergy Projects hat mehrere Informationslücken aufgezeigt: Zum einen ist sehr unklar, welche Kosten welchen Energiearten zugerechnet werden können. Auch die Betrachtung von Subventionen wird überwiegend einseitig dargestellt. So wird in der Diskussion oft nicht klar differenziert, welche anderen Faktoren, wie Sonderregelungen für Industrieunternehmen und gesunkene Börsenstrompreise, die paradoxerweise die EEG-Umlage erhöhen, einen Einfluss auf die Kosten haben, welche die Haushalte auf ihrer Stromrechnung sehen. Und zu guter Letzt wird zwar sehr viel über steigende Kosten gejammert, aber den meisten Verbrauchern ist gar nicht klar, über welche Summe pro Jahr und Haushalt sie sich eigentlich Gedanken machen sollen. Doch erst dann könnten sie entscheiden, ob ihnen die Energiewende diese Investition wert ist.

1 Kommentar

  • Konservative Medien stehen unter dem Einfluss ihrer Inserenten, zu denen auch die Energie-Großkonzerne gehören. Diese legen es doch darauf an, uns dumm zu halten. Wie kann man das ändern? Ich habe leider keine zündende Idee.