Das Scheitern der deutschen Energiewende

Kraftwerk

Fehlende Netzkapazitäten und massive Eingriffe des Staates in den Strommarkt gefährden die deutsche Energiewende. Während sich der deutsche Strommix zugunsten der Erneuerbaren verändert, feiern veraltete Ölkraftwerke ein unerwartetes Comeback. Das Fehlen einer einheitlichen Energiepolitik innerhalb Europas verschärft diese skurril anmutende Situation zusätzlich. Obwohl Deutschlands Kohleverbrauch steigt, und sich die CO2-Emissionen weiterhin erhöhen, droht immer öfter der totale Stromausfall.

Die Renaissance der Ölkraftwerke ist keinesfalls ein unerfreuliches Zukunftsszenario. Tatsache ist vielmehr, dass sich Deutschland bereits inmitten dieser negativen Entwicklung befindet. Um das deutsche Stromnetz zu stabilisieren, greift die Bundesrepublik regelmäßig auf ineffiziente und zugleich teure Ölkraftwerke zurück. Doch wie kommt es zu dieser bedauerlichen Entwicklung?

Die Situation der letzten Tage führte eindrucksvoll vor Augen, dass zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands eindeutig Netzkapazitäten fehlen. In Norddeutschland führte starker Wind zur Entstehung von Windstromspitzen. Der dabei entstandene Überschuss an produzierte Energie hatte zur Folge, dass die Strompreise an der Strombörse in Leipzig rapide sanken. Als direkte Konsequenz wurden die somit nicht mehr länger konkurrenzfähigen Gaskraftwerke in Süddeutschland automatisch abgeschaltet.

Dadurch entstand eine gefährliche Energielücke zwischen Nord- und Süddeutschland. Der totale Stromausfall schien realistisch. Das gesamte Stromnetz lief Gefahr, instabil zu werden. Um ein Blackout zu vermeiden, veranlasste der Stromnetzbetreiber Tennet die Inbetriebnahme von vier alten Ölkraftwerken. Drei dieser vier Ölkraftwerke, welche für solche Fälle bereitstehen, befinden sich in Österreich. Das Hochfahren der Anlagen ist stets mit gewaltigen Kosten verbunden, welche nicht vom Netzbetreiber getragen, sondern schlussendlich von jedem einzelnen Stromkunden bezahlt werden.

Die traurige Wahrheit ist folglich, dass in solchen Situationen moderne und relativ umweltfreundliche Gaskraftwerke vom Netz genommen werden. Stattdessen werden alte und teure Ölkraftwerke reaktiviert. Schätzungen gehen davon aus, dass der Betrieb eines Ölkraftwerks in solchen Fällen viermal höhere Kosten verursacht, als der fortlaufende Betrieb eines Gaskraftwerks.

Hier zeichnet sich eine massive Fehlentwicklung in der Energiepolitik Deutschlands und zugleich in der Vorgehensweise vieler anderer europäischer Länder ab. So etwa stieg der Kohleverbrauch in der Bundesrepublik im Vorjahr weiterhin an. Um ganze acht Prozent mehr der fossilen Energiequelle wurden hierzulande verfeuert. Damit einher ging die Erhöhung der CO2-Emissionen um 1,2 Prozent.

Diese skurrile Situation führt unter anderem dazu, dass jeder Stromkunde in Deutschland mittlerweile gleich viel für die Ökostromumlage pro Kilowattstunde bezahlt, wie für den eigentlichen Strom selbst. Zugleich werden die relativ umweltfreundlichen Gaskraftwerke zusehends aus dem Energiemarkt gedrängt (das CleanEnergy Projekt berichtete über diese neue Entwicklung auf dem Energiesektor).

Unter den jetzigen Bedingungen droht der deutschen Energiewende das Scheitern. Zu massiv sind die zahlreichen Eingriffe des Staates in den Strommarkt. Fehlende Netzkapazitäten sowie eine Energiepolitik, die nur mangelhaft mit anderen Ländern Europas abgestimmt ist, verschlimmern die derzeitige Lage zusätzlich.

Die ehrgeizigen Ziele der deutschen Regierung sehen freilich vor, den Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung in den kommenden Jahren deutlich zu erhöhen. Derzeit trägt Windenergie acht Prozent zum Strommix bei. 2030 sollen bereits 15 Prozent in den Windparks vor Deutschlands Küsten produziert werden. Weitere Energielücken scheinen somit vorprogrammiert zu sein.

Joachim Kern

6 Bemerkungen

  • Automatisches bidirektionales Stromhandelssystem für alle und schon wären stromproduzierende Heizungen in der Massenproduktion mit entsprechend günstigen Stückpreisen. Fernleitungen für Strom werden damit weitgehend überflüssig und die Energiewende wäre gesichert. Windstrom wird dann nicht mehr dort errichtet, wo er nicht gebraucht und genutzt werden kann, sondern an sinnvolleren Orten.

  • Ich verstehe den Fehler im System, aber nicht die Ursache:
    Warum kann der deutsche Netzbetreiber Tennet veranlassen, dass in Österreich 4 Ölkraftwerke hochgefahren werden, aber nicht, dass in Süd-Deuschland Gaskraftwerke wieder angefahren werden??
    Fehlt es hier an regulatorischen Massnahmen?

  • Danke für Ihr großes Interesse an dem von mir verfassten Artikel.

    Wie bereits in dem Artikel erwähnt, führen die derzeitigen Entwicklungen auf dem Strommarkt teilweise skurril anmutende Situationen herbei. Dazu zählt auch, dass in Deutschland regelmäßig Gaskraftwerke aus Kostengründen vom Netz genommen werden.

    stern.de vom 29.01.2013: „Da hier wegen gefallener Börsenstrompreise [u]bestimmte Gaskraftwerke aus Rentabilitätsgründen nicht am Netz [/u]sind, wurde sicherheitshalber Strom aus vier Kaltreservekraftwerken angefordert, drei davon in Österreich.“ http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/kaltreserve-wegen-starkwinds-angezapft-1962625.html

    Meiner Meinung nach ist dies eindeutig darauf zurückzuführen, dass die deutschen Energieversorger selbst für jene Verluste aufkommen müssen, welche entstehen, wenn die Gaskraftwerke am Netz bleiben. Das [u]Hochfahren eines österreichischen Ölkraftwerks[/u] bedeutet andererseits zwar deutlich höhere [u]Kosten bzw. Verluste. Diese Kosten bzw. Verluste können jedoch auf Deutschlands Stromkunden abgewälzt werden.[/u]

    Der BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. beschrieb am 18.12.2012 die Situation in Deutschland folgendermaßen: „In den ersten neun Monaten dieses Jahres (Anmerkung: 2012) [u]ist der Einsatz von Erdgas in Kraftwerken um 14 Prozent zurückgegangen[/u], teilte der BDEW mit.“ http://www.bdew.de/internet.nsf/id/20121218-pi-anteil-der-erneuerbaren-energien-steigt-auf-23-prozent-de

    In solchen Situationen wird bevorzugt auf ein [u]altes Kraftwerk im Süden Österreichs[/u], in der Nähe der Stadt Graz, zurückgegriffen. Dabei handelt es sich um das Fernheizkraftwerk Neudorf-Werndorf, wo [u]überwiegend Heizöl schwer als Brennstoff [/u]verwendet wird. http://de.wikipedia.org/wiki/Fernheizkraftwerk_Neudorf-Werndorf

    Diese Praxis bestätigt auch ein Artikel der FAZ vom 05.01.2012, der konkret auf ebendieses Kraftwerk eingeht. http://m.faz.net/aktuell/wirtschaft/energieversorgung-deutschland-braucht-hilfe-aus-oesterreich-11593220.html

    Dass hierfür auch die Preisentwicklungen an der Strombörse in Leipzig verantwortlich sind, untermauert ein Artikel im Handelsblatt vom 29.01.2013: „[u]An der Leipziger Strombörse fielen die Preise[/u] für den kurzfristigen Stromeinkauf für Dienstag (Anmerkung: 29.01.2013) auf bis zu 0,8 Cent je Kilowattstunde, normal sind etwa 5 Cent.“ http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kaltreserve-muss-her-starkwind-fordert-das-stromnetz-heraus/7706248.html

    Bei den angesprochenen [u]vier Reservekraftwerken[/u] handelte es sich um:
    Österreich: das Öl-/Gaskraftwerk Werndorf bei Graz, das Kombikraftwerk Theiss in Maria Enzersdorf, das Gaskraftwerk Korneuburg.
    Deutschland: Gaskraftwerk Staudinger 4
    (Beim Verfassen des Artikels waren nicht alle Kraftwerke eindeutig bekannt)

    Die deutsche Tochter des niederländischen Stromnetzbetreibers [u]Tennet [/u](http://www.tennettso.de/site/) bzw. der österreichische Elektrizitätskonzern [u]Verbund[/u] (http://www.verbund.com/cc/de/) werden Ihnen diese Angaben gewiss bestätigen, auch wenn beide Unternehmen in den jeweiligen Pressebereichen darauf nicht eingehen.

    Joachim KERN

  • Traurig aber wahr, wir stehen vor den Scherben unserer schönen Energiewende 🙁 ….

    Die Entwicklung der letzten Wochen zeigt den immanenten Systemfehler in der Energiewende, so wie sie bisher geplant war : Das Fehlen von entsprechenden Groß-Speichern, auch gerne ‚Saisonal-Speicher‘ genannt !

    Immer öfter müssen wir die schönen Windräder abschalten, weil wir nicht wissen wohin mit der Energie, und genauso oft geht uns der Strom aus. Lösen liesse sich dieses Dilemma mit entsprechenden Groß-Speichern, in der Realität lassen sich diese aber nicht finanzieren, im Gegenteil, die Einnahmen für Pumpspeicherwerke gehen seit Jahren kontinuierlich zurück.

    Es wird dringend Zeit für ein neues Marktmodell, welches nicht nur die Energiemenge zu einem Zeitpunkt X, sondern auch die garantierte Verfügbarkeit der Energie bewertet. Auf diese Weise würden sich nicht nur Gas-Kraftwerke im Standby sofort wieder rentieren, sondern auch Energiespeicher, und es könnte endlich mit dem dringend notwendigen Zubau derselben begonnen werden.

    Um die Energiewende bis 2050 schaffen zu können, mit dem 80% Ziel das ausgerufen wurde, benötigt nur Deutschland alleine Groß-Speicher mit ca. 20 – 50 TWh Gesamt-Kapazität. Idee, wie dies realisiert werden können, gibt es mittlerweile genug, siehe Lage-Energiespeicher von Dr. Heindl, oder der Ringwallspeicher von Dr. Popp, allein, es fehlt allen Ortens am politischen Willen, und an den Mitteln um diese auch wirklich realisieren zu können.

    Und was macht Deutschland ? Wir fördern Solar-Speicher, also Batterien. Prima ! Selbst um damit nur 10 TWh Gesamt-Kapazität realisieren zu können würden wir ca. 5.000 Miliarden Euro benötigen, bei erhofften 500,- €/kWh (heute: 3.000,- € /kWh), also das 2,5-fache unserer heutigen Staatsverschuldung. Nur weiter so, der Staats-Bankrott ist nahe !

    Jeder sollte mittlerweile verstanden haben dass die Energiewende ohne Groß-Speicher scheitern wird ! WICHTIG : Auch ein Gas-Kraftwerk im Standby ist ein solcher Groß-Speicher !! Wir müssen jetzt konsequent daran arbeiten ein Marktmodell für Energie zu etablieren, das dessen Verfügbarkeit bewertet, und damit Speicher-Technologien für die Zukunft nachhaltig fördern. Nur so kann die Energiwende doch noch gelingen …..

  • Wirtschafts- u. Umweltministerium sind Verursacher einer Kostenexplosion der Stromtarife/Preis für Endverbraucher!
    Ebenfalls für ein absurden Anstieg von fossilen Brennstoffen, des CO2 in der BRD und eine außer kontrolle laufende Entwicklung
    derzeitiger Regelungen von CO2 Zertifikaten !
    Wirtschafts- und Umwelministerium haben eine rasche Entwicklung der Flexibilisierung und Anpassung des Stromnetzes
    häufig blockiert und behindert! In der Folge steigen die Energiekosten weiter !
    Fehleinschätzungen und das Aussitzen von Richtunsweisenden Entscheidungen in der Energiebrache, gefährden somit auch tausende Arbeitsplätze!
    Die großen Enegiekonzerne nehmen [b]deutlich zu viel politischen Einfluß auf das Wirtschafts- u. Umweltministerium![/b]
    Dies ist langfristig Kontraproduktiv für die Volkswirtschaft in Deutschland und der Eurozone!

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